„Die Realität ist halt kein Poetry Slam“
Leipzigerin gewinnt beim 16. Gronauer Dichterwettstreit ihr Publikum mit leisen Tönen

Gronau -

Dass dies ihr Abend werden würde, konnte Inke Sommerlang nicht ahnen, als sie zum ersten Mal die Bühne in Saal 3 des Cinetech Gronau erklomm. Die Leipzigerin überzeugte mit Texten über zunehmende Automatisierung, übers Schweigen der Mehrheit angesichts rechter Gewalt und den kleinen gefährlichen Helfer Alkohol und holte sich damit verdientermaßen beim 16. Gronauer Poetry Slam die Siegestrophäe mit Udo-Hut und Mikrofon.

Montag, 30.09.2019, 08:15 Uhr aktualisiert: 30.09.2019, 08:20 Uhr
Mal gab es Punkte, mal Beifall, mal Gebärdenapplaus – das Publikum im Kinosaal ging mit beim 16. Gronauer Poetry Slam.
Mal gab es Punkte, mal Beifall, mal Gebärdenapplaus – das Publikum im Kinosaal ging mit beim 16. Gronauer Poetry Slam. Foto: Christiane Nitsche

Vieles war neu an diesem Abend – nicht nur das Gesicht der Siegerin. Das ungewohnte Ambiente im Kinosaal war Experiment und Reminiszenz an die Zuschauer zugleich. Im Atrium hätten sich die Zuschauer oft durch Unruhe an der Bar gestört gefühlt, so Andie Hoffmann vom Cinetech. „Wir haben uns immer gefragt, ob das funktioniert“, erklärte Moderator Marian Heuser. Er habe Befürchtungen gehabt, „dass die Leute in eine Berieselungshaltung gehen“.

Dass sich das nicht bewahrheitete, bewies das gut eingespielte Gronauer Publikum eindrucksvoll. Von Beginn an gab es hohe Wertungen für die sechs Slammer, die angetreten waren. Gleich sieben mal neun Punkte zeigten die Wertungstafeln für Inke Sommerlangs ersten Beitrag. Ella Anschein aus Siegburg mit ihrem Beitrag über die Begegnung mit Thomas, dem Obdachlosen und dessen Frau, „deren Namen wir vergaßen, als sie ihn aussprach“ erhielt sieben mal eine acht.

Florian Stein , der es neben Inke Sommerlang ins Finale schaffen sollte, brachte das Publikum mit seiner schrägen und mit viel Theatralik sowie einer Prise Battle-Rap dargebotenen Fabel über den Streit zwischen König Braeburn mit seinen Äpfeln und der Birnen-Gefolgschaft von König Williams den Saal zum Toben. Mit einer Neun und sechs Mal einer Zehn gab es für diesen Auftritt die höchste Wertung des Abends.

Achim Leufker aus Rheine, der die Phalanx der jungen Slammer um seine hochkomischen, selbstironischen Betrachtungen übers Altern bereicherte, schaffte im ersten Anlauf fünf mal die Neun und zwei Mal die Zehn. Frei nach dem Motto: „Totlachen bringt echte Lebensqualität.“ Malte Küppers (Duisburg) und Pauline Haberland (Münster) schafften es nicht in Runde zwei. 

Im Halbfinale kapitulierte Achim Leufker nicht nur vor Diätwahnsinn und den Verlockungen von Schokolade & Co. Er musste sich ebenso wie Ella Anschein geschlagen geben, deren Selbstbetrachtungen über das mitunter verzweifelte Liebesleben in Polyamorie in der Gunst des Publikums deutlich abfielen.

Ganz anders Florian Stein und Inke Sommerlang, die das Niveau bis ins Finale hielten und sich so ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten. Inke Sommerlang punktete mit sensiblen Zwischentönen, während Florian Stein das ganze Register von Stimmlagen zog – mal deklamierend, mal in schwindelerregendem Schnellsprech davongaloppierend. So schaffte er als sprechender Stein (!) nicht nur den Parforceritt durch die Erdgeschichte, sondern auch noch kritische Betrachtungen zum Thema Umweltschutz und Klimawandel.

Inke Sommerlang brauchte für die Selbstkritik nicht mehr als ihre Stimme, ein leises Lächeln und die richtigen Worte. Etwa beim Thema rechte Gewalt, dem der stärkste Text des Abends galt. Von einer Generation sprach sie, „die ihre Privilegien gar nicht zu schätzen weiß“. Vom Schweigen der Mehrheit, das immer noch zu groß ist. „Wir sind mehr – das wird nicht reichen.“ Titel des Texts: „Endlich mal nicht leise sein.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6966559?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F3814583%2F
Archäologen graben auf Gelände der geplanten JVA nach Bodendenkmälern
Das Luftbild zeigt das frisch geackerte Gelände (vier Quadranten im oberen Bereich), auf dem die neuen JVA entstehen soll, noch vor Beginn der Grabungsarbeiten.
Nachrichten-Ticker