Theodor Fontane: „Meine Kinderjahre“
Wie man Lebenserinnerungen aufschreibt

Neuruppin/Münster -

Wer wollte nicht schon einmal seine Lebenserinnerungen aufschreiben? Für sich selber, für die Familie, die eigenen Kinder. Theodor Fontane, dessen 200. Geburtstag 2019 gefeiert wurde, setzte sich mit über 70 Jahren daran, seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben. Ein spannendes biografisches Zeitzeugnis in Romanform. Ideal für stille Stunden beim Lesen im Lockdown.

Donnerstag, 11.02.2021, 17:28 Uhr
Fontane-Denkmal in Neuruppin
Fontane-Denkmal in Neuruppin

Vielleicht haben Sie sich, liebe Leser, gerade in den vergangenen Wintertagen einmal an Ihren Schreibtisch gesetzt und Ihr Tagebuch aktuell ergänzt. Vielleicht liegt auch irgendwo in Ihrem Regal noch eines jener für den eigenen Nachwuchs gedachten „Geschenk- und Ausfüllbücher“, die den Titel „Papa/Mama, erzähl mal“ – oder so ähnlich – tragen. Vielleicht wollten Sie auch immer schon einmal für Ihre Kinder und Kindeskinder Ihre eigenen Erinnerungen aufschreiben. Tun sie es! Und zwar immer dann, wenn Ihnen wichtige oder kuriose Begebenheiten einfallen. So ein Werk ist ein fortschreitendes und stetig anwachsendes Projekt.

Und es hat große Vorbilder. Theodor Fontane (1819-1898), dessen 200. Geburtstag 2019 gefeiert wurde, hat aus seinen Erlebnissen als Kind und Schüler in Neuruppin und Swinemünde einen vortrefflichen autobiografischen Roman verfertigt: „Meine Kinderjahre“. Ein Buch, das ihm, wie es heißt, als leichtgängiger Stoff über eine depressive Verstimmung hinweghalf und 1893 erschien. Es weckt nicht nur nostalgische Gefühle, sondern führt den Leser zugleich in jene nachnapoleonische Zeit des 19. Jahrhunderts, die zwischen Restauration und Biedermeier, gesellschaftlicher Stagnation und ersten revolutionären Ausbrüchen schwankt. Fontane, dessen etwas altertümliche, aber zugleich vielfältige und reizvolle Wortwahl bereichert, fängt seine „Kinderjahre“ ganz einfach und naheliegend an – mit dem Kapitel „Meine Eltern“. Der Vater, Apotheker, zuvor Soldat in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, wird als Plauderer, aber auch als ein Leichtfuß mit Hang zur Spielsucht geschildert, die Mutter, eher streng, ist dem Vater mehr in einer Dauerfehde als in herzlicher Liebe verbunden. Die Familie zieht nach wenigen Jahren in Neuruppin nach Swinemünde. Der junge Fontane hat das auf ihn seltsam und gespenstisch wirkende Haus seiner Kinderjahre dort noch nach über 60 Jahren gut in Erinnerung – mitsamt seinen geheimnisvoll-gespenstischen Geräuschen. Virtuos beschreibt er die einflussreichen Nachbarn und Familien. In der Seestadt wirkt ein offener, internationaler Geist, man sieht sich, man trifft sich. Die Plaudereien des Vaters über Napoleon und seine Marschälle, der Ablauf der Jahreszeiten, Gesellschaften, Tischsitten und Kulinarik, alles das bringt Fontane zu Papier. Der romanhafte Aufbau gibt ihm zugleich auch die Möglichkeit, manches dichterisch und frei auszuschmücken.

1832 geht es mit der Kutsche zurück nach „Ruppin“, in dreitägiger Fahrt. Es folgt die lateinische Aufnahmeprüfung beim Direktor des Gymnasiums, über dessen Portal auch heute noch der Spruch „Civibus aevi futuri“ (für die Bürger des kommenden Zeitalters) steht. „Sehr brav ... er ist reif für die Quarta!“, heißt es nach der Aufnahmeprüfung. Damit endet der 13-jährige, zeitliche Bilderbogen. Fontane selber bezeichnet seine Bildung später im hohen Alter als „Stückwerk“. Doch dafür hat er uns ein phänomenales literarisches Werk hinterlassen.

Theodor Fontane: Meine Kinderjahre. Fischer-Taschenbuch, 208 Seiten, 11 Euro.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7814922?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F3825912%2F
Nachrichten-Ticker