Digitaler Vorgeschmack auf Bernhards „Alte Meister“
Herrlich hämisches Vergnügen

Münster -

Die Theater proben, dürfen aber nicht vor Publikum spielen. Was man da gerade verpasst und später unbedingt nachholen sollte, zeigte am Wochenende das Theater Münster.

Montag, 14.12.2020, 10:20 Uhr
Gerhard Mohr, Frank-Peter Dettmann, Wilhelm Schlotterer und Daniel Fries (v.l.) sind Atzbacher.
Gerhard Mohr, Frank-Peter Dettmann, Wilhelm Schlotterer und Daniel Fries (v.l.) sind Atzbacher. Foto: Berg

„Die Vorstellung war entsetzlich“, mault Gerhard Mohr zum Schluss. Natürlich ist das stark übertrieben, wie so vieles bei Thomas Bernhard . Die Vorstellung des Theaters Münster nämlich, die anstelle der geplanten Premiere gestern für 24 Stunden im Internet zu sehen war, dürfte im Kleinen Haus ein herrlich-hämisches Vergnügen sein.

„Alte Meister“, die Dramatisierung des Prosatextes durch Regisseur Frank Behnke, hatte im Netz nur einen technischen Fehler: Sie war am Samstagabend nur kurzzeitig und fragmentarisch zu sehen; der Zuschauer musste sich bis Sonntag gedulden.

Die drei Figuren des Romans, nämlich der Kritiker und Kunstbetrachter Reger, der Museumswächter Irrsigler und der Erzähler Atzbacher, sind im Redestrom des Textes wie russische Puppen ineinander verschachtelt. Daraus macht Behnke ein Schauspielerquartett, bei dem bestenfalls Wilhelm Schlotterer noch mit einer Art Rollenporträt als Irrsigler betraut ist. Frank-Peter Dettmann, Daniel Fries und Gerhard Mohr sind gleichermaßen Regers Gedanken in Atzbachers Worten, wobei Mohr vor allem die großen Schimpfkanonaden Bernhards gegen Österreichs und Deutschlands Künstler (von Dürer bis zu zeitgenössischen Dramatikern) mit Wonne hinausposaunt, während Dettmann in den sentimentalen Passagen, wenn Reger sich an seine verstorbene Frau erinnert, die weiche Seite dieses Helden betont.

Die 90-minütige Aufführung hat einen wunderbaren Rhythmus mit musikalischen und tänzerischen Elementen, die Streaming-Fassung bot davon einen aufwendig geschnittenen Einblick. Man möchte sie so bald wie möglich im Theater sehen.

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