Starke Uraufführung: „Deutsche feiern“ von Lars Werner in Münster
Kurz vor der Weltrettung

Münster -

Sie haben ein Wunderdüngemittel entwickelt, mit dem man die Welt retten könnte, und wollen am Erntetag feiern. Doch nicht nur eine junge Journalistin kommt in Lars Werners Theaterstück dazwischen.

Sonntag, 11.10.2020, 15:58 Uhr
Fünf aus dem hippen Forscher-Kollektiv: (v. l.) Joachim Foerster, Julian Karl Kluge und Mariann Yar sowie hinten Lea Ostrovskiy und Till Timmermann
Fünf aus dem hippen Forscher-Kollektiv: (v. l.) Joachim Foerster, Julian Karl Kluge und Mariann Yar sowie hinten Lea Ostrovskiy und Till Timmermann Foto: Oliver Berg

Stefan hat einen fabelhaften Plan. Er holt sich das altvertraute Chemiker-Paar Zoe und Jerome in sein neues Unternehmen, nimmt auch noch die beiden Idealisten Bernhard und Clarissa hinzu, und gemeinsam entwickeln sie ein Wundermittel zur Weltrettung, wofür Partnerin Ana die Pressearbeit macht. Ein kleines Team, das Gutes tut und seine Entscheidungen in basisdemokratischer Abstimmung trifft: Klingt perfekt.

Ist es natürlich nicht, wie der Autor Lars Werner in seinem Stück „Deutsche feiern“ (oder „Feiern“) zeigt, das als Werk der „Neue Wege“-Förderung in Münsters Großem Haus uraufgeführt wurde. Gefeiert werden soll der Erfolg des Wunderdüngemittels „Ctron“, das man ganz unabhängig von allmächtigen Unternehmen wie Monsanto und Nestlé entwickelt hat. Nun darf sich auch eine junge Journalistin in dem streng abgeschotteten Unternehmen umsehen. Aber ihre Einzelinterviews und ihre widerstrebend geduldeten Sitzungs-Teilnahmen lösen Katalysator-gleich Reaktionen aus, die mancherlei Risse bloßlegen. Und es kommt noch schlimmer . . .

Lars Werner baut den historischen Fluchtpunkt seines Stücks, die realen Chemiker Fritz Haber und Clara Immerwahr, stimmig in die Dialoge der jungen Forschungs-Unternehmer-Clique ein: Haber, der „Vater des modernen Kunstdüngers“, trug zugleich Mitschuld am tödlichen Giftgaseinsatz im Ersten Weltkrieg – und in der Nacht, in der er dieses „Gelingen“ mit einem Fest feierte, erschoss sich seine pazifistisch engagierte Frau Clara. Um sie geht es zeitweilig in den Einzelgesprächen, die die junge Journalistin Lara führt, etwa um die Frage, ob Clara die Pistole nicht besser auf ihren Mann gerichtet hätte.

Die junge Clique („Wir sind ja nicht 40!“) sieht sich vor andere moralphilosophische Fragen gestellt. So zeigt sich, dass auch ihr Wundermittel nicht frei von Nebenwirkungen ist: Es wird in einer Werbeaktion der „Bild“-Zeitung unters Volks gebracht und als Droge benutzt. Zudem gerät mancher Idealist ins Schwanken, wenn große Unternehmen mit dem großen Geld winken. Zwar lassen die sechs Firmenmitglieder nur jeweils zwei aus ihrer Gruppe, die einander bewachen können, aus dem Gelände. Und doch scheinen da draußen irgendwelche Kontakte entstanden zu sein.

Aus alldem formt Lars Werner kein Bühnenreferat, sondern ein Theatervergnügen mit kabarettistischen Spitzen. So wetten zwei Forscher um den Inhalt eines Films, müssen aber die Antwort von der Journalistin googeln lassen, weil sie selbst keinen Handy-Kontakt zur Außenwelt haben. Die Debatten im Plenum kreisen mit demselben Ernst um die Tagesordnung wie um die Zutaten zum Salat, den es zur titelgebenden Feier geben soll. Und wer hat eigentlich die Umweltsünde begangen, eine Avocado zu kaufen?

Regisseurin Marlene Anna Schäfer lässt fünf aufgekratzte Figuren (Julian Karl Kluge, Rose Lohmann, Lea Ostrovskiy, Till Timmermann und Mariann Yar) an den Fäden jenes Stefan tanzen, der sich nur scheinbar den eigenen Kollektiv-Spielregeln fügt. Joachim Foerster gibt ihn mehr hip als cool, passend zum forcierten Freizeitlook, den Kostümbildnerin Lorena Diaz Stephens dem Sextett verpasst hat. Foer­ster ist auch das Zen­trum der ulkigen Abstimmungs-Choreografien und Standbilder, mit denen die Regisseurin den gut 80-minütigen Abend anreichert. Widerpart dieses Helden, der doch noch andere Dinge will als die Welt retten, ist Journalistin Lara, die als Redakteurin der Spiegel-Jugendredaktion zufällig an die Story gekommen ist und damit auch eigene Vorstellungen verbindet: Marlene Goksch personifiziert sie glaubhaft in ihrer Entwicklung.

Für die Ortswechsel innerhalb der Firmen-Container und die Interviews setzt Bühnenbildnerin Marina Stefan die Videotechnik passend ein, nur in der ersten Szene irritiert die Wackelkamera ein wenig. Dass die Schauspieler zur Schutzkleidung auch mit Mikroports ausgestattet sind, die hinter den Visieren einen eher dumpfen Klang erzeugen, ist den leidlich bekannten Umständen geschuldet. Sie ändern nichts an der höchst erfreulichen Begegnung mit einem Stück, das bestens in die Zeit passt, ohne „nur“ tagesaktuell zu sein.

Nächste Aufführungen am 14., 15.,16. und 17. Oktober

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