NRW
Gelsenkirchen: Zukunft findet „Stadt“

Montag, 23.11.2009, 20:11 Uhr

Gelsenkirchen - Für die ei­nen ist Gelsenkirchen Schalke , der Fußball, und nichts anderes. Für andere hingegen ist die Stadt ein Synonym für den Niedergang. Wer vom Strukturwandel im Revier spricht, der führt wie von selbst Gelsenkirchen im Mund: Als Paradebeispiel für das Scheitern nach der Kohle-und-Stahl-Zeitenwende.

Aber: Ist eine solche Sicht zutreffend und: Ist es überhaupt legitim, derart schwarz und weiß zu zeichnen? Frank Bara­nowski, Oberbürgermeister mit SPD-Parteibuch, der im September mit über 63 Prozent bestätigt worden ist, hatte ein­geladen. Um zu zeigen, dass sein Gelsenkirchen Fußball-Hochburg ist und natürlich Probleme hat. Aber eben nicht nur das. Dass es dort Entwicklung gibt, nicht nur Stagnation. Positives, Liebenswertes, Licht, nicht nur am Ende des Tunnels. Auch wenn all das überlagert wird von vielen schlechten Nachrichten.

„Wir wollen zeigen, dass unsere Stadt auch spannende Seiten hat“, sagt Stadtsprecher Martin Schulmann . Und wird fast poetisch, als er anknüpft: „Das Tal der Tränen ist durchschritten, wir werden jetzt den Berg der Zukunft erklimmen.“ Das soll Zuversicht ausdrücken, Optimismus und Tatkraft. Dennoch fängt auch Schulmann nicht mit dem Haben an, sondern mit dem Soll. Rund 15 Prozent Arbeitslosigkeit - damit hält Gelsenkirchen die rote Laterne im Revier - und eine schrumpfende Stadtbevölkerung.

Knapp 400 000 Einwohner hatte die Stadt in ihrer kohlenschwarzen Blütezeit, und 14 Zechen mit 67 Schachtanlagen. Die Zeche Hugo war die letzte, auf die der Deckel kam. Neun Jahre ist das mittlerweile her. 260 000 Menschen leben derzeit noch in der Stadt. Am Abend eines langen Tages steht Baranowski auf der Halde im Stadtteil Scholven. Es ist dunkel, der Wind pfeift. Rechter Hand tauchen Tausende Lampen das Kraftwerk in ein bizarres Licht, links von ihm funkelt ein Chemie-Werk im kalten Neonglanz. „Ich wäre sehr froh, wenn wir die Einwohnerzahl halten könnten“, sagt der 47-Jährige.

Die Stadt als Wirtschaftsstandort: In der alten Zeche Nordstern residiert die THS-Wohnen. Eine GmbH, die aus der zu Evonik mutierten alten RAG hervorgegangen ist und die 70 000 Wohnungen verwaltet. Der alte Pütt ist gläsern geworden, eine schicke Indus­triearchitektur, die der Vor­sit­zende der Geschäftsführung, Prof. Karl-Heinz Petzinka, fürs Kulturhauptstadtjahr mit, nun ja, Kultur aufladen und für jedermann zugänglich machen will. Ein moderner Turm als Video-Kunst-Zentrum, aufgepfropft auf das backsteinrot ummauerte Schachtgerüst, gekrönt dereinst mit einer bunten Herkules-Figur von Markus Lüpertz. „Unser Anliegen ist es, die Stadt zu stützen, zu stärken und wichtig zu machen“, sagt Petzinka.

Später, auf dem Rhein-Herne-Kanal, übernimmt Joachim Hampe, der Wirtschaftsförderer. Etliche Schiffskilometer weiter hat er seine Botschaft platziert: Gelsenkirchen hat den zweitgrößten deutschen Kanalhafen, die Stadt setzt auf qualitatives Wachstum, Investoren, die ein Stück vom raren Grund kaufen möchten, müssen in Zukunftsbranchen investieren. „Da sind wir eisenhart“, sagt Hampe.

Ein Schlenker über ein neues Wohngebiet am Kanal, eine Stippvisite in der Zoom-Erlebniswelt, ein Hallo-Sagen im Golfclub Haus Leythe und der flinke Blick auf das Gesundheitszentrum „Medicos - Auf Schalke“, dann ist der Tag um.

Was bleibt, ist ein Eindruck. Der, dass Gelsenkirchen zwar Probleme hat, die die Stadt allein niemals wird lösen können. Dass es dort aber Menschen gibt, die nicht aufgeben. Zukunft findet auch in Gelsenkirchen statt. Das hatte Martin Schulmann zu Beginn gesagt. Der Slogan sei aber auch sinnträchtig umwandelbar. „Zukunft findet Stadt - Stadt bitte mit ,dt´.“

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