Serie: Wohnen heute
Amelie und Tobias Schmidt zogen bewusst aus dem Ruhrgebiet aufs Land

Dülmen -

Junge Leute zieht‘s in die Stadt – sollte man meinen. Doch Amelie und Tobias Schmidt erfüllten sich ihren Traum vom eigenen Heim ganz bewusst in der Provinz: im beschaulichen Dülmener Stadtteil Hiddingsel. Dafür ließen sie ihr altes Großstadt-Leben im Ruhrgebiet hinter sich.

Freitag, 03.08.2018, 06:30 Uhr aktualisiert: 03.08.2018, 06:55 Uhr
Der Garten ist noch eine Baustelle, doch im Haus haben Amelie und Tobias Schmidt ihr Glück schon gefunden: Die beiden Kinder des Ruhrgebiets sind ganz bewusst ins Münsterland gezogen – nach Dülmen-Hiddingsel.
Der Garten ist noch eine Baustelle, doch im Haus haben Amelie und Tobias Schmidt ihr Glück schon gefunden: Die beiden Kinder des Ruhrgebiets sind ganz bewusst ins Münsterland gezogen – nach Dülmen-Hiddingsel. Foto: Gunnar A. Pier

Einem tätowierten Feuerwehrmann aus der Ruhrgebiets-Großstadt, 38 Jahre jung mit cooler Rockabilly-Frisur, dürfte ein geklinkertes Einfamilienhaus mit großem Garten in einem münsterländischen Vorort so spießig erscheinen wie Trekking-Sandalen und Anrufe bei der Polizei, weil die Nachbarn auf der Terrasse abends zu laut reden. Doch Tobias Schmidt (38) aus Gelsenkirchen-Buer sitzt auf der Terrasse seines Hauses in Dülmen-Hiddingsel und strahlt: „Wir haben hier ein Fleckchen Glückseligkeit gefunden!“ Zusammen mit seiner Frau Amelie ist er ganz bewusst ins Grüne gezogen.

Den jungen Leuten sagt man ja nach, dass es sie in die Stadt zieht, die niemals schläft. Amelie und Tobias Schmidt zogen dorthin, wo Fuchs und Igel sich „gute Nacht“ sagen. „Ich bin in der Stadt aufgewachsen – das wollte ich den Kindern nicht zumuten“, sagt der Herr im Haus. „Wohnen in einem Kleiderschrank mit einem Garten so groß wie eine Fußmatte“ – das sollte es nicht sein. „Wir wollen uns kein Leben aufbauen, von dem wir uns in drei Wochen Sommerurlaub erholen müssen.“ Deshalb war für die beiden Kinder des Ruhrgebiets klar: Sie müssen raus aus dem Pott.

"Es war direkt wie Urlaub"

Vor einigen Jahren begannen sie, langsam und ohne Zeitdruck nach einem passenden Haus zu suchen. „Wir sind oft Richtung Wulfen und Haltern gefahren, wenn wir mal eine Auszeit brauchten.“ Der Drang ins Grüne war da. Und so passte ihnen das Haus in einem Wohngebiet im Dülmener 1800-Einwohner-Stadtteil Hiddingsel sofort. Amelie erinnert sich an den ersten Besuch: „Wir kamen von der Autobahn runter und es war direkt wie Urlaub!“

Viel Platz: Das Paar teilt sich 150 Quadratmeter Wohnfläche.

Viel Platz: Das Paar teilt sich 150 Quadratmeter Wohnfläche. Foto: Gunnar A. Pier

Umzug im Mai 2016

Die Gegend, das Haus – alles passte auch nach dem dritten Besuch und so mancher Drüber-schlafen-Nacht noch immer. Also schlugen die Schmidts zu. Im Mai 2016 packten sie ihre Siebensachen in der Gelsenkirchener 88-Quadratmeter-Wohnung und zogen in ihr eigenes Haus: 150 Quadratmeter Wohnfläche, voll unterkellert, Baujahr 1977, 700 Quadratmeter Garten.

„Wir wurden hier in der Straße mit offenen Armen aufgenommen.“

Argwohn spürten die Neuen, dieses junge Paar, die Zugezogenen aus der Großstadt mit tätowierten Armen und Freunden, die auch mal mit der Harley vorknattern, nie. „Wir wurden hier in der Straße mit offenen Armen aufgenommen.“ Die beiden fanden schnell Anschluss. So manches Bierchen am Gartentörchen gehört dazu, die generationsübergreifenden Männerabende und die bilderbuchhafte Hilfsbereitschaft. Sie geht weit darüber hinaus, dem Nachbarn mal mit einem fehlenden Ei auszuhelfen: „Am Esch“ in Hiddingsel packen alle mit an.

Viel Eigenleistung

Und das tut das seit vier Jahren verheiratete Ehepaar Schmidt ebenfalls. „Wir machen im Haus viel selbst.“ Die Bäder sind neu, die Dämmung verdreifacht, der alte Kamin ist raus, die Fichten-Vertäfelung wurde ersetzt. „Manches ist eine Schweine-Maloche“, gesteht Tobias. Aber es spart Geld und ist irgendwie Ehrensache: „Ich habe die Handwerker-Hände von Opa geerbt.“ Alles wird nach und nach fertig, der Garten ist gerade eine große Baustelle. „Wir sind da entspannt. Und wenn wir mal ein Wochenende keine Lust haben – dann machen wir halt auch mal nix.“ Ihr komplettes bisheriges Leben aufgeben wollen die beiden nicht. Es soll immer noch Zeit, Geld und Lust bleiben für Reisen, Freunde, Essen gehen.

Wie Urlaub

Bereut haben die Neu-Münsterländer den Schritt ins Grüne nie. Das Pendeln zur Arbeit im Ruhrgebiet: egal. Dass viele Freunde jetzt etwas weiter weg leben: fällt kaum ins Gewicht. „Das war eine Wollen-Entscheidung“, formuliert Tobias Schmidt. „Unser Haus ist unser persönlicher Luxus.“ Und die Verwandten im Ruhrpott? „Die kommen manchmal zu uns, um zu entspannen.“

Wie Urlaub eben.

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