Zu wenig bezahlbarer Wohnraum in den Städten
Das Umland muss näher an die Städte rücken

Düsseldorf/Berlin -

Die Mieten explodieren, viele haben Probleme, eine Wohnung zu finden. Das gilt besonders für die Großstädte. Der wachsende Bedarf an bezahlbarem Wohnraum ist nach Einschätzung des Branchenverbands GdW deshalb nur auf dem Land zu befriedigen. 

Sonntag, 22.07.2018, 10:30 Uhr
Zu wenig bezahlbarer Wohnraum in den Städten: Das Umland muss näher an die Städte rücken
Laut einer Untersuchung wollen die meisten Menschen sehr gerne auf dem Land leben. Foto: colourbox.de

„Wir dürfen den Menschen nicht vorgaukeln, dass wir es schaffen, in absehbarer Zeit in den Städten den nötigen Wohnraum zu schaffen“, sagte GdW-Präsident Axel Gedaschko . „Es gibt zu wenig Fläche, um all die Wünsche, die theoretisch da sind, zu befriedigen.“

Gefragt sei eine Anbindung des Umlands größerer Städte. Dazu müssten der öffentliche Nahverkehr gestärkt und Straßen gebaut werden. Auch schnelles Internet, elektronische Gesundheitsdienstleistungen und Behördenangebote müssten ausgebaut werden.

Die meisten Menschen würden zudem sehr gerne auf dem Land leben, sagte Gedaschko, der auf eine Untersuchung der Bundesstiftung Baukultur aus dem Jahr 2015 verwies. Wenn Geld keine Rolle spielte, würden demnach 45 Prozent der Befragten am liebsten in einer Landgemeinde leben, gefolgt von 33 Prozent, die eine Mittel- oder Kleinstadt bevorzugten. Nur 21 Prozent zieht es demnach in die Großstadt – hier wollen vor allem die 18 bis 29-Jährigen leben.

In Deutschland fehlen nach GdW-Angaben 1,1 Millionen Wohnungen, die im Zeitraum 2009 bis 2017 zu wenig gebaut wurden. Das liege neben dem Drang in die Stadt auch an Zuwanderung und einer wachsenden Bevölkerung. Insbesondere in größeren Städten entstünden nur zwei Drittel des nötigen Wohnungsneubaus.

Teil des Problems sei der jahrelange Rückgang gebundener Wohnungen, bei denen es Vorgaben entweder zu Preis oder Belegung gibt, so Gedaschko. Der Bestand lag 2017 nur noch bei 758.000, ein Rückgang um mehr als 1,1 Millionen seit 2002.

Was das Bauen teuer macht

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  • Ob Miete oder Wohnungsbau: Die Kosten ziehen an in Deutschland. In Städten liegen die Immobilienpreise teils 15 bis 30 Prozent über dem Niveau, das sich etwa durch das Wirtschaftswachstum erklären lässt, hat die Bundesbank vorgerechnet. Die Gründe sind vielfältig - eine Auswahl.

    Foto: Jens Büttner
  • STELLPLÄTZE: Wer eine Wohnung hat, hat auch ein Auto - davon gehen zumindest viele Gemeinden aus. Sie verlangen, dass bei Neubauten auch Parkplätze entstehen. Ein bis zwei Stellplätze pro Wohnung seien in manchen Orten Vorschrift, sagt Tübingens Grünen-Oberbürgermeister Boris Palmer. „In den Städten geht das oft nur unterirdisch, dann kostet ein Stellplatz 30 000 Euro“, sagt er. „In den Städten haben aber viele Menschen gar kein Auto mehr. Wir haben das für Tübingen deswegen auf bis zu 0,4 Stellplätze pro Wohnung reduziert, das spart sehr viel Geld beim Bauen.“ Die Immobilienbranche sieht das ähnlich. Eine Stellplatzvorgabe sei eine „unsinnige Investorenbremse“, schimpft Andreas Mattner, Präsident beim Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA). „Solche verpflichtenden Regulierungen sind starr, unflexibel und gehen häufig am eigentlichen Bedarf des Marktes vorbei.“

