Shim sang „Die schöne Müllerin“
Die pochenden Töne der „lieben Farbe“

Münster -

Franz Schuberts Opern sind so gut wie vergessen. Aber in seinen Liederzyklen geht es ja dramatischer zu als in manchem Musikdrama. Das bewies jetzt auch Youn-Seong Shim im Theater Münster.

Donnerstag, 22.10.2020, 16:26 Uhr
Youn-Seong Shim
Youn-Seong Shim Foto: Oliver Berg

Eigentlich ist bei Liederzyklen kein Zwischenapplaus vorgesehen. Doch als Youn-Seong Shim im siebten Lied von Schuberts „Schöner Müllerin“ die strahlenden Tenortöne der Zeile „Dein ist mein Herz“ ins Kleine Haus verströmt hatte, äußerten einige Zuhörer spontan ihre Begeisterung. Und das geschah noch an zwei weiteren Stellen der 20-teiligen Liederreihe.

Metropolen, in denen verdiente Opernstars mit dem Titel „Kammersänger“ geehrt werden, pflegen auch die Kunst des Liederabends. Das Theater Münster hat keine solche Tradition. Doch der im Zusammenhang mit Corona gefasste Entschluss, zwei Sänger des Hauses mit den beiden großen Schubert-Zyklen zu betrauen, zeitigte jetzt das erste schöne Ergebnis. Die „Winterreise“ mit Filippo Bettos­chi soll am 11. Dezember folgen.

Der aus Korea stammende Youn-Seong Shim hat die deutsche Sprache so gut verinnerlicht, dass auch ein tückisch-schnelles Stück wie „Der Jäger“ bestens gelingt. Mit seinem kraftvollen lyrischen Tenor, der über metallischen Glanz verfügt, bringt er ideale Voraussetzungen für den scheinbar helleren, in Wahrheit aber tragische endenden Schubert-Zyklus nach Texten Wilhelm Müllers mit. Was Shim zu Beginn gern auskostete, um aber im sechsten Lied beim „Bächlein meiner Liebe“ die leisen Töne und das langsame Tempo zu riskieren. Gleichwohl blieben die effektvollen Momente prägend für seine Darstellung.

Ein bewegender Höhepunkt wurde „Die liebe Farbe“ – und spätestens hier muss vom Pianisten Boris Cepeda die Rede sein, der zunächst als getreuer Sachwalter des Notentextes agierte, aber mehr und mehr eigenständige Stimmen in Schuberts Klavierpart enthüllte und etwa mit den pochenden Tonrepetitionen oder den Glocken-Assoziationen des Schlussliedes wichtige Akzente setzte. Schön, dass der glücklose Opernkomponist Schubert wieder einmal den Weg ins Theater fand.

Wiederholung am 18. Dezember

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