Suche wird zum Geduldsspiel
Angespannter Immobilienmarkt macht Familie Beuck zu schaffen

Münster -

Anna Beuck wirkt ernüchtert. Ehemann Henning und sie suchen seit über zwei Jahren nach einem geeigneten Haus oder Baugrund für ihre vierköpfige Familie – bislang jedoch ohne Erfolg.

Freitag, 20.07.2018, 07:34 Uhr aktualisiert: 20.07.2018, 22:20 Uhr
Anna und Henning Beuck möchten ein Eigenheim erwerben, in dem ihre Kinder Johann (2.v.l.) und Benjamin aufwachsen können.
Anna und Henning Beuck möchten ein Eigenheim erwerben, in dem ihre Kinder Johann (2.v.l.) und Benjamin aufwachsen können. Foto: Wilfried Gerharz

Wie bei vielen jungen Eltern haben sich bei den Beucks die Prioritäten seit der Geburt ihrer Kinder verschoben. „Statt Kneipe und Kino steht immer mehr das Familienleben im Vordergrund“, sagt die 33-Jährige. Um dem gerecht zu werden, braucht es vor allem eines: mehr Platz. Mindestens fünf Zimmer und ein Garten, in dem der dreijährige Benjamin und sein einjähriger Bruder Johann spielen können, sollten es sein.

Die Erfüllung des Traums von einem bezahlbaren Eigenheim im Südwesten von Münster oder im angrenzenden Speckgürtel ist aber trotz jahrelanger Ansparphase und intensiver Marktbeobachtung ein Geduldsspiel. Obwohl Henning Beuck als Gutachter für eine Ingenieurgesellschaft ein gutes Einkommen bezieht und seine Ehefrau nach der Elternzeit bald in ihren Beruf als Krankenschwester zurückkehrt, müssen sie sich bei den aufgerufenen Preisen oftmals die Augen reiben. „Eine halbe Million Euro und mehr haben wir leider nicht“, sagt Henning Beuck und schiebt hinterher: „Auch wenn uns klar ist, dass wir nahe an Münster für unter 300.000 Euro nichts bekommen können.“

Wie den Beucks geht es immer mehr jungen Familien. Der heiß gelaufene Immobilienmarkt bietet nur wenig Auswahl. Stetig steigende Preise führen zu geringer Verkaufsbereitschaft und die wenigen freien Objekte werden oftmals unter der Hand vergeben. Hinzu kommt, dass selbst für marode Immobilien Mondpreise aufgerufen werden. Plätze in Neubaugebieten sind ohnehin Mangelware. Alleine für das zuletzt vermarktete münsterische Baugebiet „Markweg“ haben sich nach Angaben der Stadt 2000 Interessenten gemeldet. Vergeben werden die wenigen Plätze ausschließlich nach sozialen Kriterien.

Fester Lebensmittelpunkt wichtig für Kinder

Die Beucks lassen derweil nichts unversucht: Anzeigen in Immobilienportalen, in der Lokalzeitung und der Eintrag in Interessenslisten für Bauplätze gehören für sie genauso zur Suchstrategie wie Spaziergänge und Fahrradtouren in potenziell interessante Wohnviertel. „Dort sprechen wir dann schon mal Anwohner an und erkunden uns, ob in der Nähe Immobilien frei werden“, sagt Henning Beuck. Zudem halten Freunde und Familie die Augen offen.

Die Bilanz nach unzähligen Sichtungen und Stunden vor dem PC ist ernüchternd: Auf der Haben-Seite stehen etwa zehn Besichtigungen, aber noch immer kein passendes Haus. „Ein bisschen ratlos ist man manchmal. Und die Suche, für die die knappe Freizeit draufgeht, zerrt schon an den Nerven“, sagt Anna Beuck .

Was das Bauen teuer macht

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  • Ob Miete oder Wohnungsbau: Die Kosten ziehen an in Deutschland. In Städten liegen die Immobilienpreise teils 15 bis 30 Prozent über dem Niveau, das sich etwa durch das Wirtschaftswachstum erklären lässt, hat die Bundesbank vorgerechnet. Die Gründe sind vielfältig - eine Auswahl.

