Bedrängende Monologe im Theater Münster
Menschen im Zwangszustand

Münster -

Überforderte Menschen in Alltagssituationen: Mit Ingrid Lausunds Stück „Bin nebenan. Monologe für zuhause“ bietet das Theater Münster ein Intermezzo, das in unsere Corona-Zeit zu passen scheint, in Wirklichkeit aber schon vor einigen Jahren entstanden ist. Die Monologe spielen in den eigenen vier Wänden. Wer dächte da nicht an häusliche Quarantäne?

Freitag, 05.06.2020, 14:38 Uhr
Die Dame im Strickkleid (Regine Andratschke) träumt sich aus den vier Wänden nach
Die Dame im Strickkleid (Regine Andratschke) träumt sich aus den vier Wänden nach Foto: Oliver Berg

In Corona-Zeiten ist alles anders. So sitzen derzeit im Theater Münster nur gut 80 Personen im Parkett, getrennt durch Abdeckplanen und Flatterband. Auf der Bühne bietet das Theater als willkommene Unterbrechung des kulturellen Vakuums dieser Wochen das Stück „Bin nebenan. Monologe für zuhause“ aus der Feder von Ingrid Lausund . Das sind bei der Premiere am Donnerstagabend fünf tragikomische Vorträge seltsamer Randfiguren, die ihre maßlose Überforderung mit der Gegenwart und ihrem Alltag in den eigenen vier Wänden kundtun.

Das könnte auf die Corona-Quarantäne gemünzt sein, ist es aber ursprünglich nicht, weil das Stück von Ingrid Lausund schon länger durch die deutschen Theater geistert. Wobei das Wort Tragikomödie hoch gegriffen scheint, denn eine Handlung zwischen den fünf hier auftretenden Damen und Herren ist nicht recht greifbar. Dafür liefern die Solo-Künstler auf der Bühne rasante Wortkaskaden und Bewegungen aus dem Kosmos menschlicher Bedrängungen und Bedrückungen. Das durchgängig Schräge und Überforderte der Figuren bildet dabei den dünnen roten Faden.

Wenn wir schon bei Corona und Quarantäne sind, dann passt die Eingangsszene – Titel: „Globus“ – mit Regine Andratschke im Strickkleid noch am besten in die Zeit. Sie dreht sich zwischen Sofa, Kühlschrank und Fenster hin und her, kommentiert alles, was ihr in den eigenen vier Wänden vor die Augen und vor die Finger kommt, seziert aufkeimende Gefühlswallungen. Im Hintergrund eine weiße Winterlandschaft, rieselnder Schnee. Irgendwann tippt die Dame im Strickkleid auf den Globus im Zimmer und träumt sich nach Island. Kam das eisige Vulkanland bei den Infektionszahlen nicht glänzend weg? Island als Sehnsuchtsort? Weiter geht’s: Ein Luxusweibchen (Sandra Schreiber) plappert über ihre von kulturellen Stereotypen überlagerten Erfahrungen mit der türkischen Putzhilfe. Ein Zwängler (stark: Louis Nitsche) drückt seine roboterhaften Sätze über Schlachthofjob, schwere Kindheit und Masturbationsfantasien ins Publikum. Eine gescheiterte Künstlerin (schön schrill: Lea Ostrovskiy) kämpft sich mit ihrer besserwisserischen Mutter ab. Schließlich sucht ein schleichender Engel (Paul Maximilian Schulze) verzweifelt nach einer letzten Ruhestätte.

Etwas Kichern und freundlicher Applaus für das Bühnen-Intermezzo. Möge Münsters Theater bald die Notzeiten hinter sich lassen.

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