Metall-Forschungen könnten bis Jahresende Aufschluss über die Herkunft der Legionen in Kalkriese geben
War Varus hier – oder Germanicus?

Münster/Bramsche -

Die Grabungen und Forschungen zur Varus-Schlacht in Kalkriese bei Bramsche stehen in diesem Jahr möglicherweise vor einem Durchbruch. Metall-Experten analysieren zurzeit in Bochum Metallfunde des mutmaßlichen Schlachtengeländes. Diese könnten dann möglicherweise bestimmten Legionen und ihren Werkstätten zugeordnet werden. Das wiederum könnte folgende Fragen beantworten: Ging Varus wirklich am Wiehengebirge mit seinen Legionen unter? Oder gehören die Spuren der Schlacht eher zum Feldherrn Germanicus, der dort einige Jahre später aufkreuzte?

Mittwoch, 22.07.2020, 16:02 Uhr
So stellte man sich in Kalkriese das Schlachtgeschehen im Jahre 9. n. Chr. bislang vor. Germanen bedrängen von einem Wall aus die vorüberziehenden Römer. Doch an dieser Stelle vermuten die Archäologen nun doch ein römisches Marschlager, das allerdings mit der Schlacht in Verbindung stehen könnte.
So stellte man sich in Kalkriese das Schlachtgeschehen im Jahre 9. n. Chr. bislang vor. Germanen bedrängen von einem Wall aus die vorüberziehenden Römer. Doch an dieser Stelle vermuten die Archäologen nun doch ein römisches Marschlager, das allerdings mit der Schlacht in Verbindung stehen könnte. Foto: dpa

Kalkriese macht als möglicher, vielleicht sogar wahrscheinlicher Ort der Varusschlacht im Jahre 9. n. Chr. seit Jahren von sich reden. Nun lassen neue wissenschaftliche Untersuchungen der Metallfunde aufhorchen. Mit ihnen könnte möglicherweise schon bald geklärt werden, welche Legionen eigentlich an den Kämpfen am Wiehengebirge beteiligt waren. Damit wäre es dann auch möglich, die Funde der Varusschlacht zuzuordnen oder eben auch nicht. Darüber befragten wir Dr. Stefan Burmeister , den Geschäftsführer der „Varusschlacht im Osnabrücker Land gGmbH Museum und Park Kalkriese“.

Dr. Stefan Burmeister, Geschäftsführer von Museum und Park Kalkriese

Dr. Stefan Burmeister, Geschäftsführer von Museum und Park Kalkriese

 

Kalkriese und Corona: Wie müssen wir uns das in diesem Jahr vorstellen?

Stefan Burmeister: Wie in jedem anderen Museum auch. Aufgrund der niedersächsischen Landesverordnung hatten wir vom 16. März bis zum 8. Mai geschlossen. Da wir allerdings keine öffentliche Kultureinrichtung, sondern als gGmbH in freier Trägerschaft sind, wirken sich die Mindereinnahmen für uns besonders gravierend aus. Die Besucher kommen inzwischen wieder zögerlich. Schulklassen, die 40 Prozent unseres Besuchsaufkommens ausmachen, fallen aufgrund der Kultusministerweisungen jedoch mindestens bis zum Spätsommer komplett aus. Gruppenführungen sind nur in kleinen Gruppengrößen und damit kaum wirtschaftlich durchführbar. Der wirtschaftliche Schaden ist für uns immens.

Was machen die Ausgrabungen, die ja sonst im Frühjahr anlaufen? Wonach suchen Sie konkret?

Burmeister: Im September werden wir eine kleine Grabung durchführen. Hier zollen wir den coronabedingten finanziellen Einbußen unseren Tribut. Es geht bei der Kampagne um die Klärung stratigraphischer Fragen – wissenschaftliches Kleinklein, das jedoch nötig ist für aktuell neue Fragestellungen.

In den vergangenen Jahren hat Prof. Salvatore Ortisi als Chef-Archäologe die These verfolgt und erhärtet, wonach sich auf dem mutmaßlichen Schlachtfeld mit dem vermuteten und nachkonstruierten Germanen-Wall doch wohl eher ein römisches Marschlager befand. Wie geht der Park Kalkriese damit um?

 

Burmeister: Es spricht momentan vieles dafür, dass wir mit den Grabungen der letzten Jahre auf dem Oberesch die Reste eines römischen Marschlagers erfasst haben. Es ist noch nicht abschließend geklärt, wie sich der bislang als germanisch gedeutete Wall genau dazu verhält. Diese Frage ist entscheidend, um zu klären, ob wir mit den beiden Wällen die Längsseiten eines römischen Lagers vorliegen haben. Mit dieser neuen Interpretation gehen wir sehr entspannt um; wir hatten die nötigen Vorarbeiten bereits in die Wege geleitet, bevor Herr Ortisi wissenschaftlicher Leiter wurde. Letztlich geht es um saubere und gute Wissenschaft. Daran werden wir gemessen.

