Oper und Schauspiel Köln: Später fertig und viel teurer
Im feinen Club der Halb-Milliardäre

Köln/Münster. -

Öffentliches Bauen ist zu einem Risiko geworden. Erst wird halbherzig geplant. Dann laufen die Kosten davon. Eines von vielen Beispielen ist die Theaterlandschaft in Köln. Oper und Schauspiel sollten bereits 2015 öffnen, nun wird man erst 2024 fertig. Und die Kosten, zunächst auf 253 Millionen geschätzt, werden sich wohl auf fast 650 Millionen Euro belaufen.

Mittwoch, 27.01.2021, 17:37 Uhr aktualisiert: 28.01.2021, 14:54 Uhr
Oper und Schauspiel Köln in einer Animation von der Krebsgasse aus.
Oper und Schauspiel Köln in einer Animation von der Krebsgasse aus. Foto: Fotowerkstätte Hugo Schmölz

Sanieren oder abreißen und neu bauen? Diese Frage hat man sich zuletzt bei vielen Kulturbauten gestellt, die in die Jahre kamen. Selbst Gebäude, von denen man annahm, sie seien ja noch vergleichsweise jung, gelten zuweilen schon nach wenigen Jahrzehnten als „abgängig“. Weil schlechte Nachkriegs-Materialien verwendet wurden. Oder schlicht und einfach aufgrund der Erkenntnis, dass technische und sicherheitsrelevante Bereiche nicht mehr heutigen Standards genügen.

Die Sanierung der Kölner Bühnen wird insgesamt neun Jahre länger dauern als ursprünglich geplant. Die Wiedereröffnung der Oper und des Schauspielhauses ist jetzt für 2024 geplant, wie die Stadt mitteilte. Bisher war man von 2023 ausgegangen, ursprünglich war die Wiedereröffnung für 2015 geplant gewesen. Die Kosten erhöhen sich noch einmal um 63,5 Millionen Euro beziehungsweise 72,9 Millionen Euro bei Berücksichtigung aller Risiken. Die Gesamtsumme beläuft sich nun auf 617,6 bis 643,9 Millionen Euro. Als die Sanierung 2012 begann, hatte man noch mit 253 Millionen Euro geplant.

Viele stellten sich angesichts dieser Kosten die Frage, ob Köln eine solche Oper und ein solches Schauspielhaus überhaupt brauche, sagte Oberbürgermeisterin Henriette Reker jetzt in einer Pressekonferenz. „Ich sage Ihnen voller Überzeugung: Ja, Köln braucht Oper und Schauspiel.“ In der vom Krieg zerstörten Stadt hätten in den 50er und 60er Jahren nicht zuletzt die Bühnen den Kölnern wieder auf die Beine geholfen. Sie seien Orte des Diskurses, der Begeisterung und der neuen Erfahrungen. „Und wenn die Bühnen auch nicht glänzen werden wie die Elbphilharmonie, sie werden strahlen“, sagt Reker.

So wird der Zuschauerraum des Opernhauses Köln aussehen.

So wird der Zuschauerraum des Opernhauses Köln aussehen. Foto: Foto: Fotowerkstätte Hugo Schmölz

Die Kölner Oper stammt von 1957, das Schauspielhaus von 1962. Wie sich herausstellte, war es nur mit großem Aufwand möglich, die historische Substanz zu erhalten und die Gebäude gleichzeitig den heutigen Sicherheitsbestimmungen und technischen Erfordernissen anzupassen. In den ersten drei Jahren der Generalüberholung gab es nach Angaben des heutigen Technischen Betriebsleiters Bernd Streitberger „eklatante Fehlleistungen“. Große Teile der technischen Ausrüstung mussten deshalb noch einmal zurückgebaut und auf Null gesetzt werden. „Das war ein Desaster für die Kulturstadt Köln“, sagte Oberbürgermeisterin Reker. Die Lehre für die Zukunft: „Erst planen, dann bauen.“

Projektdaten

Die aktuellen Projektdaten für Oper und Schauspiel Köln hier in einer kurzen Übersicht:

Schlüsselübergabe an Oper und Schauspiel: 1. Quartal 2024

Baukosten: Aktuell gültige Kostenprognose inkl. aller bisherigen Ausgaben (Stand: 31.12.2020): 618 Millionen Euro
Aktuell gültige Kostenprognose inkl. aller bisherigen Ausgaben bei Eintritt aller bekannten Risiken (Stand: 31.12. 2020): 644 Millionen Euro

Sonstige Kosten: Aktuelle Prognose Finanzierungskosten (u.a. Zinsen über 40 Jahre auf Basis von 554,1 Millionen Euro) und sonstige Kosten (unter anderem Machbarkeitsstudie): 260 Millionen Euro.

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Die Kölner sind Kummer mit städtischem Planen und Bauen gewohnt. Erinnert sei an den Zusammenbruch des Stadtarchivs im Zuge des U-Bahn-Trassenbaus. „Wir sind uns sehr bewusst, dass die neuen Kostenberechnungen und die Verschiebung der Schlüsselübergabe bei vielen Bürgerinnen und Bürgern Ärger und Enttäuschung auslösen“, sagt Christopher Braun , Kommunikationschef für die Sanierung des Kölner Bühnen-Ensembles, gegenüber unserer Zeitung. Die gute Nachricht aber sei, dass die Planungen für die nächsten Bau- und Sanierungsschritte nun feststünden. Braun verweist darauf, dass die Sanierung von Oper und Schauspiel zugleich Neubauten beinhalte. Während also die zwei großen Bühnen für Oper und Schauspiel jetzt bereits technisch nachgerüstet sind und auch schon probeweise genutzt wurden, entstehen zwei Bühnen neu, nämlich die in der Kinderoper und im Kleinen Haus.

Nach den Grundsatzplanungen, die jetzt die Schritte bis zur Eröffnung 2024 festgelegt haben, folgen noch die detaillierten Werk- und Montageplanungen für die Baufirmen. In der Bauphase sind dann täglich rund 150 Bauarbeiter auf der Baustelle unterwegs. „Eine solche Baustelle kostet schon in der Planungsphase mit minimalem Baubetrieb im Monat 2,5 bis drei Millionen Euro“, erläutert Braun. Der ursprünglich angesetzte Preis von 250 Millionen Euro von 2012 sei kein kosmetischer Preis gewesen, versichert der Pressesprecher.

Dennoch passiert am Rhein das, was schon bei der Elbphilharmonie (866 Millionen Euro), dem Hauptstadtflughafen (7,1 Milliarden) oder auch der gerade für 470 Millionen Euro sanierten Staatsbibliothek in Berlin geschah. Mit den Jahren laufen die Kosten davon, technische Widrigkeiten und Vorschriften machen Pläne zu Makulatur. „In Köln wünscht sich jeder, dass alle vier Bühnen bald eröffnet werden“, fasst Christopher Braun die Stimmung zusammen. „Das Sanierungsteam arbeitet mit vereinten Kräften daran, dass dieser Wunsch trotz der bekannten Schwierigkeiten schnellstmöglich Wirklichkeit wird“.

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