Ein überraschender Trend – und worauf Interessierte achten sollten
Im Lockdown lockt die Gitarre

Berlin / Münster -

Die Gitarre ist ein Instrument mit grenzenlosen Möglichkeiten. Im Lockdown interessieren sich wieder mehr Menschen für sie als zuvor. Als Anfänger sollten sie aber ein paar Ratschläge beherzigen.

Dienstag, 09.03.2021, 17:42 Uhr aktualisiert: 09.03.2021, 20:49 Uhr
Ein Lehrer an der E-Gitarre begutachtet via Online-Videokonferenz eine Schülerin an der Konzertgitarre.
Ein Lehrer an der E-Gitarre begutachtet via Online-Videokonferenz eine Schülerin an der Konzertgitarre. Foto: Peter Kneffel/dpa

Er spielt ein paar Akkorde auf seiner Gitarre und fängt zu singen an, um gleich wieder abzubrechen. „Joa, die guten Sportfreunde Stiller “, meint Bernd Kleinschrod und grinst in die Kamera. „Wir gehen es wie immer zweigeteilt an: Schlagmuster, Akkorde – los geht’s!“ Neun Minuten und 22 Sekunden dauert das Youtube-Video. Dann sollen Gitarren-Anfänger das Rüstzeug haben, um bald selbst „Ein Kompliment“ spielen zu können.

Etwas Besseres als die Corona-Pandemie hätte dem Gitarrenlehrer aus Buchenberg im Allgäu eigentlich nicht passieren können – zumindest aus beruflicher Sicht. Seit elf Jahren bringt er Menschen online die Gitarre näher, aber der Lockdown ist sein Durchbruch. „Plötzlich war die Digitalisierung da, das ist ein unfassbarer Schub“, sagt der 34-Jährige. „In der Pandemie finden wieder mehr Menschen den Zugang zur Gitarre.“

Das spürt auch die Musikinstrumentenbranche. In den letzten Jahren sank das Interesse, viele Instrumente verstaubten auf dem Dachboden, erzählt Daniel Knöll, Geschäftsführer beim Branchenverband Somm (Society Of Music Merchants) mit Sitz in Berlin. In der Pandemie erlebe die Gitarre nun eine Rückkehr. Laut Verband stieg die Nachfrage nach elektrischen Gitarren von Januar bis November 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um knapp 30 Prozent, bei den akustischen Gitarren um 20 Prozent. „Speziell bei der Gitarre steigt die Nachfrage“, berichtet auch Dominic Wagner vom Online-Musikhandel Thomann.

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Der münstersche Gitarrist Ulrich Coppel betont, wie wichtig eine gute Ausbildung ist. Foto: Wolfgang Attermeyer

Ulrich Coppel aus Münster kennt diese Entwicklung. Der Gitarrist und Instrumentalpädagoge für Gitarre warnt aber auch vor falschen Erwartungen und bringt es auf den Punkt: „Wollen Sie Gitarrespielen, oder wollen Sie – im allerbesten Sinne – klampfen?“ Die Frage nach dem Ziel klärt er mit Schülern und ihren Eltern schon zu Beginn des Unterrichts. Weil er vermeiden möchte, dass die Entwicklung nach kleinen Anfangserfolgen bald stagniert. Denn wer den Wunsch hat, sich nicht nur mit ein paar Akkorden etwa beim Gesang zu begleiten, sondern aus der „riesigen Vielfalt“ des Instruments etwas Spezielleres für sich auszuwählen („ganz egal, ob klassische Gitarre, E-Gitarre, Flamenco...“), der braucht eine gute technische Basis und sollte mit der Konzertgitarre beginnen. „Sonst zementieren Sie beim Üben die Anfangsfehler, und das lässt sich später nur mit großer Mühe korrigieren.“

Den Gitarrenlehrer freut natürlich auch, dass selbst kleine Werkstätten vom derzeitigen Boom profitieren. Anfangs hätten sie noch befürchtet, dass die Aufträge bald wegbrechen, erzählt Kora Jünger von Deimel Guitarworks, die in der märkischen Provinz E-Gitarren nach Maß anfertigen. „Also haben wir versucht, viele laufende Aufträge schneller zu bearbeiten, um so die Existenz zu sichern.“ Doch die Befürchtungen bestätigten sich nicht, bis Januar 2022 ist die Gitarrenwerkstatt ausgebucht. Auch Gitarrenbauer Gert Esmyol aus München bekommt immer mehr Anfragen und repariert bis zu 20 Prozent mehr Instrumente. Die Nachfrage sei groß.

Über die Bedeutung eines guten Instruments gerade für Anfänger weiß Ulrich Coppel nur zu gut Bescheid. „Es sind immer die gleichen Gründe, warum ein Schüler aufgibt“, erzählt er und berichtet vom Frust, den eine Gitarre mit schlechter Saitenlage oder unpassendem Griffbrett erzeugen kann – die Schüler oder ihre Eltern ahnen oft gar nicht, woraus die möglichen Misserfolge resultieren. Deshalb rät Coppel, genau wie für den Beginn des Unterrichts, zu fachkundiger Beratung etwa bei einer Musikschule. Über die Expertise der Lehrer möge man sich gerne vorab informieren.Gitarrespielen sei ein Ausgleich in der Krise, bestätigt Guido Müller, Direktor der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg. „Die zarten Klänge der Gitarre, die auch keinen Nachbarn stören, tun der Seele gut. Schon wenige Griffe genügen, um den eigenen Gesang zu begleiten oder Lieblingssongs nachzuspielen, der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt.“

Trotzdem brauchen Einsteiger persönliches Feedback, betonte Tilman Fischer von der Rheinischen Musikschule Köln. „Da muss einer den Spiegel vorhalten und korrigieren.“ Gitarrenpädagoge Ulrich Coppel unterstreicht das: „Eine falsche Fingerhaltung der linken Hand muss man praktisch zurechtrücken.“

Allerdings hat er auch gute Erfahrungen mit dem Online-Unterricht gemacht, bei Grundschülern wie bei Erwachsenen: „Man muss sich nicht an die übliche halbe Stunde Unterricht an einem bestimmten Tag halten, sondern kann sich öfter mal zu kleineren Einheiten verabreden – und vielleicht sogar mehr machen. Denn gerade im Lockdown fällt ja manchen die Decke auf den Kopf. Dadurch haben sie aber auch mehr Zeit zum Üben.“

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