Freuynde und Gaesdte: Publikum kann Laufzeit kaufen
Fantastische Spielwiese und knifflige Logistikaufgabe

Münster -

Not macht erfinderisch. Aber wohin weicht ein Locationtheater aus, wenn seine kleinen Veranstaltungsorte als Spielstätten gesperrt sind?

Montag, 28.12.2020, 16:40 Uhr
Gabriele Brüning, Zeha Schröder und Johan Schüling (v.l.)
Gabriele Brüning, Zeha Schröder und Johan Schüling (v.l.) Foto: f+g

Not macht erfinderisch, zumal in Coronazeiten. Aber wohin weicht ein Locationtheater aus, wenn seine kleinen stimmungsvollen Veranstaltungsorte als Spielstätten gesperrt sind? Schon seit März kann das preisgekrönte Ensemble „Freuynde + Gaesdte“ weder im Zwinger noch auf der Solaaris auftreten, weder im Blauen Haus noch im Theaterkeller an der Promenade. Denn die bundesweit einmalige NRW-Regel von vier Metern Mindestabstand zwischen Künstler und Publikum ist an diesen Orten nicht kostendeckend umsetzbar.

Doch die Truppe mit dem Riecher für außergewöhnliche Spielorte ist fündig geworden – im virtuellen Raum. Ausgestattet mit einem Stipendium zur Unterstützung „bundesweit bedeutender Theater“ erkunden die Theatermacher derzeit in einer zweimonatigen Recherche die Möglichkeiten der Schauspielerei vor der 360-Grad-Kamera.

Die Tücken und Möglichkeiten des Mediums sind gleichermaßen außergewöhnlich: Da die VR-Kamera stets den gesamten Raum erfasst, gibt es kein „Off“ – und somit auch keinen unsichtbaren Standort für Kameraleute, Tontechniker oder Regie. Dafür befindet sich später auch der Betrachter mitten im Geschehen und ist hautnah dabei, wenn die Schauspieler agieren. „Eine fantastische Spielwiese und zugleich eine knifflige Logistikaufgabe“, bekennt Theaterleiter Zeha Schröder.

Im Anschluss an die Recherche wird das Ensemble die gewonnenen Erkenntnisse in einen etwa halbstündigen Kurzfilm umsetzen. Über die exakte Laufzeit entscheidet letztlich das Publikum, denn anstelle von Filmtickets erwerben die Interessenten einzelne Filmsekunden, deren Produktion sie im Rahmen einer „Timefunding“-Kampagne finanzieren.

Die Aktion, die ursprünglich bis Weihnachten laufen sollte, ist wegen des großen Interesses bis zum Jahresende verlängert worden. Und natürlich bekommen die Produzenten am Ende den kompletten Film zu sehen und nicht bloß die von ihnen finanzierten Sekunden. Ungefähr ab Pfingsten soll das außergewöhnliche Filmerlebnis online abrufbar sein. Eine Filmproduktion benötigt eben ein Weilchen. Doch wer mit auf die virtuelle Reise gehen (und zugleich das Theater in seinem Überlebenskampf unterstützen) möchte, sollte sich trotzdem sputen: Ein nachträglicher Einstieg in das Projekt ist nach Silvester nicht mehr möglich.

Weitere Informationen sowie Sekundenanteile auf:

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