Zum klassischen Bayreuther Festspielbeginn am 25. Juli steht das Haus leer
Keine Meister, keine Rheintöchter

Bayreuth/Münster -

An diesem Samstag wäre sonst das übliche Schaulaufen in Bayreuth. Doch die Wagner-Festspiele befinden sich im Corona-Vakuum. Das wirft Fragen auf. Wann geht es nach Plan weiter? Wie geht es Katharina Wagner? Wie kommen die Festspiele aus der Krise?

Freitag, 24.07.2020, 18:40 Uhr aktualisiert: 31.07.2020, 18:07 Uhr
Als hätte man ein Schloss vor das Portal gehängt: Diesen Eindruck suggeriert das Foto.
Als hätte man ein Schloss vor das Portal gehängt: Diesen Eindruck suggeriert das Foto. Foto: Daniel Karmann/dpa

An diesem Samstag wäre es wieder so weit: Die Festspielbesucher hätten sich in Schale geworfen, die Zaungäste würden sich an den Absperrgittern drängeln, und nach dem ersten Schaulaufen von Angela Merkel und Markus Söder, Rosi Mittermaier und Thomas Gottschalk würden kurz vor 16 Uhr die Fanfaren zum ersten Aufzug der „Meistersinger“ blasen. Normalerweise.

Doch im Jahre der Pandemie ist alles anders, die Bayreuther Festspiele fallen erstmals seit der Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Ganz im Gegensatz zum bekannten Pendant in Salzburg übrigens, wo unter Hygieneauflagen auch die Festspielhäuser bespielt werden. Aber in Österreich gelten etwas andere Regeln für die Kultur, hat uns gerade noch der münstersche Intendant Dr. Ulrich Peters bestätigt: Dort hat man offenbar weniger Furcht vor langen Aufführungen mit Pausen und Foyer-Gedränge. Nach deutschen Regeln wäre schon der erste „Meistersinger“-Akt grenzwertig, der dritte aufgrund seiner Länge nicht spielbar. Und mit dieser Oper sollten die Festspiele eigentlich beginnen, um nach dem sonntäglichen „Tannhäuser“ in den Marathon einer neuen „Ring-Inszenierung einzusteigen. Die ist auf 2022 verschoben

15 Millionen Euro kostet die Corona-Krise die Festspiele allein an Einnahmeverlusten. „Die Bayreuther Festspiele sind traditionell zu etwa 65 Prozent aus Eintrittskarten finanziert. Und diese Einnahmen fehlen natürlich vollkommen, wenn die Festspiele ausgesetzt werden“, sagt der Festspiel-Geschäftsführer Holger von Berg. „Für dieses Jahr wird der Etat reichen, um die Kosten zu decken. Aber keiner weiß, was 2021 sein wird. Können wir die Festspiele durchführen? Wenn ja, wie viele Zuschauer dürfen kommen und wie viel Geld können wir einnehmen?“

Aus seiner Sicht kommt auf die Gesellschafter – die Bundesrepublik, den Freistaat Bayern, die Stadt Bayreuth und die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth – bei der Planung ein größeres Risiko zu. „Die Gesellschafter, die derzeit die restlichen 35 Prozent der Kosten tragen, werden entscheiden müssen, ob sie auch bereit sind, im Zweifel mehr zu geben und das Risiko mitzutragen, wenn Festspiele für 2021 geplant werden, aber nicht durchgeführt werden können. Wenn eine Entscheidung fällt, dass man Festspiele will, zuzüglich der Mehrkosten, zum Beispiel möglicherweise für literweise Desinfektionsmittel, dann muss auch die Bereitschaft da sein, das Risiko eines Ausfalls mitzutragen.“

Denn trotz der Corona-Pandemie planen die Festspiele das kommende Jahr ausgerechnet mit Richard Wagners großen Chor-Opern, wie der kommissarische Geschäftsführer Heinz-Dieter Sense sagt. Sense vertritt die schwer erkrankte Festspielchefin Katharina Wagner bis zu ihrer für den Herbst angekündigten Rückkehr. Geplant sind eine Neuproduktion des „Fliegenden Holländer“ mit der ersten Dirigentin in der Bayreuther Geschichte, deren Name noch ein Geheimnis ist, außerdem „Lohengrin“, die „Meistersinger“ und „Tannhäuser“. Über die erste Dirigentin im Bayreuther Orchestergraben war im vergangenen Jahr schon spekuliert worden, damals hatte Katharina Wagner im Gespräch angedeutet, dass es weder Barbara Hannigan noch Mirga Gražinytė-Tyla sein werden. So darf man gewiss auf die bejubelte Generalmusikdirektorin des nahen Nürnberg Joana Mallwitz tippen, die auch in wenigen Tagen bei den Salzburger Festspielen am Pult steht.

Die Stadt Bayreuth gibt sich positiv im Hinblick auf das nächste Jahr. „Selbstverständlich hofft die Stadt mit der Festspielleitung und allen Mitwirkenden auf eine ,normale‘ Festspielzeit 2021“, sagt ein Sprecher. Allerdings gelten Chorgesänge in Zeiten von Corona als besonderes Risiko. „Außerdem ist die Frage: Wie realisieren wir Abstandsflächen auf der Bühne zwischen Solisten, Choristen, Statisten und den Technikern?“, sagt von Berg, der die Festspiele im Frühjahr 2021 verlässt, weil sein Vertrag nicht verlängert wurde. Und das sei nicht das einzige Problem: „Ein Großteil unseres Publikums gehört aufgrund des Alters zur Risikogruppe“, sagt er. „Wenn die Abstandsregeln, die heute gelten, auch in zwölf Monaten noch gelten, wird das alles schwierig. Dann dürften 329 Zuschauer rein in das Festspielhaus – statt knapp 2000. Selbst wenn die Hälfte der Plätze besetzt wäre, würde das immer noch eine Mindereinnahme von rund acht Millionen Euro bedeuten.“

Durchaus große Sorge bereitet den Geschäftsführern auch die anstehende Sanierung des Festspielhauses, deren Gesamtkosten auf einen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt werden. Der erste Bauabschnitt hat bereits 30 Millionen Euro gekostet. „Nach Corona werden die Baupreise weiter anziehen und es wird neue Vorschriften geben, die man weiter berücksichtigen muss“, sagt Sense. „Je länger man wartet, desto teurer wird die Sanierung.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7507934?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F3825912%2F
Nachrichten-Ticker