Wohnserie
Langeweile auf 14 Quadratmetern

Münster -

Wie komfortabel wohnen eigentlich Flüchtlinge? Und sind ihre Unterkünfte tatsächlich so großzügig eingerichtet, wie gerne behauptet wird? Ein Besuch.

Dienstag, 24.07.2018, 20:22 Uhr

Im Zimmer von Khaled Amaeri und Fatima Mohammad ist nur Platz für zwei Betten, ein Tisch, zwei Stühle und einen Sessel. Trotzdem würden sie gerne ein paar Quadratmeter opfern – für ein eigenes Bad und eine eigene Küche.
Im Zimmer von Khaled Amaeri und Fatima Mohammad ist nur Platz für zwei Betten, ein Tisch, zwei Stühle und einen Sessel. Trotzdem würden sie gerne ein paar Quadratmeter opfern – für ein eigenes Bad und eine eigene Küche. Foto: Wilfried Gerharz

Ihr Zimmer ist nicht größer als fünf Tischtennisplatten, aber Khaled Amaeri und Fatima Mohammad haben nur eine Bitte: eine eigene Küche und ein eigenes Bad. Dafür könnte ihr Zimmer ruhig noch kleiner sein als die 14 Quadratmeter, auf denen sie jetzt wohnen. In der peinlich sauberen Küche nebenan steht ein Topf mit Kusa Mahshi auf dem Herd, ein Gericht aus der Heimat mit getrockneten Paprikas, Zucchini und Auberginen, die mit Reis und Hackfleisch gefüllt sind. Sonst erinnert wenig an die Heimat der beiden.

Regierungstruppen zerschossen ihren Traum

Ihr wirkliches Zuhause ist nur noch ein Haufen Schutt. Ein Film ihre Sohnes zeigt den Ort, an dem sie mit zwei ihrer Kinder und deren Familien leben wollten. Als Widerstandskämpfer sich darin verschanzten, zerschossen die Regierungstruppen ihren Traum. „Solange wir in Deutschland sind, fühlen wir uns sicher“, sagt Amaeri. Das ist aber auch schon alles.

Die beiden wissen nicht, wohin mit ihrer Langeweile: Aufstehen, essen, spazieren gehen: „Das bringt uns um“, sagt der 62-Jährige. Der Sprachkurs des Paares fängt am 17. September an. Die beiden werden versuchen, nicht nur Deutsch zu lernen. Sie müssen auch üben, wie man überhaupt schreibt und liest. „Dann hätten wir eine Struktur. Damit vergeht die Zeit“, sagt die 58-jährige Fatima Mohammad.

Sorgen um ihre Kinder

Dazu kommen die Sorgen um ihre drei Kinder, die in Syrien geblieben sind. Und das Beten. Denn: Auf ihrer Flucht über den Sudan, durch Libyen, von da mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer nach Italien, bis sie in Deutschland angekommen sind, „wären wir eigentlich gestorben“, sagen sie. „Nur Gottes Segen hat uns gerettet.“ Dafür sind sie ihm dankbar und wollen beten. Doch das ist gläubigen Muslimen nur möglich, wenn sie sich gewaschen haben. Ein dreckiges Badezimmer und eine Küche, in der eine andere Flüchtlingsfrau ihr Kind gewickelt hat, machte das fast unmöglich. Denn das bedeutet, dass die Eheleute erst das Bad putzen müssen, bevor sie sich selbst waschen können. Sozialarbeiter Dominik Lietz ist Ansprechpartner, Streitschlichter und für einige Flüchtlinge wie ein „großer Bruder“. Der sagt: „Klar muss man immer mal wieder schlichten. Aber im Großen und Ganzen sind solche Konflikte sehr selten.“

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Gulnara Amiralijv (2. von links) und ihre Kinder Zalina (14), Sascha ­Sadrudin (10) sowie die Zwillinge Patima und Zaripat (20) haben in ­Münster eine neue Heimat gefunden. Foto: Wilfried Gerharz

„Wir sind sehr glücklich hier“

Ein Stockwerk höher und eine Tür weiter haben Gulnara Amiralijv und ihre Kinder Sascha Sadrudin (10), Zalina (14) und die Zwillinge Zaripat und Patima (20) ein neues Zuhause gefunden. Die fünf stammen aus Dagestan, ihr Ehemann und Vater ist Soldat und verschwunden. Sie fühlten sich bedroht, darum sind sie geflohen. Die Dienstwohnung in ihrer Heimat war zwar größer und Gulnara hatte ein eigenes Bett, aber all das spielt keine Rolle mehr: „Wir haben fröhliche Nachbarn, die uns jeden Morgen zuwinken. Sie grüßen uns über die Straße. Wir sind sehr glücklich hier.“

