Wohnungssuche bei Menschen mit Behinderung
App wird wichtiger Mitbewohner

Sassenberg -

Nur weil sie mit einer Behinderung leben, müssen zurzeit viele Menschen auf eine eigene Wohnung verzichten. Um das zu ändern, muss sich noch jede Menge ändern.

Donnerstag, 02.08.2018, 08:05 Uhr

Auch Menschen mit Behinderung möchten Dinge selbst bestimmen. Indem man ihnen technische Hilfsmittel zur Verfügung stellt, können sie in mehr Fragen mitreden. Das soll in einem Modellprojekt bald auch in Sassenberg möglich sein.   Foto: KNA
Auch Menschen mit Behinderung möchten Dinge selbst bestimmen. Indem man ihnen technische Hilfsmittel zur Verfügung stellt, können sie in mehr Fragen mitreden. Das soll in einem Modellprojekt bald auch in Sassenberg möglich sein.   Foto: KNA

Egal, ob sie sich bewegen können oder nicht, ob sie sprechen können oder nicht, ob sie alleine essen oder trinken können oder nicht: Sie sollen eine eigene Wohnung mieten können. Die Caritas im Kreis Warendorf möchte auch Menschen mit schweren Behinderungen die Chance geben, in ihren eigenen vier Wänden zu wohnen.

Ihre Idee: In Sassenberg sollen zwölf junge Frauen und Männer mit Behinderung in ein Haus einziehen, das ihnen mit allen möglichen technischen Kniffen den Alltag erleichtert. Menschen, die bislang im Wohnheim lebten, sollen selber Mieter werden. Abschied vom All-inclusive aus dem Heim. „Wir wollen Grenzen überschreiten“, sagt Herbert Kraft aus dem Vorstand des Caritas-Kreisverbandes Warendorf.

Nur ein alter Sozialarbeiterspruch gilt immer: Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe.

Manfred Lensing-Holtkamp, Leiter des Christophorus-Hauses in Ennigerloh

Das wirft einige Rollen durcheinander. Menschen mit Behinderung werden plötzlich zu Hausherren, Sozialarbeiter und Pflegende zu Gästen, die sie beraten. „Nur ein alter Sozialarbeiterspruch gilt immer: Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Manfred Lensing-Holtkamp, Leiter des Christophorus-Hauses in Ennigerloh.

Immense Nachfrage nach solchen betreuten Wohnformen

Die Nachfrage nach solchen betreuten Wohnformen ist immens. „Im ganzen Kreis Warendorf gibt es keinen freien Platz“, sagt Lensing-Holtkamp. Der weiß schon jetzt: „Um die Plätze wird es ein Hauen und Stechen geben.“ Obwohl es noch nicht mal eine Bauzeichnung gibt, rufen schon jetzt regelmäßig Interessenten an. Auch, weil betroffene Eltern seltener ihre Lebensaufgabe darin sehen, ihr Kind so lange zu pflegen, bis sie selbst dazu nicht mehr in der Lage sind.

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) will das Projekt unterstützen. Das Programm „Selbstständiges Wohnen“ (SeWo) fördert mit zehn Millionen Euro 15 Wohnprojekte, die Technik oder die Nachbarschaft besonders einbinden. „Gerade Menschen, die besonders viel Unterstützung im Alltag brauchen, sollen mit unserem Programm neue Chancen auf eine eigene Wohnung bekommen,“ wird Landesdirektor Matthias Löb in einer Mitteilung des LWL zitiert.

Die Zahl der Bewohner in Heimen ist auch durch das ambulante Wohnen kaum kleiner geworden. Laut LWL ist die Zahl der Heimplätze für Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung in Westfalen-Lippe von 17 469 im Jahr 2008 auf 16 800 im Jahr 2016 gesunken. Das sind gerade mal 669 weniger.

Der hart umkämpfte Wohnungsmarkt ist ein Engpass für die Inklusion. Deswegen sollen die Projekte andere anregen, sich auch im Wohnungsbau für Menschen mit Behinderungen zu engagieren.

Landesdirektor Matthias Löb

Wohnungsmarkt ist Engpass für Inklusion

Investoren scheuen sich, in Projekte wie das in Sassenberg zu investieren. Der Grund: Menschen mit Behinderung können sich in der Regel nur eine kleine Miete leisten. Wer sich entschließt, ein Haus für Menschen mit Behinderung zu bauen, muss also mit weniger Einnahmen rechnen. Löb sagt: „Der hart umkämpfte Wohnungsmarkt ist ein Engpass für die Inklusion. Deswegen sollen die Projekte andere anregen, sich auch im Wohnungsbau für Menschen mit Behinderungen zu engagieren.“

Dass das in Sassenberg klappt, liegt an der Kirche, die ein Grundstück zur Verfügung stellt. Und Bürgermeister Josef Uphoff sagt über die zukünftigen Bewohner: „Solche Leute gehören in jede Stadt hin­ein.“

Smart-Home-Technology

Die sogenannte Smart- Home-Technology soll dafür sorgen, dass zum Wecken die Rollladen hochfahren und das Radio leise spielt, dass Matratzen von Epileptikern Anfälle melden, dass Technik hilft, wenn jemand nicht selbst um Hilfe rufen kann. „Das müssen wir alles mit Technik wettmachen können“, sagt der Projektbeauftragte Matthias Mönster.

Die Betreuer sollen ihre Arbeitszeit nicht mit Licht ein- und ausschalten vergeuden. „Wir haben Menschen, die können alleine duschen, aber wissen nicht, in welcher Reihenfolge sie was erledigen müssen“, sagt Manfred Lensing-Wolf, der das Christophorus-Haus in Enningerloh leitet. Wasserdichte Laptops könnten ihnen zeigen, in welcher Reihenfolge sie sich waschen sollen.

Es gibt Haustürklingeln, die ein Bild aufs Handy schicken, damit dessen Besitzer sieht, wer vor der Tür steht. Es ist denkbar, Systeme einzubauen, die bei Patienten mit Weglauftendenzen im Ernstfall die Nachtwache alarmieren. Und Herde können sich alleine abschalten, wenn auf einer heißen Platte fünf Minuten nichts passiert. „Das kann die Selbstständigkeit enorm erhöhen.“ 

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