Ein Besuch bei dem Künstler Peer Christian Stuwe in Saerbeck
Das Vergessene feiert Auferstehung

Saerbeck -

Er war Meisterschüler von Professor Gunter Keusen und fand zu seinem eigenen Kunststil. Für den Saerbecker Maler, Bildhauer und Druckgrafiker Peer Christian Stuwe sind scheinbar unnütze Dinge auf Schrottplätzen und Müllhalden der Stoff, aus dem seine Kunstträume sind. Ein spannender Werkstattbesuch.

Donnerstag, 11.03.2021, 19:28 Uhr
Vor seinen Einmannbunkern aus dem Zweiten Weltkrieg (aus einer Ausstellung 1998 in Enschede) lässt der Maler, Bildhauer, Druckgrafiker und Musiker Peer Christian Stuwe seine neue Wellpappen-Arbeit „Frühling-Sommer-Herbst-Winter“ zu den vier Jahreszeiten in der Frühlingssonne trocknen. Auch diese Wellpappen hat er aus dem Müll gerettet und künstlerisch bearbeitet.
Vor seinen Einmannbunkern aus dem Zweiten Weltkrieg (aus einer Ausstellung 1998 in Enschede) lässt der Maler, Bildhauer, Druckgrafiker und Musiker Peer Christian Stuwe seine neue Wellpappen-Arbeit „Frühling-Sommer-Herbst-Winter“ zu den vier Jahreszeiten in der Frühlingssonne trocknen. Auch diese Wellpappen hat er aus dem Müll gerettet und künstlerisch bearbeitet. Foto: Sauer

In der modernen Wegwerfgesellschaft landen profane und scheinbar unnütze Dinge im Müll oder auf dem Schrottplatz. Für den Saerbecker Maler, Bildhauer und Druckgrafiker Peer Christian Stuwe sind sie der Stoff, aus dem seine Kunstträume sind. Er verhilft Eisenschrott aus der Metall verarbeitenden Industrie sowie Wellpappen und Kartonagen zu neuem Leben, verschafft ihnen eine neue Wertigkeit und Ästhetik.

Seit 20 Jahren lebt und arbeitet der in Ennigerloh geborene Künstler in der ehemaligen Deitermannschen Brennerei am Ortsrand von Saerbeck. Wo früher Spirituosen gebrannt worden sind, entstehen jetzt hochwertige Kunstwerke. Aktuell fängt Stuwe die vier Jahreszeiten als Thema ein: „Die Wellpappe gibt die Struktur des Bildes vor. Gebrauchsspuren bleiben erhalten.“

Seine organisch anmutenden Bilder nennt der ehemalige Meisterschüler bei Professor Gunter Keusen – als Antwort auf die „Drippings“ (Tropf- und Spritzbilder) von Max Ernst und Jackson Pollock – vom Stil her „Rippings“. Denn Stuwe schneidet, ritzt und kratzt mit einem Schraubenzieher behände seine Formen, Zeichen und Strukturen in die Wellpappen hinein. Und das gerne auf italienischen Weinkartons: „Deren Pappe ist weicher als bei den deutschen Kartons.“ Stuwe hebt reliefartig Schichten, Linien und Motive fein hervor, wobei er vorhandene Arbeitsspuren, Knicke, Risse oder Prägestempel der Kartonagen in einem spannendem Wechselspiel zwischen alt und neu miteinbezieht. Die Farben walzt Peer Christian Stuwe auf seine „Rippings“: „In Schichten lasiere ich wie die alten Meister, oder wie Fischerboote, die immer wieder neu gestrichen werden.“ Mit viel Emotion. „Ich fühle orange und blau. Ich tauche in die Farben ein, um Nuancen auszuprobieren“, sagt Stuwe und bringt Corona ins Spiel: „Mit Dunkelgrün drücke ich die derzeitige Schwermut aus.“

Aus dem scheinbar Abwegigen, wie etwa Maschinenteilen oder Werkzeugen, erschafft der 68-Jährige mit Verve auch Möbel, wie zum Beispiel moderne Metalltische mit Glasplatten. Sein Upcycling kennt keine Grenzen, entsteht durch flexibles Ausschneiden, Aneinander- oder Übereinanderfügen ungewohnter Gegenstände in stets neuen Kontexten.

Seine pyramidalen wie silhouettenhaften Stahlobjekte überlässt er in seinem urwüchsigen Skulpturengarten zwischen kleinem Gewächshaus, Wäldchen und Blick auf Pferdekoppeln den natürlichen Einflüssen durch Wind und Wetter. Die rostroten Ensembles und Einzelfiguren, bizarr-grotesk und kraftvoll anmutend zugleich, erinnern in ihrer Dynamik nicht ohne Grund an Musik.

Peer Christian Stuwe ist auch als Komponist, Texter, Gitarrist und Sänger aktiv. In der deutschsprachigen Lyrik-Pop-Band „dreimann“ nimmt er bereits auf drei Alben kein Blatt vor den Mund, singt über Fracking, korrupte Volksvertreter oder tagträumerisches Wegfliegen. Gegensätzliches ist hier ebenso ein Konzept wie bei seiner Objektkunst. So treffen in Stuwes Garten pop-artige Skulpturen in leuchtendem Signal-Pink unversehens auf vier Einmann-Bunker mit bröckelnd-bröselnder Patina. An einer Tür ist noch gut eine Maschinengewehrsalve zu erkennen – als wortlose Mahnung.

„Zwischenkrieg“ heißt die Objektkunst-Arbeit von Peer Christian Stuwe für eine 2022 geplante Ausstellung im Kloster Bentlage. In der Galerie neben seinem Atelier sieht man bereits ein Arrangement aus Glühbirnen („Dunkelheit“) und einer arg lädierte Blechdose, die an einen Soldatenhelm erinnert, der vor den äußeren Einwirkungen kapitulieren muss(te).

„Es ist ein Trugschluss zu glauben, wir würden seit 1945 ohne Kriege leben“, mahnt Peer Christian Stuwe im Gespräch gegen das allgemeine Vergessen und Verdrängen zugunsten eigener Komfortzonen.

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