Glossiert: Wenn Künstler sich öffentlich äußern, kann das ungeahnte Folgen haben
Trotzdem Tukurs „Tatort“ gucken?

Münster -

Die Aktion #allesdichtmachen hat gewaltige Reaktionen ausgelöst. Zu den prominentesten Teilnehmern dieser Video-Satire zur Corona-Pandemie gehören mehrere „Tatort“-Darsteller.

Mittwoch, 28.04.2021, 13:42 Uhr
Das ist unverkennbar Jan Josef Liefers, nicht Professor Boerne.
Das ist unverkennbar Jan Josef Liefers, nicht Professor Boerne. Foto: Uwe Koch/ Eibner-Pressefoto via www.imago-images.de

Schwierige Entscheidung am gestrigen Abend: Das hessische dritte Programm strahlte den legendären „Tatort: Das Dorf“ aus, eine grandios surreale, kafkaeske Geschichte mit Kommissar Felix Murot, gespielt von Ulrich Tukur . Tukur? Das ist doch einer derjenigen, die ironisch bis zynisch „Alles dichtmachen“ forderten und ihre misslungene Satire zum Teil zurückzogen, als sie beißende Kritik und Applaus von ungebetener Seite ernteten. Will man denn den oder seinen Kollegen Jan Josef Liefers überhaupt noch sehen?

Im Hochkochen der Emotionen hatte sich ein WDR-Rundfunkrat schon Richtung Rausschmiss der Schauspieler geäußert – und das ebenfalls wieder zurückziehen müssen, weil ihn zum Beispiel NRW-Ministerpräsident Armin Laschet an die Meinungsfreiheit erinnerte. Bedauerlich nebenbei, dass in derselben Talkshow Star-Journalist Giovanni di Lorenzo nicht in der Lage war, dem zugeschalteten Liefers für seine reichlich schlichte Medienkritik auch nur eine kleine kritische Nachfrage zu stellen.

Gelegentlich wird die Forderung erhoben, Künstler möchten sich gerade in Krisensituationen doch bitte einmischen. Vergessen wird dabei gern, dass eben diese Künstler, sobald sie sich über den Rahmen ihrer Profession hinausbewegen, auch nicht klüger sind als etwa Frau Professor Hinz und Herr Dr. Kunz. Und dass sie sich vor einem öffentlichen Urteil auch Momente des Nachdenkens gönnen sollten, statt flott etwas dahinzumeinen. Oder, erinnern wir uns an Günter Grass, nicht die Menschheit zu laut belehren, wenn man selbst ein bisschen was zu verschweigen hat(te).

Zum höchst ehrenwerten Beruf des Schauspielers gehört es, sich fremde Texte anzueignen und fremde Figuren zu verkörpern – nicht, Botschaften in die Welt zu posaunen. Kein erwachsener Mensch würde Jan Josef Liefers für die schnöselige Arroganz des Professors Boerne haftbar machen, was auch immer der sagt. Wenn aber Liefers, Tukur oder Ulrike Folkerts als sie selbst auftreten, dann müssten sie schon etwas genauer hinschauen, welche Texte sie da sprechen. Folkerts spielt in ihrem Beitrag auf kindlichem Niveau mit den Begriffen „mehr“ und „Meer“, Kostja Ullmann schränkt „Kontakte“ auf dem Handy ein: Das wäre putzig, wäre das Thema nicht so ernst.

Kann man das ausblenden, wenn man ihnen künftig in ihren Ermittlerrollen zuschaut? Ganz klar: Man sollte es sogar. Vielleicht ist Murot ja wirklich klüger als Tukur, und Liefers könnte gewiss noch eine Menge vom Mediziner Boerne lernen, auch über eine Pandemie. Alternativ könnte er sich einen Tag lang Talkshow-Ausschnitte mit Christian Lindner ansehen, etwa aus der Sendung nach dem „Tatort“. Als Beispiel dafür, welche Stimmen in den Medien eben auch präsent sind.

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