Erneuter Stillstand wegen Corona
Die Angst in der Kino-Branche wächst

Berlin/Münster -

Die Unruhe in der Kino-Branche wächst. Noch weitere Monate im Lockdown könnten viele Betriebe in den Ruin stürzen. Ansgar Esch, Geschäftsführer der Münsterischen Filmtheaterbetriebe, hofft, dass das Kinopublikum spätestens im Frühjahr 2021 wiederkommt. Die Rücklagen sind so gut wie aufgebraucht.

Donnerstag, 12.11.2020, 17:45 Uhr aktualisiert: 12.11.2020, 18:11 Uhr
Wieder müssen die Kinos bei uns geschlossen bleiben. Wieder ist unklar, wie lange der Lockdown und weitere Einschränkungen anhalten.
Wieder müssen die Kinos bei uns geschlossen bleiben. Wieder ist unklar, wie lange der Lockdown und weitere Einschränkungen anhalten. Foto: Matthias Ahlke (Archiv)

„Das Dschungelbuch“ und „E.T.“, „Der Herr der Ringe“ und „Titanic“ – viele Menschen können sich noch genau an prägende Kinobesuche erinnern. An die Emotionen, die damit verbunden sind. Und an das Erlebnis, mit vielen anderen im Kinosaal zu sitzen, gemeinsam zu lachen, sich zu gruseln oder zu weinen. Ein Leben ohne Kinos? Undenkbar! Oder doch nicht? Ansgar Esch, Geschäftsführer der Münsterischen Filmtheaterbetriebe, hofft, dass das Kinopublikum möglichst im Frühjahr 2021 wiederkommt. Bis dahin zähle jeder Monat, auch mit Blick auf staatliche Finanzhilfe. Den Gesamtverlust für das Corona-Jahr 2020 beziffert er auf 4 Millionen Euro im Vergleich zu einem normalen Kinojahr.

Der Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr und die damit verbundenen Schließungen der Kinos trafen die Branche unvorbereitet und hart. Doch sobald es möglich war, öffneten die Kinos weltweit wieder – oft unter Einhaltung strenger Auflagen. Trotzdem blieb in vielen Ländern der erhoffte Aufschwung aus. In den USA und Großbritannien schloss die große Kette Cineworld bereits im Oktober vorübergehend ihre Kinos und setzt auf einen Neustart im nächsten Jahr.

Streaming statt Kino

Mittlerweile sinken die Hoffnungen weiter, dass Sparmaßnahmen und finanzielle Unterstützung der Politik allen Kinos das Überleben sichern werden. Wirtschaftlich sei das Ganze eine Katastrophe, sagte Christian Bräuer von der AG Kino, als die jüngsten Schließungen verkündet wurden. Der Chef der britischen Kinovereinigung (UK Cinema Association), Phil Clapp , rechnet sogar damit, dass mehr Kinos schließen müssen.

„Im Moment, ohne große Titel bis zum Jahresende, gibt es für viele Veranstaltungsorte wenig andere Optionen“, sagte Clapp kürzlich laut dem „Hollywood Reporter“ im BBC-Radio 5-Interview. Immerhin wurde nicht nur der neue „James Bond“ verschoben. Es fehlen in den kommenden Monaten auch andere große Filme.

Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Vermutung liegt nahe, dass Streamingdienste die Gewinner dieser Krise sind. Der neue „Borat“-Film etwa kam nicht wie die anderen Werke von Sacha Baron Cohen in die Kinos, sondern war bei Amazon Prime zu sehen. Disney zeigte „Mulan“ bereits bei seinem Bezahlanbieter Disney+. Auch das neueste Pixar-Abenteuer „Soul“ soll dort zu Weihnachten verfügbar sein.

Wie wird sich die Kino-Branche verändern?

Ob Kinos aber vollständig verschwinden werden? Das scheint für viele unwahrscheinlich. „Das Kino befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, wir müssen diese Krise nutzen, um der Zukunft zu begegnen“, erklärte etwa Thierry Frémaux, Leiter des Festivals Cannes, schon im Frühjahr und prognostizierte: „Aber es wird noch stärker zurückkommen“.

Auch Wim Wenders kann sich eine Zukunft ohne Kinos und das gemeinschaftliche Erlebnis nicht vorstellen. „Sollte sich ,das Kino’ als Institution nicht halten können, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann wieder erfunden“, war sich der deutsche Regisseur im Herbst sicher.

Die BBC stellte sich ebenfalls bereits zu Beginn der Pandemie die Frage, welchen Einfluss die Spanische Grippe, die Weltkriege, die Verbreitung des Fernsehens und der Videokassetten auf die Kino-Branche hatten. Immer wieder hätten Menschen das Ende der Kinos vorhergesagt. Die Geschichte aber deute darauf hin, „dass sich das Kino anpassen“ werde.

Tatsächlich gibt es erste Überlegungen, wie jetzt solche Veränderungen in der Kino-Branche aussehen könnten. Dazu gehört auch, dass Studios vielleicht nicht mehr auf globale Kinostarts und Vermarktung setzen, sondern auf einzelne Regionen fokussieren. Möglicherweise wird es künftig auch nicht mehr so viele Filme geben, die sich Woche für Woche Konkurrenz machen.

Sorgen in Münster

Ansgar Esch plagen derweil in Münster Sorgen: „Man muss schon sagen, dass unsere Hoffnung, aus eigener Kraft die Krise zu überstehen, mit jedem Monat, in dem wir eingeschränkt sind, schwinden.“ Der Großteil der Rücklagen sei bereits eingesetzt.

Man muss schon sagen, dass unsere Hoffnung, aus eigener Kraft die Krise zu überstehen, mit jedem Monat, in dem wir eingeschränkt sind, schwinden.

Ansgar Esch, Geschäftsführer der Münsterischen Filmtheaterbetriebe

Esch ist sich nicht sicher, ob das, was vom Bund als Novemberhilfe oder auch Überbrückung angekündigt war, auch wirklich in seinem Betrieb anlangt. „Das ist ein sehr komplexes Thema, an dem Steuerberater derzeit viel Geld verdienen.“ Einfacher mit der Zuerkennung von Zuschüssen sei es für kleinere Eigenbetriebe wie das Cinema oder das Schlosstheater. Esch: „Wir haben alles getan, um aus eigener Kraft gegenzusteuern und Mitarbeiter halten zu können: Autokino, Sommernachtskino, Neueröffnung unter strengen Hygieneregeln. Jetzt sind die Möglichkeiten ausgereizt.“

Geschäftsführer Ansgar Esch blickt jetzt schon ins nächste Frühjahr: Wenn Zuschüsse flössen, auch Mittel aus Nordrhein-Westfalen, könne man noch den Winter überstehen. „Wir setzen darauf durchzukommen, und zwar so, dass man nicht alle Mitarbeiter verliert und nicht derart mit dem Rücken zur Wand steht, dass man keine Veränderungen mehr mittragen kann.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7675510?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F3825912%2F
Nachrichten-Ticker