Georg-Dehio-Buchpreis für Ulla Lachauer
Besser als jedes Geschichtsbuch

Ahlen / Berlin -

Es ist eine große Anerkennung ihrer Arbeit: Die gebürtige Ahlenerin Ulla Lachauer wurde jetzt in Berlin mit dem Georg-Dehio-Buchpreis ausgezeichnet.

Samstag, 03.10.2020, 16:25 Uhr aktualisiert: 03.10.2020, 17:00 Uhr
Von einem Gefühl der Ohnmacht während des Corona-Lockdowns berichtete Ulla Lachauer in ihrer Dankesrede.
Von einem Gefühl der Ohnmacht während des Corona-Lockdowns berichtete Ulla Lachauer in ihrer Dankesrede. Foto: Deutsches Kulturforum

30 Jahre liegt es zurück, dass Ulla Lachauer in Memelland die ostpreußische Bäuerin Lena Grigoleit traf. An diese schicksalhafte Begegnung im gerade erst unabhängig gewordenen Litauen erinnerte die Schriftstellerin am Donnerstagabend in ihrer Replik auf die Laudatio bei der Verleihung des Georg-Dehio-Buchpreises in Berlin.

Aufgrund der Hygienebestimmungen fand die Preisverleihung in der Repräsentanz der Robert-Bosch-Stiftung nur im kleinen Kreis statt. In seiner Laudatio würdigte Dr. Joachim Rogall , Vorstandsvorsitzender der Robert-Bosch-Stiftung, das literarische Werk Lachauers, die über die Fähigkeit verfüge, die Menschen selber sprechen zu lassen und ihnen eine Stimme zu verleihen. Mit der anschließenden literarischen Verdichtung auf das Besondere habe sie „eine ganz eigene Form des dokumentarischen Romans“ geschaffen.

Die Geschichten einfacher Menschen.

Dr. Joachim Rogall

„Es ist nicht die große Geschichte, die Sie erzählen, sondern Alltagsgeschichten. Die Geschichten einfacher Menschen.“ Dass Lachauer ihr besonderes Augenmerk auf diese Region, die er als Herrgottswinkel bezeichnete, richte, wisse er, selbst aus ostpreußischer Familie stammend, besonders zu schätzen, so Rogall. Andererseits sei diese Gegend auch die Heimat von Immanuel Kant gewesen, für den sie die ganze Welt gewesen sei. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Annektierung Ostpreußens und des Baltikums durch die Sowjetunion hätten viele Deutsche über die Region ein „geistiges Leichentuch“ gelegt.

Ulla Lachauer habe das Glück gehabt, diese Region nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs aus dem Dornröschenschlaf erwachen zu sehen. „In vieler Hinsicht war die Zeit dort stehen geblieben, konserviert unter der Mehltauglocke des unglaublich konservativen Sozialismus.“

Frau der Gegensätze

Rogall beschrieb die Journalistin, die Bücher schreibt, Radiosendungen macht und Fernsehfilme dreht, als Frau, die die Gegensätze liebe. „Die ganz große Weltgeschichte brechen Sie herab auf ein einzelnes Menschenschicksal, machen aus den großen Daten und abstrakten Fakten ein Schicksal, das berührt, weil es eben fassbar wird.“ Die erzählte Lebensgeschichte einer Bäuerin sei besser als jedes Geschichtsbuch.

In ihrer Antwort schilderte Lauchauer, wie sie die Nachricht über die Zuerkennung des Preises in den ersten Tagen des Lockdowns erreicht habe und sie sich nicht habe vorstellen können, wie die Preisverleihung am 2. Oktober in Berlin stattfinden könnte, während sie selbst seinerzeit nicht mal zum Bäcker kam. „Ich war wie gelähmt“, sagte Lachauer. Der Ausnahmezustand habe sie an die Endzeit der Sowjetunion erinnert, als sie wie bereits angeführt im Baltikum unterwegs war. „Dieses Gefühl der Ohnmacht war jetzt wieder da, die Angst und der Impuls zur Rebellion.“

Der Lockdown war eine historische Stunde des Telefons.

Ulla Lachauer

Andere Menschen, wie ihre hochbetagte Mutter in Ahlen, fühlten sich an den Krieg erinnert. Eingesperrt in den eigenen vier Wänden, habe sie die Nähe zu Familie und Freunden gesucht. „Der Lockdown war eine historische Stunde des Telefons“, stellte Lachauer fest. „Die Stimme war unser wichtigstes Ausdrucksmittel“, erklärte sie. Das Auge, das sonst Vorrang habe, sei bei der Kommunikation ins zweite Glied getreten. „In diesen stillen, endlosen Tagen wurden meine alten Ohren immer wacher“, fuhr die Preisträgerin fort.

Unter den zahlreichen Stimmen, die sich der Schriftstellerin in schlaflosen Nächten in Erinnerung brachten, war auch jene von Lena Grigoleit. Um die Ausdruckskraft dieser Stimme zu beschreiben, ließ die Rednerin einen kurzen Ausschnitt aus den vor der Kamera geführten Interviews einspielen, in denen die Bäuerin ihr Leben schildert. Keiner der Anwesenden oder der Zuschauer im Livestream konnte sich der Wirkung der Worte mit typisch ostpreußischer Sprachfärbung entziehen.

In ihrem Nachwort wandte sich Ulla Lachauer an alle demokratisch Gesinnten in diesem Land mit dem Appell, den Freiheitskampf der Weißrussen in Belarus zu unterstützen.

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