Premieren auf der Plattform „Werkstatt Demokratie“
Gestrandetes Grundgesetz

Münster -

Demokratie ist im Grunde nie fertig, immer eine Werkstatt. Das Stadtensemble Münster präsentiert ungewöhnliche Auseinandersetzungen mit dem Grundgesetz und der Demokratie...

Samstag, 07.11.2020, 07:38 Uhr aktualisiert: 07.11.2020, 07:40 Uhr
Ein schönes Wort, ein schöner Wert: Drei Künstler stellen in ihrem Video dazu eine unausgesprochene Frage.
Ein schönes Wort, ein schöner Wert: Drei Künstler stellen in ihrem Video dazu eine unausgesprochene Frage. Foto: Screenshot kok

Langeweile ist ein Paradies für Neugier. Und wer offen ist, der findet beim Stadtensemble Münster immer Anregungen – Chancen und Risiken auf neue Sichtweisen, seltsame Zusammenhänge und zum Nachdenken inklusive. Seit Oktober und bis zum 6. Januar 2021 werden in der „Werkstatt Demokratie“ Zug um Zug 18 unterschiedlichste demokratische Denk- und Erfahrungsräume online eingestellt, geschaffen von Münsters Kulturschaffenden aus allen Sparten und Disziplinen.

Das Video „Maßnahmen zur Verteidigung der Demokratie“ stellt eine unausgesprochene Frage: Welche Maßnahmen sind legitim? Alle? Über den Gestaden eines unbekannten Meeres bewegen sich zu elegischer Musik Worte aus Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes auf den Betrachter zu – „Die Würde des Menschen . . .“: Erhabenheit und Weite stellen sich ein. Dann tönt die Klarinette auf. Ein Schriftzug irritiert: „Jeder Kapitän ist verpflichtet . . .“ – Artikel 11 des Internationalen Übereinkommens zur einheitlichen Feststellung von Regeln über die Hilfeleistung und Bergung in Seenot. O-Töne von Flüchtlingen, Frauke Petry (damals noch AfD) und Papst Franziskus sind zu hören. Die Collage ist eine schmerzende Erinnerung an den Tod flüchtender Menschen durch Ertrinken. Aus der Unschärfe des Wassers wird am Ende eine Mauer . . . Eine Frage. Das Bundesverfassungsgericht hat Deutschland als „wehrhafte Demokratie“ bezeichnet, Verteidigungsminister Peter Struck prägte den Satz „Deutschlands Freiheit wird am Hindukusch verteidigt“. Dieses Video fragt: Wo werden Deutschlands Werte, wo wird die Würde verteidigt?

Thematisch breiter, aber nicht weniger kritisch sind weitere Beiträge: Dr. Mirjam Springer und Studierende des Masterstudiengangs Kultur-Poetik der WWU haben sich in ihrer Lyrikperformance „Wie schreibt man Dähmucrati?“ der Herausforderung gestellt, Gegenwartslyrik und Demokratie zusammenzubringen. In „Abyss“ (Abgrund) von Linda Göttner stürzt sich im Amerika des Donald Trump die Empathie, das Mitgefühl vom Turm. In „Das Gläserne Hochhaus“ von Ann-Kathrin Hickert verbiegen sich Namen unter Gezeiten, werden „Tränen vergossen, die nicht meine sind“. Anspruch und Wirklichkeit von Freiheit und Werten und persönlichem Engagement werden hier kritisch angesprochen.

Die Werkstatt des Stadtensembles erhellt den Sinn von Demokratie mit akustischer und optischer Sinnlichkeit.

Die bereits vorgestellten Beiträge sind auf der Homepage abrufbar. Am Samstag (9. November) um 20 Uhr haben Zoom-Session und Video „Jam das Grundgesetz“ von und mit Jürgen Knautz, Christiane Hagedorn und Carolin Wirth Premiere. Innerhalb einer ereignisoffenen Zoom- „Konferenz“ soll dabei das Grundgesetz einer musikalischen Befragung unterworfen werfen.

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