Bürgerinitiative wollte Baustopp erwirken

Das war nicht unbedingt zu erwarten. Als die Stadt Münster entschieden hatte, in dem Wohngebiet die Unterkunft zu bauen, formierte sich schnell Widerstand. Die Bürgerinitiative „Rettet die Parkanlage Bahlmannwiese“ hatte mehrere Protestaktionen organisiert, auf in ihren Augen geeignetere Flächen hingewiesen und einen Baustopp beim Verwaltungsgericht erwirken wollen. Gegner hatten unter anderem Sorge, dass durch den Bau des Gebäudes nicht mehr genug Frischluft durch das teure Wohnviertel zirkulieren könnte. Durchgesetzt haben sie sich damit nicht.

Vokabeln an der Raufaser-Tapete

In den beiden Zimmern der fünf Amiralijvs hängen linierte Zettel mit Vokabeln an der Raufaser-Tapete: „die Tür“, „der Schrank“, „die Mauer“. Die Familie lernt gerade deutsch: „Den Kindern gefällt es hier sehr. Sie sind hier zur Ruhe gekommen“, sagt Gulnara Amiralijv. Als Patima versucht hat, ihr Fahrrad zu reparieren, boten ihr Nachbarn Werkzeug an.

Die Amiralijvs möchten sich in Deutschland eine neue Existenz aufbauen. Bis dahin treffen sich die Bewohner der Bahlmannwiese, kochen miteinander. „Wenn nötig, kann die Küche jeder benutzen. „Hauptsache, sie ist nachher wieder sauber“, sagt die 40-Jährige.

Sie möchten zurück nach Hause - wenn der Krieg vorbei ist

Da sind sie sich mit Khaled Amaeri und Fatima Mohammad einig. Doch auch, wenn sie erleben, dass „die Deutschen sehr gut zu uns“ sind, möchten sie zurück nach Hause, wenn der Krieg vorbei ist. „Man sehnt sich nach dem Land, in dem man geboren und aufgewachsen ist.“

Wohnen in einer Flüchtlingsunterkunft

Die Stadt Münster verteilt ihre Flüchtlinge in Häusern mit nicht mehr als 50 Bewohnern über die gesamte Stadt. Das Haus an der Bahlmannstraße steht seit März, es ist eines von sechs vergleichbaren Häusern. Weitere sind im Bau. Das Reihenhaus hat fünf Eingangstüren, hinter denen die Flüchtlinge auf drei Ebenen wohnen. Sie haben ihre eigenen Zimmer, müssen sich aber zwei Küchen und zwei Bäder teilen. Wohnen können Flüchtlinge dort so lange, bis sie eine Anerkennung haben. Der Bau kostet (ohne Grundstück) 1950 Euro pro Quadratmeter –  zum Vergleich: Projekte der Wohn- und Stadtbau für öffentlich geförderte Wohnungen sind rund 200 Euro teurer. Jedem Bewohner stehen im Schnitt sieben Quadratmeter Wohn- und Schlafzimmer zur Verfügung.

Armin Kortemeyer zufolge sollen sich die Häuser harmonisch ins Wohngebiet einfügen. Sie sind so ausgelegt, dass sie später auch vermietet werden können. Anders als in sehr großen Unterkünften sei die Scheu der Nachbarn deutlich geringer, sich gegenseitig kennenzulernen.

Abgesehen davon würden sich Befürchtungen der Nachbarn oft nicht bewahrheiten, wenn die Einrichtung erst mal steht. Probleme gebe es allerdings mit Ruhestörungen. Die entsprchenden Gewohnheiten in Deutschland müssten den Flüchtlingen dann in Versammlungen nahgebracht werden.

In den Häusern leben verschiedenen Nationalitäten. An der Bahlmann­straße sind es sechs. Die Vorteile: Wenn Flüchtlinge aus einem Land in mehreren Häusern leben, ist die Gefahr kleiner, dass sie die Konflikte aus ihrer Heimat dort fortsetzen. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Anhänger und Gegner des syrischen Machthabers Assad die Küche teilen müssen, geringer. „Konflikte um ein ungeputztes Badezimmer lassen sich besser klären“, sagt Kortemeyer. Gleichzeitig müssen sie Deutsch lernen, um sich besser verständigen zu können.

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