Lieder- und Arien-Programm „Tonight!“ im Großen Haus
Leidenschaft mit Aerosol-Sicherheitsradius

Fast drei Monate währte die Zwangspause des Musiktheaters am Theater Münster. Um so fulminanter die Rückkehr mit Liedern und Arien, aber auch einem Augenschmaus.

Mittwoch, 10.06.2020, 17:18 Uhr
Pascal Herington
Pascal Herington Foto: Oliver Berg

Die beiden kecken Damen sind sich offensichtlich nicht wohlgesonnen. Unflätiges wie „Dreckshaufen“ oder „Mistvieh“ erhebt sich aus den Gesangszeilen. Eine jede ist überzeugt, diesen „Mackie“ für sich alleine zu haben, um den hier der Streit entbrannt ist. Dass sich die Sopranistinnen Kathrin Filip und Kristi Anna Isene am Ende von Kurt Weills „Eifersuchts­Duett“ als Kontrahentinnen nur scherzhaft angedeutet an die Gurgel gehen, ist den Corona-Regeln geschuldet. Sechs Meter nach vorn, vier zur Seite ohne direktes Ansingen — dies ist der Aerosol-Sicherheitsradius, der eingehalten werden muss an diesem Abend, an dem sich das Musiktheater des Theaters Münster bestens präpariert nach fast dreimonatiger Zwangspause mit dem Lieder- und Arien-Programm „Tonight!“ zurückmeldet.

Bariton Filippo Bettoschi eröffnet als gehetzter Figaro am Dienstagabend mit dem „Largo al factotum“ aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ das kurzweilige, von Studienleiter Boris Cepeda zurückgenommen am Flügel begleitete Programm. „Herzenswünsche“ kündigt Operndirektorin Susanne Ablaß für die kommende Stunde an — „von den Sängern für Sie persönlich ausgewählt“.

Das Repertoire reicht von Klassikern wie Franz Schuberts „An die Musik“, von Bariton Gregor Dalal konzen-triert vorgetragen, über Franz Lehárs schmissiges „Freunde, das Leben ist lebenswert“, das Tenor Youn-Seong Shim ausgewählt hat, bis zu George Gershwins „I got plenty o’ nuttin“, von Bass Christoph Stegemann launig präsentiert.

So zaubert das abwechslungsreiche Programm größtmögliche Intimität ins spärlich besetzte, mit Flatterband abgesperrte Große Haus. Auch deshalb, weil Sven Stratmann den Vorhang mit wechselnden Projektionen bespielt, die Atmosphäre schaffen. Bei Verdis Duett „Sempre libera“ etwa, bei dem ein Blütenteppich Sopranistin Marielle Murphy und „Schattenmann“ Youn-Seong Kim durch den Vorhang trennt. Tenor Pascal Herington findet sich später im New York der 1950er Jahren wieder. Gibt es eine bessere Kulisse für „Maria“ und „Tonight“ aus Bernsteins „West Side Story“?

Dass Herington das Theater Münster zum Ende der zerstückelten Spielzeit verlassen wird, ist der Wermutstropfen an diesem Abend. Und auch Mezzo-Sopranistin Suzanne McLeod, die Richard Strauss’ „Muttertändelei“ zuvor so wunderbar kiebig ausstattet, scheidet nach 37 Jahren aus, bleibt aber als Gast am Haus. Für sie und für alle Mitwirkenden gibt es zwischendurch schon Bravo-Rufe – und am Ende herzlichen Applaus.

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