Boulevard Münster meldet sich zurück
Der „Liebhaber“ ist auch nur ein Mensch

Münster -

Corona ist noch nicht vorbei. Aber das Boulevard Münster ist zurück: mit einer sowohl amüsanten als auch anrührenden Komödie.

Sonntag, 14.06.2020, 16:18 Uhr
Franziska Bienek und Eric Haug eröffnen die Nach-Corona-Spiele im Boulevard mit „Der letzte der feurigen Liebhaber“.
Franziska Bienek und Eric Haug eröffnen die Nach-Corona-Spiele im Boulevard mit „Der letzte der feurigen Liebhaber“. Foto: Pitt Pittermann

Munteres Gemurmel. Die freundliche Servicekraft eilt durch die Reihen und serviert Belebendes von Bitter Lemon bis Weißwein. Der Barkeeper löscht die fünf Kandelaber-Kerzen. Es wird dunkel. Der Vorhang öffnet sich. Es wird still.

Bis vor drei Monaten war das allabendliches Theater-Ritual. Dann kam Corona. Mit Masken und Abstand und Krampf. An diesem Wochenende öffnete sich endlich der Vorhang im Boulevard Münster wieder inmitten einer mit Vernunft bislang in Grenzen gehaltenen Pandemie. Raum für Lachen, Momente, locker zu werden, sogar ein bisschen Platz für Weisheit. Mit „Der letzte der feurigen Liebhaber“ steht ein Stück auf der Spielplan, das zwar die Ironie im Schlepptau hat, aber charmant Schwächen des reifen Mannes als Rahmen für amüsante Lehrstunden nutzt.

Barney Cashman ist jetzt Mitte vierzig, solide, lebt monogam und fragt sich: „Soll das alles gewesen sein?“ Der Mann sinnt auf erotische Abenteuer und startet drei Versuche. Heimlich. In der Wohnung seiner Mutter. Was eigentlich schon alles sagt . . .

Elke Ober hat für das unpassende Liebesnest ein gediegenes Blümchen-Ambiente geschaffen, in dem Barney nun geplant, zufällig und als Angebot zu je einem Stelldichein kommt. Eric Haug spielt den Verzweiflungs-„Don Giovanni“ anrührend komisch als tapsigen Teddy-Bär, der doch nur spielen will, aber immerhin einmal laut wird, dass die Kroko-Tasche fliegt. Für diese Manneskraft gibt es Zwischenapplaus: für Barney und für Eric.

Zwischenapplaus gleich mehrfach erhält Franziska Bienek. Ihre drei Rollen sind allerdings auch ungleich dankbarer: Als Kundin Elaine Navazio will sie den Chef des Fisch-Restaurants vernaschen, der eigentlich sie vernaschen wollte. Die beiden kommen nicht auf die romantische Spur. Da leidet der Zuschauer schon mal mit. Nummer zwei ist die Zufallsbekanntschaft Bobbi Michele, die als herrlich durchgeknallte Schauspielerin Cashman wie einen Psychoanalytiker zutextet und Mamas Wohnung mit Joints durchräuchert. Jeanette schließlich hatte Barney Avancen gemacht, sogar mit Majo-Flecken. Doch die Frau seines besten Freundes Mel ist derart auf den schwarzen Hund gekommen, Düsternis ist Sonnenschein dagegen. Nur 8,2 Prozent ihres 39-jährigen Lebens hat sie genossen und nimmt Barney ins Kreuzverhör über das Leben und seine Werte. Der Arme hat’s nicht leicht, dafür das Publikum sein Vergnügen. Franziska Bienek spielt die drei Frauen abwechslungsreich mal bissig, mal schnodderig, mal herausfordernd ernst. Der Humor lebt von den vielen witzigen Dialogen, von Worten, die die beiden sich schlagfertig um die Ohren hauen.

Das Stück vom Broadway-Meister Neil Simon ist über 50 Jahre alt und funktioniert trotzdem wie eh und je. Warum? Weil die menschliche Natur gleich geblieben ist. Und die bleibt in der Inszenierung von Regisseur Klaus-Dieter Köhler bei aller Komik sympathisch sichtbar.

Nur eins zum Schluss: Barneys Mutter muss eine äußert lebenskluge und nachsichtige Frau sein. Dass die nichts von Joints, Schampus und Desinfektionsmitteln gemerkt hat?

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