Claus Peymann im Borchert-Theater
Herr Bernhard kauft sich einen Anzug

Münster -

Claus Peymann ist schon für sich gesehen ein Erlebnis. Das wollten sich viele Theaterfreunde im Borchert-Theater nicht entgehen lassen. Peymanns zweistündige Lesung aus Thomas Bernhards autobiografischem Text „Meine Preise“ gestaltete sich wie erwartet höchst amüsant.

Freitag, 02.10.2020, 15:44 Uhr
Claus Peymann im Borchert-Theater
Claus Peymann im Borchert-Theater Foto: Helmut Jasny

„Ist jemand älter als 83?“ Diese Frage stellt Claus Peymann dem Publikum im Borchert-Theater. Warum 83? So alt ist er nämlich selbst vor ein paar Monaten geworden. Bevor er 1999 die Intendanz des Berliner Ensembles übernahm, war er 13 Jahre Direktor des Wiener Burgtheaters , wo er mit Thomas-Bernhard-Stücken für den einen oder anderen Skandal sorgte. Wien und Bernhard , das ist nie ganz friktionsfrei über die Bühne gegangen. Und Wien und Peymann auch nicht.

Im Münster des Jahres 2020 sieht die Sache anders aus. Seine zweistündige Lesung aus Bernhards autobiografischem Text „Meine Preise“ gestaltete sich höchst amüsant. Das lag zum einen an Peymanns subversivem Charme, mit dem er das Publikum begrüßte und in die Materie einführte. Zum anderen an einer gewissen Geistesverwandtschaft, die sogar noch fühlbar war, wenn Autor und Vortragender nicht übereinstimmten. Die 68er-Bewegung habe direkt zur „intellektuellen Katastrophe“ geführt, heißt es bei Bernhard. „Ich bin nicht seiner Meinung“, betont Peymann, zieht den Text dann aber anstandslos durch.

In „Meine Preise“ geht es um Bernhards literarische Auszeichnungen und das damit verbundene Zeremoniell. Und das gestaltete sich offenbar nicht immer so, wie er es sich vorgestellt hatte. So muss er bei der Verleihung des Grillparzerpreises, für den er sich extra einen neuen Anzug gekauft hatte, mit Entsetzen feststellen, dass der Preis gar nicht mit einer Geldsumme verbunden ist. Peinlich für beide Seiten gestaltet sich 1967 die Verleihung der „Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie“, bei der er mit „Frau Bernhard“ angesprochen wird.

Peymann macht aus den Texten keine trockene Lesung, sondern legt sich auch darstellerisch ins Zeug – etwa wenn er die Anprobe des neuen Anzugs pantomimisch vorführt oder wenn er bei der Verleihung des Anton-Wildgans-Preises den Namen des anwesenden Ministers Piffl-Perčević ganz im Sinne Bernhards verächtlich ausspuckt. Und es geht nicht nur um die Auszeichnungen selbst. Jeder Preis ist in eine Rahmenhandlung eingebettet. Darin erfährt man beispielsweise, dass der Autor als Bierfahrer für die Brauerei Gösser tätig war oder dass er sich vom Preisgeld einen Sportwagen gekauft und dann in Jugoslawien zu Schrott gefahren hat. Eine ebenso aufschlussreiche wie unterhaltsame Lesung, die Bernhards unnachahmlichen Sound adäquat auf die Bühne brachte.

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