    Foto: Jens Büttner
  • STELLPLÄTZE: Wer eine Wohnung hat, hat auch ein Auto - davon gehen zumindest viele Gemeinden aus. Sie verlangen, dass bei Neubauten auch Parkplätze entstehen. Ein bis zwei Stellplätze pro Wohnung seien in manchen Orten Vorschrift, sagt Tübingens Grünen-Oberbürgermeister Boris Palmer. „In den Städten geht das oft nur unterirdisch, dann kostet ein Stellplatz 30 000 Euro“, sagt er. „In den Städten haben aber viele Menschen gar kein Auto mehr. Wir haben das für Tübingen deswegen auf bis zu 0,4 Stellplätze pro Wohnung reduziert, das spart sehr viel Geld beim Bauen.“ Die Immobilienbranche sieht das ähnlich. Eine Stellplatzvorgabe sei eine „unsinnige Investorenbremse“, schimpft Andreas Mattner, Präsident beim Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA). „Solche verpflichtenden Regulierungen sind starr, unflexibel und gehen häufig am eigentlichen Bedarf des Marktes vorbei.“

    Foto: Jens Schierenbeck
  • ENERGIEEFFIZIENZ: Seit 2016 gelten in Deutschland mit der Energiesparverordnung (EnEV) schärfere Vorschriften für den Energieverbrauch von Gebäuden, unter anderem zur Heizungs- und Klimatechnik und zur Wärmedämmung. Die Vorschriften stellten bereits die Grenze des heute technisch Möglichen dar, warnt ZIA-Präsident Mattner. „Allein diese hat zu einer Verteuerung von durchschnittlich acht Prozent im Wohnungssektor geführt“, sagt er zur Verordnung. Andreas Ibel, Präsident beim Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), meint: „Die verschärften energetischen Vorgaben machen Bauen immer teurer, während die Energieeinsparung im Promillebereich liegt.“ Grünen-Politiker Christian Kühn hält die neuen Standards hingegen für „unkompliziert und mit marktüblichen Technologien problemlos erreichbar“. Eine Studie im Auftrag des Umweltamts Hamburg, die Neubauten zwischen 2011 und 2014 analysiert, kommt zu dem Ergebnis, dass der Grad der Energieeffizienz keine Auswirkungen auf die Gesamtkosten hat.

    Foto: Baufritz
  • GRUNDSTÜCKSPREISE: Die Preise für Bauland haben ordentlich angezogen. Seit dem Jahr 2000 ist der Durchschnittspreis pro Quadratmeter Bauland um 46 Prozent gestiegen, schreibt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in einer im September veröffentlichten Studie. „Hohe Grundstückspreise lassen einen frei finanzierten Wohnungsneubau zu bezahlbaren Mieten vielfach nicht mehr zu.“

    Foto: Julian Stratenschulte
  • ANGEBOT UND NACHFRAGE: Kostentreiber hin oder her, am Ende hängen die Preise auch auf dem Wohnungsmarkt nicht zuletzt von Angebot und Nachfrage ab. „Die Höhe der Erstvermietungsmieten bei neu gebauten Mietwohnungen ist in erster Linie von den jeweiligen örtlichen Marktbedingungen abhängig“, schrieb das Bundesinnenministerium jüngst in einer Antwort auf eine Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Kühn. Hinzu kommt: Die Bauindustrie kommt angesichts der starken Nachfrage kaum hinterher. „Stagnierende Produktivität und begrenzte Kapazität im Baugewerbe“ dürften die Preise weiter steigen lassen, sagt die Unternehmensberatung McKinsey in einer aktuellen Analyse voraus.

    Foto: Bernd von Jutrczenka

Ihr Mann ist etwas gelassener: „Wir haben das Glück, in einer großen Mietswohnung zu wohnen. Es könnte uns auch schlimmer gehen.“ Doch auch er will mit dem Thema spätestens zur Einschulung von Sohn Benjamin in zwei Jahren abgeschlossen haben. Aus Erfahrung weiß der gebürtige Everswinkeler, wie wichtig ein fester Lebensmittelpunkt für seine Kinder ist: „Sie sollen sich in der Schule einen Freundeskreis aufbauen können, der nicht durch einen späteren Umzug auseinandergerissen wird.“ Und auch er selbst freut sich darauf „endlich im eigenen Zuhause anzukommen“.

Preise steigen weiter

Kein Ende in Sicht: Die Immobilienpreise und die Mieten sind auch im zweiten Quartal des Jahres 2018 weiter gestiegen. Seit 2004 sind die inserierten Kaufpreise für neue Eigentumswohnungen im Bundesschnitt um 52,7 Prozent gestiegen, in den kreisfreien Städten sogar um 73,2 Prozent. Etwas weniger drastisch war die Steigerung in den Landkreisen – seit 2004 haben die Preise um 41,1 Prozent zugelegt.Auch im Münsterland mit dem Oberzentrum Münster ist die Lage vergleichbar. „Die Möglichkeit, ein Haus zu bauen, hängt entscheidend von den verfügbaren Baugrundstücken ab“, sagt zum Beispiel der LBS-Gebietsleiter Reinhard Mersmann für den Raum Warendorf. Die Preise für einen Quadratmeter voll erschlossenes Bauland sind dort im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent teurer geworden. Eine 80-Quadrat-Meter große Eigentumswohnung ist im Schnitt 25 Prozent teurer geworden. Laut LBS ist vor allem bei Grundstücken in der Region kein Ende der Preissteigerung absehbar.

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