In Bochum laufen mit Unterstützung der Volkswagen-Stiftung spannende Metall-Forschungen. Es geht um Metalle, die in Kalkriese gefunden wurden und nun möglicherweise bestimmten Legionen zugeordnet werden können. Wie haben wir uns die Untersuchungen vorzustellen?

Die Archäologen Susanne Wilbers-Rost und Achim Rost mit dem spektakulären Fund einer römischen Reitermaske, 2009.

Die Archäologen Susanne Wilbers-Rost und Achim Rost mit dem spektakulären Fund einer römischen Reitermaske, 2009. Foto: Foto: Jürgen Peperhowe

Burmeister: Die Buntmetalle werden auf die Zusammensetzung ihrer Haupt- und Spurenelemente untersucht. Hier erhält man zunächst einen Einblick in die technischen Legierungen und das römische Metallhandwerk. Über die Zusammensetzung der Spurenelemente versuchen wir einen Schritt weiter zu gehen und Fragen der Identität einzelner Legionen zu beantworten. Es ist denkbar, dass durch die Werkprozesse in den Legionsschmieden sich eine legionsspezifische Zusammensetzung der Spurenelemente ausgebildet hat, die es uns möglich machen könnte, einzelne Legionen anhand der Buntmetalle zu identifizieren. Der Grundgedanke ist, dass die Legionsschmiede einen lokalen/regionalen Pool an Recyclingmetall verwendet haben, über den sich mit der Zeit eine Art metallurgischer Fingerabdruck ausbildet. Wir gucken deshalb auch speziell auf Metallobjekte, die bereits recycelt wurden bzw. die als Verschleißteile typischerweise auch in den Legionsschmieden repariert und ausgetauscht wurden. Für unser Projekt analysieren wir nicht nur unsere Buntmetalle. Da wir den Vergleich brauchen, analysieren wir noch einige Hundert von anderen römischen Standorten, wo wir wissen, welche Legionen sich dort aufgehalten haben.

Sollte sich die Varus-These bestätigen: Wäre das dann der endgültige Durchbruch auch im Hinblick auf die vielen Alternativthesen aus Forscher- und Laienkreisen?

Burmeister: Da wir aus den römischen Berichten, wissen, dass sich die Kämpfe über mindestens drei Tage hinzogen und die Varustruppen auf ihrem Weg mehrfach angegriffen wurden, ist immer noch reichlich Platz für andere Orte. Insgesamt würde sich aber die Diskussion vielleicht auch beruhigen. Dennoch glaube ich nicht, dass sich alle Zweifler jemals überzeugen lassen.

Was wäre, wenn diese Funde doch eher in den Germanicus-Horizont gehören?

Burmeister: Dann wären wir immer noch das einzige archäologische Schlachtfeld, über das man einen nennenswerten Einblick in die Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen in der Okkupationszeit erhalten kann.

Wie würde sich das auf das Ausstellungskonzept in Kalkriese und auf den Park auswirken?

Burmeister: Wir planen in jedem Falle in den nächsten Jahren eine große Sonderausstellung zu den Ergebnissen unserer Forschungen der letzten Jahre. Diese soll den Ausgangspunkt der Neukonzipierung der Dauerausstellung bilden. In jedem Falle wird sich unsere Museumspräsentation in einigen Jahren grundlegend ändern.

Diese acht Goldmünzen aus augusteischer Zeit, die 2016 ebenfalls in Kalkriese ausgegraben wurden, sind der wohl größte zusammenhängende römische Goldmünzfund in ganz Europa.

Diese acht Goldmünzen aus augusteischer Zeit, die 2016 ebenfalls in Kalkriese ausgegraben wurden, sind der wohl größte zusammenhängende römische Goldmünzfund in ganz Europa. Foto: Foto: Hermann Pentermann

Wie geht es denn nun in diesem Jahr und in den folgenden Jahren weiter? Es gibt ja sicher noch Forschungs- und Grabungsarbeit für Jahrzehnte ...

Burmeister: Wir haben aktuell eine Reihe von spannenden Forschungsarbeiten laufen, die wir weiterführen werden. Die hier beschriebenen Arbeiten machen nur einen Teil unserer Aktivitäten aus. Eine weitere Doktorarbeit befasst sich hier vor Ort mit den römischen Fundmünzen, die vollständig neu aufgenommen und analysiert werden. Das Besondere an dem Kalkrieser Fundort ist, dass wir hier quasi eine Tagesaufnahme haben – selbst in Pompeji muss man immer noch die Altfunde „rausrechnen“. Was bei uns liegt, haben die Truppen auch wirklich an dem einen Tag dabei gehabt. Gerade die Zusammensetzung der Kalkrieser Münzen weicht vollkommen von dem ab, was man von anderen Fundplätzen kennt – 50 Prozent sind Münzen aus Edelmetall, an anderen Orten sind es ein bis maximal zehn Prozent. Selbst in Pompeji ist der Anteil niedriger.

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