NRW
Integration unter der Lupe

Montag, 09.11.2009, 19:11 Uhr

Münster /Essen - Erst hatte er gepoltert, sich dann entschuldigt und stand nach seinem Husarenritt doch tatsächlich ein bisschen so da wie ein gefallener Held, der sich getraut hatte, das öffentlich auszusprechen, was die schweigende Mehrheit in Sachen Integration denkt. Und der abgestraft wurde, wegen der political correctness.

Eine große Zahl von Arabern und Türken in Berlin habe keine produktive Funktion - außer eben jene für den eigenen Obst- und Gemüsehandel - und „produziere kleine Kopftuchmädchen“, hatte der in den Vorstand der Bundesbank gewechselte ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin unlängst via Interview in die Welt posaunt. Und da er sich schon einmal von der Kette gelassen fühlte, dozierte er in schnoddrigem Ton weiter über die vielen Missstände im Einwanderungsland Deutschland: Schulversagen, Machismo und das Versacken selbst der dritten Generation in der staatlich alimentierten Parallelgesellschaft.

Man könnte eine solche Integrationsdebatte jedoch auch anders führen. Sie nicht mit gefühlten Momentaufnahmen füttern, sondern Entwicklungen betrachten, den Faktor Zeit sprechen lassen und die Wissenschaft und sich dem Thema mit Fakten anstatt Vorurteilen nähern. Wer zum Beispiel die frisch herausgekommene Studie des Zentrums für Türkeistudien in Sachen Integration liest, kommt unweigerlich zum Schluss: An dem Verdikt Sarazzins ist nicht viel dran.

Punkt eins, sagt Dr. Dirk Halm , einer der beiden Autoren: Eine Änderung der Debattenkultur. „Die macht sich bisher vor allem an den Defiziten im Zusammenleben fest“, sagt er, und „weniger an den Erfolgen“.

Seit zehn Jahren befragen die Wissenschaftler Angehörige der türkischstämmigen und damit größten Migrantengruppe nach deren Sprachkenntnissen, Wohnsituation und Einkommen. Dabei kommt un­ter anderem heraus, dass noch immer etwa jeder zweite Deutschtürke ohne Berufsabschluss ist. Vergleicht man jedoch die zweite mit der ersten Generation, „lässt sich sehr wohl von einem Bildungserfolg reden“, sagt der Münsteraner Halm. Verfügte doch vor 20 Jahren nur ein Viertel der Einwanderer über berufliche Qualifikation. „Um die Integrationsleistung objektiv messen zu können, müssen vor allem Veränderungen innerhalb einer Gruppe untersucht werden“, sagt Halm. Natürlich gebe es gravierende Defizite aufseiten der Migranten. Jedoch: Sei es bei der Sprachkompetenz, dem Schulerfolg, regelmäßigem Kontakt zu Deutschen, der Verbundenheit mit dem Land, in dem sie leben, der sich herausbildenden „doppelten Identität“ und der Tatsache, dass eine große Zahl der Deutschtürken einen deutschen Pass will (ohne den türkischen abgeben zu wollen): Im Binnenvergleich zeigt die Studie eindeutig: Auf allen Feldern der Integration gibt es Erfolge, messbar und unanfechtbar. „Integration heißt nicht Anpassen an die deutsche Gesellschaft“, sagt Halm. Integration sei komplizierter, bedeute: Unterschiede zuzulassen, kulturelle Eigenständigkeiten zu gewähren. Das Changieren zwischen Kulturen kann beides sein; rückständig oder modern in einer globalen Welt. Genau hinsehen lohnt sich, Sarrazin tat es nicht.

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