Serie: Wohnen heute
Hohe Preise für Mieten und Immobilien

Münster/Düsseldorf -

Verzweifelte Suche nach dem passenden Haus, teure Grundstücke, steigende Mieten – die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt in Deutschland birgt jede Menge gesellschaftspolitischen Sprengstoff. 

Donnerstag, 19.07.2018, 13:30 Uhr
 Der Preisanstieg für Wohnimmobilien setzt sich unvermindert fort. Vor allem in den Metropolen haben die Preise angezogen.
 Der Preisanstieg für Wohnimmobilien setzt sich unvermindert fort. Vor allem in den Metropolen haben die Preise angezogen. Foto: dpa

Der Preis für eine neue 80 Quadratmeter große Eigentumswohnung hat sich zum Beispiel in Warendorf im vergangenen Jahr um 25 Prozent verteuert. Bundesweit sind die inserierten Kaufpreise seit 2004 für neue Eigentumswohnungen um 52,7 Prozent gestiegen, in den kreisfreien Städten gar um 73,2 Prozent.

Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. „Die momentane Lage wird sich in Zukunft wohl nicht verändern lassen, insbesondere dann nicht, wenn man berücksichtigt, dass Deutschland auch in Zukunft ein Zuwanderungsland bleibt“, sagt Jürgen Engelberth , Geschäftsführer des Bundesverbands für die Immobilienwirtschaft, im Interview mit unserer Zeitung. „Im Moment sind wir gar nicht in der Lage, so viele Wohnungen zu bauen, wie die Nachfrage es verlangt.“

Dauerhaft hohe Miet- und Kaufpreise

Neben dem Bevölkerungszuwachs und dem Run in die Ballungszentren sieht Engelberth die Verantwortung für die steigende Mieten und Immobilienpreise bei den politisch Verantwortlichen. „Eine völlig verfehlte Wohnungsbaupolitik im Bund, aber auch im Land und in den Städten hat zu einer erheblichen Verknappung im Markt geführt. Der derzeitige Flaschenhals im Immobilien-Markt kann bestimmt zu 90 Prozent auf diese politischen Verfehlungen zurückgeführt werden.“

Auch die gestiegenen Nebenkosten sorgen für eine zusätzliche Belastung bei den Verbrauchern. Nach einer wissenschaftlichen Studie des Bochumer Instituts Inwis sind die Nebenkosten in NRW für Wohnungen seit 2005 um durchschnittlich 12,7 Prozent gestiegen, die Mieten dagegen um „nur“ 7,2 Prozent.

„Betriebskosten wie zum Beispiel Grundsteuer, Abwassergebühren oder Strom sind zu 70 Prozent durch Entscheidungen der Politik gemacht“, sagt Erik Amaya, Geschäftsführer des Verbandes „Haus & Grund“ in NRW. „Deswegen zeugt es von einer gewissen Doppelmoral, dass die Politik immer auf die reinen Mieterhöhungen abhebt.“ Nach überwiegender Ansicht werden sich die Deutschen dauerhaft auf hohe Miet- und Kaufpreise einstellen müssen. Immobilienexperte Engelberth: „Wohnen ist ein wertvolles Gut und darf durchaus einen angemessenen Preis haben.“

Was das Bauen teuer macht

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  • Ob Miete oder Wohnungsbau: Die Kosten ziehen an in Deutschland. In Städten liegen die Immobilienpreise teils 15 bis 30 Prozent über dem Niveau, das sich etwa durch das Wirtschaftswachstum erklären lässt, hat die Bundesbank vorgerechnet. Die Gründe sind vielfältig - eine Auswahl.

    Foto: Jens Büttner
  • STELLPLÄTZE: Wer eine Wohnung hat, hat auch ein Auto - davon gehen zumindest viele Gemeinden aus. Sie verlangen, dass bei Neubauten auch Parkplätze entstehen. Ein bis zwei Stellplätze pro Wohnung seien in manchen Orten Vorschrift, sagt Tübingens Grünen-Oberbürgermeister Boris Palmer. „In den Städten geht das oft nur unterirdisch, dann kostet ein Stellplatz 30 000 Euro“, sagt er. „In den Städten haben aber viele Menschen gar kein Auto mehr. Wir haben das für Tübingen deswegen auf bis zu 0,4 Stellplätze pro Wohnung reduziert, das spart sehr viel Geld beim Bauen.“ Die Immobilienbranche sieht das ähnlich. Eine Stellplatzvorgabe sei eine „unsinnige Investorenbremse“, schimpft Andreas Mattner, Präsident beim Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA). „Solche verpflichtenden Regulierungen sind starr, unflexibel und gehen häufig am eigentlichen Bedarf des Marktes vorbei.“

    Foto: Jens Schierenbeck
  • ENERGIEEFFIZIENZ: Seit 2016 gelten in Deutschland mit der Energiesparverordnung (EnEV) schärfere Vorschriften für den Energieverbrauch von Gebäuden, unter anderem zur Heizungs- und Klimatechnik und zur Wärmedämmung. Die Vorschriften stellten bereits die Grenze des heute technisch Möglichen dar, warnt ZIA-Präsident Mattner. „Allein diese hat zu einer Verteuerung von durchschnittlich acht Prozent im Wohnungssektor geführt“, sagt er zur Verordnung. Andreas Ibel, Präsident beim Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), meint: „Die verschärften energetischen Vorgaben machen Bauen immer teurer, während die Energieeinsparung im Promillebereich liegt.“ Grünen-Politiker Christian Kühn hält die neuen Standards hingegen für „unkompliziert und mit marktüblichen Technologien problemlos erreichbar“. Eine Studie im Auftrag des Umweltamts Hamburg, die Neubauten zwischen 2011 und 2014 analysiert, kommt zu dem Ergebnis, dass der Grad der Energieeffizienz keine Auswirkungen auf die Gesamtkosten hat.

    Foto: Baufritz
  • GRUNDSTÜCKSPREISE: Die Preise für Bauland haben ordentlich angezogen. Seit dem Jahr 2000 ist der Durchschnittspreis pro Quadratmeter Bauland um 46 Prozent gestiegen, schreibt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in einer im September veröffentlichten Studie. „Hohe Grundstückspreise lassen einen frei finanzierten Wohnungsneubau zu bezahlbaren Mieten vielfach nicht mehr zu.“

    Foto: Julian Stratenschulte
  • ANGEBOT UND NACHFRAGE: Kostentreiber hin oder her, am Ende hängen die Preise auch auf dem Wohnungsmarkt nicht zuletzt von Angebot und Nachfrage ab. „Die Höhe der Erstvermietungsmieten bei neu gebauten Mietwohnungen ist in erster Linie von den jeweiligen örtlichen Marktbedingungen abhängig“, schrieb das Bundesinnenministerium jüngst in einer Antwort auf eine Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Kühn. Hinzu kommt: Die Bauindustrie kommt angesichts der starken Nachfrage kaum hinterher. „Stagnierende Produktivität und begrenzte Kapazität im Baugewerbe“ dürften die Preise weiter steigen lassen, sagt die Unternehmensberatung McKinsey in einer aktuellen Analyse voraus.

    Foto: Bernd von Jutrczenka
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