Ein Schellack-Tonträger, ein altes Lied und muntere Reaktionen darauf
„Sankt Martin“ in 78 Umdrehungen

Münster/Coesfeld -

Eine alte 78-er Schellackplatte mit St.-Martins-Lied knistert nicht nur geheimnisvoll. Sie weckt auch in den Zuhörern nostalgische bis humoristische Gefühle. Eine kleine Glosse zum Martinstag in Corona-Zeiten.

Donnerstag, 12.11.2020, 11:36 Uhr aktualisiert: 12.11.2020, 18:26 Uhr
Diese Martinus-Figur steht an der Pfarrkirche des pfälzischen Weinbauortes St. Martin an der Südlichen Weinstraße.
Diese Martinus-Figur steht an der Pfarrkirche des pfälzischen Weinbauortes St. Martin an der Südlichen Weinstraße. Foto: imago

Er hatte, wie er das so gerne in der grauen Novemberzeit tut, in Erinnerungen geschwelgt. So dachte er an die Martinstage seiner Kindheit. Wenn die geheimnisvolle dunkle Jahreszeit begann und die Vorfreude auf die Adventszeit wuchs. Natürlich fiel ihm dabei ein, dass im Keller noch die alte Schallplattensammlung aus dem Elternhaus lagert. Kein Martins-Umzug in Corona-Zeiten? Kein Laternenglanz, kein Gebäck, keine Gans, und sei es nur in Gebäckform? Das brachte ihn auf eine Idee.

Also stieg er am Vorabend des Martinstages fröhlich in den Keller und klaubte eine wohl über 60 Jahre alte Schellack-Platte des Christophorus-Verlags aus dem Schrank. Zugleich nahm er den billigen Discounter-Plattenspieler mit nach oben, der zwar eine miserable technische Ausstattung, dafür aber 78 Umdrehungen bietet.

Erwartungsfroh legte er die Platte auf, doch schon nach zwei, drei Umdrehungen flog der Tonabnehmer aus der Kurve. Die Zentrifugalkraft von 78 Umdrehungen zeigte Wirkung. Findig legte er, wie er das früher schon erprobt hatte, eine Münze als Gewicht drauf. Wohl wissend, dass ein solches Vorgehen der Platte nicht besonders zuträglich ist. Doch das Schellack-Schätzchen hat so einiges erlebt, und so nahm er den signifikant erhöhten Druck auf der Rille in Kauf: Es rauschte und knisterte, und dann erklang es doch schön vernehmbar: „Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross das trug ihn fort geschwind“ – mit einem Kinderchor aus Viersen und einer Streicher-Gruppe. Schnell brachte er nun sein Smartphone in Stellung und nahm das Ganze auf, um die Familie per digitaler Sendetechnik damit zu beglücken, mindestens aber in eine gewisse nostalgische Stimmung zu versetzen.

Die Reaktionen aus dem Kreis der Geschwister und Neffen ließen nicht lange auf sich warten. Die Schwester schrieb erfreut, sie erinnere sich an alte familiäre Rituale zu Beginn der Winterszeit. Außerdem an die kindliche Verständnisfrage, wer denn eigentlich der „Bitt’re Frostmann“ gewesen sei, von dem das Lied erzählt. Sie sprach damit jene etwas sperrige Liedzeile des Bettlers im Lied an: „O helft mir doch in meiner Not, sonst ist der bitt’re Frost mein Tod!“ In einer weiteren kommentierenden WhatsApp-Nachricht aus der Familie wurde dann aus dem „Frostmann“ unversehens ein Forstmann, kichernde Emojis wurden parallel dazu verschickt.

Ein Neffe, Patenkind des Schallplatten-Freundes und mit einem italienisch-trockenen, durchaus freigeistigen Humor gesegnet, schoss mit seiner spontanen Antwort den Vogel ab. Seine Reaktion auf den nostalgisch-knisternden 78-er Martinstagsgruß lautete so: „Besser als unser alter Fiat. Der hatte keine 60 Umdrehungen und klang dazu verstörend!“

Da der römische Soldat und spätere Bischof von Tours Martinus (um 316/17-397), wie es im Lied heißt, „mit leichtem Mut“ ritt, wird er, so dachte sich der Lied-Absender schmunzelnd, sicher auch ein Mann mit Humor gewesen sein. Und er dürfte sich darüber freuen, dass sich so viele Menschen auf dem Globus auch 1700 Jahre später noch so fröhlich an ihn erinnern – zumal in den vielen Martinus-Pfarrgemeinden des Münsterlandes und in Corona-Zeiten.

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