    Foto: Jens Schierenbeck
  • ENERGIEEFFIZIENZ: Seit 2016 gelten in Deutschland mit der Energiesparverordnung (EnEV) schärfere Vorschriften für den Energieverbrauch von Gebäuden, unter anderem zur Heizungs- und Klimatechnik und zur Wärmedämmung. Die Vorschriften stellten bereits die Grenze des heute technisch Möglichen dar, warnt ZIA-Präsident Mattner. „Allein diese hat zu einer Verteuerung von durchschnittlich acht Prozent im Wohnungssektor geführt“, sagt er zur Verordnung. Andreas Ibel, Präsident beim Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), meint: „Die verschärften energetischen Vorgaben machen Bauen immer teurer, während die Energieeinsparung im Promillebereich liegt.“ Grünen-Politiker Christian Kühn hält die neuen Standards hingegen für „unkompliziert und mit marktüblichen Technologien problemlos erreichbar“. Eine Studie im Auftrag des Umweltamts Hamburg, die Neubauten zwischen 2011 und 2014 analysiert, kommt zu dem Ergebnis, dass der Grad der Energieeffizienz keine Auswirkungen auf die Gesamtkosten hat.

    Foto: Baufritz
  • GRUNDSTÜCKSPREISE: Die Preise für Bauland haben ordentlich angezogen. Seit dem Jahr 2000 ist der Durchschnittspreis pro Quadratmeter Bauland um 46 Prozent gestiegen, schreibt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in einer im September veröffentlichten Studie. „Hohe Grundstückspreise lassen einen frei finanzierten Wohnungsneubau zu bezahlbaren Mieten vielfach nicht mehr zu.“

    Foto: Julian Stratenschulte
  • ANGEBOT UND NACHFRAGE: Kostentreiber hin oder her, am Ende hängen die Preise auch auf dem Wohnungsmarkt nicht zuletzt von Angebot und Nachfrage ab. „Die Höhe der Erstvermietungsmieten bei neu gebauten Mietwohnungen ist in erster Linie von den jeweiligen örtlichen Marktbedingungen abhängig“, schrieb das Bundesinnenministerium jüngst in einer Antwort auf eine Anfrage des Grünen-Bundestagsabgeordneten Kühn. Hinzu kommt: Die Bauindustrie kommt angesichts der starken Nachfrage kaum hinterher. „Stagnierende Produktivität und begrenzte Kapazität im Baugewerbe“ dürften die Preise weiter steigen lassen, sagt die Unternehmensberatung McKinsey in einer aktuellen Analyse voraus.

    Foto: Bernd von Jutrczenka

Grund für die steigenden Baukosten für Wohnungen sei nicht etwa Spekulation. „Für unsere Unternehmen kann ich sagen: Definitiv keine Spekulation“, sagte Gedaschko. Die Bauindustrie ist laut GdW aktuell stärker ausgelastet als selbst in den Boomzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg, das treibe die Preise in die Höhe. Während sich beim gehobenen Segment die Planungs- und Bauzeit eines Mehrfamilienhauses von 28 Monaten 2015 um vier Monate verlängerte, stieg sie beim bezahlbaren Wohnraum von 29 auf 48 Monate. „Teuer kann jeder“, merkte Gedaschko an.

Auch im Münsterland verzeichnet vor allem das Oberzentrum Münster eine deutliche Preissteigerung. Viele – vor allem junge Familien – zieht es deswegen ins Umland. Aber auch in den Kreisen Warendorf, Steinfurt und Coesfeld und vor allem den Gemeinden mit guter Verkehrsanbindung haben die Grundstückspreise deutlich angezogen.

Zum Thema

Lesen Sie am kommenden Montag in unserer Serie „Wohnen heute“ einen Beitrag über „Tiny Houses“.

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