Befreiung bei Härtefällen
Bonpflicht bleibt umstritten: Wo bleibt der Umweltschutz?

Warendorf -

Mit einem Beitrag über die umstrittene Bon-Pflicht beginnt eine neue WN-Serie zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit. In den kommenden Monaten werden in loser Folge Projekte und Menschen vorgestellt, die sich mit globalen Themen auf lokalere Ebene befassen.

Montag, 27.01.2020, 17:28 Uhr aktualisiert: 27.01.2020, 19:50 Uhr
In Körbchen auf der Theke werden in der Konditorei Schrunz die Kassenbons gesammelt. Nur die wenigsten Kunden nehmen die Bons mit, die dann ein Fall für den Restmüll sind.
In Körbchen auf der Theke werden in der Konditorei Schrunz die Kassenbons gesammelt. Nur die wenigsten Kunden nehmen die Bons mit, die dann ein Fall für den Restmüll sind. Foto: Joke Brocker

Seit knapp einem Monat schlägt sich die Bevölkerung mit der sogenannten „Bonpflicht“ herum. Die Skepsis, die von Anfang an herrschte ,hat weiterhin Bestand – auf Seiten der Unternehmen sowie auf Seiten der Konsumenten. Seit dem 1. Januar bekommt der Kunde gemäß Paragraf 146a Absatz 2 Satz 1 für jeden noch so kleinen Einkauf einen Bon. Doch worum geht es bei der neuen Pflicht eigentlich?

Insgesamt soll es Ladenbetreibern erschwert werden, Umsätze zu verschweigen. Daher müssen überall dort, wo mit Registrierkassen gearbeitet wird, dem Kunden unaufgefordert die Bons ausgehändigt werden. „Ich verstehe ja, dass geprüft werden muss, dass keine Steuern hinterzogen werde, aber das wirkt auf mich wie ein Schnellschuss“, kommentiert Jessica Wessels , Fraktionsvorsitzende der Grünen, in Warendorf das neue Gesetz. „Für einen Schrank brauche ich wohl einen Bon, aber doch nicht für ein Brötchen. Wie kann es ein solches System bei dem Stand der Digitalisierung geben?“, zweifelt sie die Umsetzung an. Gerade der zusätzliche Müll bereitet nicht nur der Politikerin Kopfzerbrechen.

Antrag auf Befreiung bei Härtefälle

„Wir müssen es machen, aber die Kunden sind genervt, wenn sie für ein Bier einen Kassenbon bekommen. Für uns bedeutet es somit einfach nur zusätzlichen Müll“, erzählen Karina und Falk Roerkohl vom „Alten Gasthaus Wiese“ und zeigen einen großen Krug mit Bons, den sie jeden Abend leeren müssen. Das gleiche Bild in den Bäckereien. Nur die wenigsten Kunden nehmen den Bon mit. „Gut 95 Prozent der Kunden möchten keinen Bon und sind einfach genervt, bei jedem Brötchen gefragt zu werden. Ich denke aber, dass sich das alles beruhigen wird“, meint Alfons Averhoff, Inhaber der gleichnamigen Freckenhorster Bäckerei.

Dass das Ziel des Gesetzgebers erreicht wird, bezweifelt er jedoch: „Um schwarze Schafe ausfindig zu machen, wird das meiner Meinung nach nichts bringen. Die finden schon einen Weg. Als kleiner Betrieb wird der Verwaltungsaufwand damit aber einfach noch mal höher.“ Johannes Austermann, Betreiber des Scala-Filmtheaters, versteht den Sinn hinter der Verpflichtung ebenfalls nicht. „Ich habe beim Finanzamt einen Antrag auf Befreiung gestellt und auch ziemlich schnell eine Antwort erhalten. Nämlich dass es sich um keinen Härtefall handelt und der Antrag damit abgelehnt wurde“. Dabei kann er Kinokarten nur ausgeben, wenn zuvor alles ordnungsgemäß verbucht wurde. Der Kassenzettel wäre damit also überflüssig.

Digitale Kassenbons als umweltfreundliche Lösung 

Und wo bleibt der Umweltschutz? Der Zentralverband des Bäckerhandwerks hat gerechnet: Bei Verkaufsfilialen mit 100.000 Kunden pro Jahr fallen fünf Milliarden Bons pro Jahr an. Und das nur auf das Bäckereigewerbe bezogen. Der Einzelhandelsverband HDE geht noch weiter und rechnet bei einer Durchschnittslänge von 20 Zentimetern pro Bon mit zwei Millionen Kilometern gedruckter Bons.

Bei der anhaltenden Debatte über Klimaschutz erscheint das neue Gesetz insgesamt widersinnig, da die meisten Unternehmen mit Thermodruckern arbeiten. Das Papier ist mit einer speziellen wärmeempfindlichen Schicht versehen, die eine hohe Menge an Bisphenol enthält. Wegen dieser Beschichtung darf der Bon nicht im Altpapiercontainer entsorgt werden.

Vor dem Hintergrund, dass Kommunen auf Mehrwegbecher-Pfandsysteme umstellen, die Coffee-to-go-Becher ablösen sollen, und dass Jugendliche, wie mehrfach berichtet, bei Fridays-for-Future-Demos für ein umweltbewussteres Leben eintreten, erscheint die praktische Umsetzung der Abgabenverordnung fragwürdig. Eine umweltfreundliche Lösung für die Unternehmen wären digitale Kassenbons. Entwickelt hat den „E-Bon“ die Firma SimplyPOS aus Hörstel. Nach dem Bezahlen wird dem Kunden ein QR-Code angezeigt. Er kann diesen abscannen und erhält ihn direkt – und absolut papierlos – auf sein Smartphone.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7222464?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F3814583%2F
Münster bekommt eine weitere Hochschule
An allen Standorten der privaten Hochschule IUHB
Nachrichten-Ticker