Lohnt sich die unterirdische Stromtrassenführung?
Freie Sicht für 22,5 Millionen Euro

Kreis Borken -

Über ein Jahr nach Beginn sind die Bauarbeiten am Teilstück der 380-kV-Leitung, die an Borken vorbei von Wesel bis Meppen führt, fast abgeschlossen. 13,5 Kilometer ist der Abschnitt lang, doch die mit Abstand größte Bauzeit ist für ein 3,2 Kilometer langes Teilstück draufgegangen, weil die Stromleitung in zwei Metern Tiefe im Boden verbuddelt worden ist. Hat sich das eigentlich gelohnt?

Donnerstag, 17.08.2017, 08:55 Uhr

Westfälisches Idyll? Strommasten beeinflussen das Bild einer Landschaft wie hier beim Forellenhof Borken. Lohnt sich deshalb eine Verlegung der Leitungen unter die Erde?
Westfälisches Idyll? Strommasten beeinflussen das Bild einer Landschaft wie hier beim Forellenhof Borken. Lohnt sich deshalb eine Verlegung der Leitungen unter die Erde? Foto: Sven Kauffelt

Von den Kosten her nicht. Jonas Knoop, Sprecher des Netzbetreibers Amprion, sagt, ein Kilometer Freileitung kostet inklusive der Masten und allem drum und dran rund 1,5 Millionen Euro. Wird die Leitung im Boden verlegt, wird es sechsmal so teuer: neun Millionen Euro pro Kilometer. Die drei Kilometer lange Strecke vom Barkenkamp bis zur Landwehr hätte als Freileitung also 4,5 Millionen Euro gekostet. Als Erdkabel waren es 27 Millionen Euro.

Die 150 Kilometer lange Strom-Trasse von Wesel nach Meppen hat Modellcharakter, weil die Leitung auf ihr dreimal im Boden verschwindet: bei Raesfeld, bei Borken und bei Legden. Diesen Pilotprojekten sollen in ganz Deutschland in den nächsten Jahren und Jahrzehnten viele weitere folgen, denn die Erdkabelverlegung spielt in den Netzausbauplänen bis zum Jahr 2030 eine wesentliche Rolle.

Das heißt auch: Die künftigen Stromleitungen werden wesentlich teurer als die bisherigen. Mehrkosten, die die Stromkunden am Ende bezahlen. Denn die Netzentgelte sind fester Bestandteil jeder Stromrechnung. Rund 24 Prozent des Endbetrags zahlt jeder Kunde für Ausbau und Erhalt des Stromnetzes. Die Bundesnetzagentur beziffert die Kosten für den Ausbau des Stromnetzes in den nächsten sieben Jahren an Land auf 18 Milliarden Euro. Die werden auf die Stromkunden umgelegt.

Dass die Überlandleitungen zum Teil unter die Erde verlegt werden, sei eine Zielvorgabe des Bundes, sagt Jonas Knoop von Amprion. „Das war politischer Wille“, sagt er. Von nun an gilt eine neue Abstandsregelung für Stromleitungen: Führt diese näher als 400 Meter an einer geschlossenen Siedlung vorbei, muss sie in die Erde.

Für das Stadtbild sei die Erdverlegung ein Gewinn, findet der Borkener Rathaussprecher Markus Lask: „Aus unserer Sicht ist das positiv. Würden so nah an der Stadt Strommasten stehen, würde das das Bild erheblich negativ beeinflussen.“

Von Seiten der Landwirtschaft fällt die Beurteilung zurückhaltend aus. Für Jörg Sümpelmann, Geschäftsführer des Landwirtschaftsverbandes WLV, sind zwei Dinge wesentlich: Die Eingriffe durch die Baustelle und die möglichen Folgen für landwirtschaftlich genutzte Böden. Sümpelmann: „Die Eingriffe sind deutlich umfangreicher als bei einer Freileitung. Auch zeitlich ist die Belastung intensiver.“ Finanzielle Entschädigungen für die Beeinträchtigungen durch Amprion sind Teil der Gesamtkosten. „Das ist auch ordentlich gelaufen“, sagt Sümpelmann.

Offen ist seiner Aussage nach noch die Beurteilung möglicher Folgen. Die Böden können zwar nach rund drei Jahren wieder voll landwirtschaftlich genutzt werden. Ungeklärt ist aber noch, ob die Böden über den Leitungen nicht zumindest so erwärmt werden, dass es Einfluss auf das Wachstum der Feldfrüchte hat. Tests in Freiburg würden darauf hinweisen, sagt Sümpelmann. Amprion vermeldet bisher: Keine Auffälligkeiten.

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