Corona-Pandemie
Wie der „Lockdown light“ die Innenstädte bedroht

Münster -

Obwohl die Läden geöffnet bleiben trifft der „Lockdown light“ die Einzelhändler mit voller Härte, bedroht Existenzen und damit die Innenstädte. Deshalb hat sich die Initiative „Das Gute findet Innenstadt“ im Münsterland gegründet.

Freitag, 27.11.2020, 17:20 Uhr
Die Hygienemaßnahmen im Handel werden – wie hier von Christoph Berger in seinem Modehaus Ebbers in Warendorf – peinlich eingehalten, aber die Kunden bleiben aus. Das erleben in Corona-Zeiten viele Einzelhändler.
Die Hygienemaßnahmen im Handel werden – wie hier von Christoph Berger in seinem Modehaus Ebbers in Warendorf – peinlich eingehalten, aber die Kunden bleiben aus. Das erleben in Corona-Zeiten viele Einzelhändler. Foto: Dario Ronge

Der Appell ist dramatisch: „Wir sterben bei offener Ladentür“, beschreibt Thomas Zumnorde-Mertens die Lage der Einzelhändler in der Corona-Krise. Mit der Gastronomie habe die Politik auch der Innenstadt „den Stecker gezogen“, beobachtet der Chef des münsterischen Schuhhauses Zumnorde. Obwohl die Läden geöffnet bleiben trifft der „Lockdown light“ die Einzelhändler mit voller Härte, bedroht Existenzen und damit die Innenstädte. Wer mag sich eine Innenstadt ohne Einzelhandel vorstellen? „Dann hätten wir auf dem Prinzipalmarkt ein sehr sehr schönes Museumsdorf“, sagt Zumnorde.

„Wenn ich auf den innerstädtischen Modehandel gucke, auf alles, was zu shoppen auch Spaß bereitet, dann wird mir im Moment ganz ganz flau“, sagt Michael Radau , Präsident des Handelsverbands NRW. Die Zahlen sind ernüchternd: Die Besucherfrequenz ist zum Beispiel in Münster um „60 bis 70 Prozent“ eingebrochen, das geht aus der offiziellen Zählung der Passanten hervor. Das heißt: Es kommt weniger als ein Drittel der Einkaufsbummler, die noch im vorigen Jahr unterwegs waren. „Das korreliert direkt mit den Umsätzen“, sagt Zumnorde. Die Einzelhändler berichten von Umsatzeinbrüchen um 50 Prozent. Folge: Die Lager sind voll, das Kapital dafür gebunden – und im Januar kommt bereits die neue Ware. Wie soll die bezahlt werden? Nach den Ertragslücken könnten für viele Liquiditätslücken kommen.

Kundschaft hilft

Und: „Der Handel muss weitgehend aus eigener Kraft durch den Lockdown kommen“, sagt Joachim Brendel, Leiter des Geschäftsbereichs Handel und Verkehr bei der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen (IHK). Die Einzelhändler fielen bei den Hilfen weitgehend durchs Rost. „Einige Tausend Euro Umsatz“, habe er zu viel gemacht, um Hilfen zu bekommen, berichtet zum Beispiel Christoph Berger, Inhaber des Modehauses Ebbers in Warendorf.

Was würde helfen? Eine Initiative wie in der Schweiz, wo der Staat zeitweise die Mieten übernimmt. Eine zweite Runde kfw-Hilfen für die grundsätzlich gesunden Betriebe. Und: Eine Art „Schuldenschnitt“ bei den Steuern und Abgaben am Ende der Krise, zählt Zumnorde auf.

Vor allem aber: Kundschaft hilft. Deshalb bemühen sich die Händler allerorten im Münsterland, so viel Weihnachtsstimmung zu verbreiten, wie das unter den Corona-Bedingungen möglich ist. „Wir haben keine Weihnachtsmärkte“, sagt Berger, „wir sind im Handel die einzigen, die noch Adventsstimmung außerhalb der eignen vier Wände bieten können.“

Online bei Händlern aus der Innenstadt bestellen

Den Focus darauf lenken, wie wertvoll der innerstädtische Handel ist, will auch die Initiative gemeinsame Initiative „Das Gute findet Innenstadt“. Sie will das Einkaufserlebnis herausstellen, das Schmecken, Riechen, Berühren. Kurz: das Erlebnis, wie es nur der stationäre Handel bietet. „Handel vor Ort hat Persönlichkeit“, sagt Marlies Hüser, Inhaberin des Schuhhauses Hölscher in Emsdetten. „Handel vor Ort hat ein echtes Gegenüber.“

„Vor Schlangen in unseren Geschäften muss niemand Sorge haben“, verspricht Zumnorde. Es werde kein Gedränge geben. Und: „Wir werden keine Infektion haben.“ Die Corona-Regeln würden genau eingehalten.

„Jetzt, genau jetzt, werden die Weichen gestellt“, sagt NRW-Handelspräsident Michael Radau, die Weichen nämlich, ob die Bürger nach der Pandemie noch Innenstädte voller Läden und Leben genießen können.“ Wer sich trotz aller Hygienemaßnahmen nicht in die Innenstadt traue, der könne auch online bestellen – aber bitte bei seinen Händlern aus der Innenstadt und nicht irgendwo, appelliert Radau.

"Das Gute findet Innenstadt"

Um die Innenstädte trotz Corona-Krise vielfältig zu halten, will die Kampagne „Das Gute findet Innenstadt“. Ziel: Die Menschen für den Einkauf vor Ort begeistern – mit Abstand und unter Einhaltung aller Anti-Corona-Maßnahmen. Die IHK Nord Westfalen, die Handwerkskammer Münster, der Handelsverband, der Verein Münsterland e.V. und die WIN Emscher-Lippe möchten „auf der Gratwanderung zwischen Gesundheitsschutz und wirtschaftlich notwendiger Kundenfrequenz den richtigen Weg weisen.“    

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