NRW
Versuch am Publikum: «Experiment Klassik» in der Kölner Philharmonie

Auftakt einer neuartigen Konzertreihe: Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und Kapellmeister Markus Stenz untersuchen in Köln, was manche klassischen Musikstücke zeitlos schön macht. Leider bleiben sie zu sehr an der Oberfläche.

Freitag, 24.02.2012, 13:03 Uhr

NRW : Versuch am Publikum: «Experiment Klassik» in der Kölner Philharmonie
Yogeshwar ist bei dem «Experiment Klassik» dabei. Foto: Karlheinz Schindler/Archiv Foto: dpa

Köln (dpa/lnw) - Ganz neue Wege der Musikvermittlung verspricht vollmundig die Konzertreihe «Experiment Klassik», die mit dem Gürzenich-Orchester unter der Leitung ihres Chefs Markus Stenz in der Kölner Philharmonie am Donnerstag vor vollem Haus in die erste Runde ging. Die Erfinder des innovativen Formats wollen einem mit klassischer Musik wenig vertrauten Publikum «magische Türen öffnen», um komplexe Werke besser zu verstehen oder überhaupt erst einen Zugang zu finden.

Das ist im Prinzip nichts Neues und seit Leonard Bernsteins bereits in den 70er Jahren erfundenen Gesprächskonzerten, die der Stuttgarter Bach-Papst Helmuth Rilling alsbald nach Europa importierte, im klassischen Musikgeschäft Alltag. Doch in Köln hat man sich mehr vorgenommen, als die Musik nur zu erklären: Man will den musikalischen Dingen auf den Grund gehen, ja sie «sezieren». Darüber hinaus bedarf es nach Meinung der Macher aber auch des Versuchs am lebenden Objekt, nämlich am Publikum selbst.

Gewährsmann und Zugpferd von «Experiment Klassik» ist der durch populäre TV-Formate wie «Quarks & Co.» bekannte Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar , der sich auf dem Plakat denn auch ganz zünftig im weißen Laborkittel präsentiert. Der Abend ist in zwei Teile gegliedert: Die erste Hälfte gehört dem Experiment, wobei Yogeshwar und Stenz sich in der Moderation launig abwechseln, nach der Pause wird das zuvor zerlegte Werk dann ganz klassisch, ohne Unterbrechungen oder weitere Erläuterungen, im Ganzen musiziert. In der Hoffnung, dass von der ersten Hälfte einiges hängen geblieben ist und sich die genannten Türen weit öffnen.

Igor Strawinskys epochale Ballettmusik «Le sacre du printemps» diente nun für den ersten Test: Ein in der Tat zeitlos modernes, immer noch aufregend wildes Stück, das es in sich hat. Ranga Yogeshwar begann mit seinen Erklärungen am Anfang der Musik; anhand des einsamen Fagott-Solos der ersten Takte wurde an die vermutlich ersten Musikinstrumente überhaupt erinnert, und der plastischen Anschauung halber lag dem Programmheft ein ursprüngliches Blasinstrument bei: ein Grashalm aus Papier.

Doch dann ging es an das Aufdröseln der komplizierten, sich überlagernden Strawinsky-Rhythmen, wozu im Saal Transparente hingen, auf denen zu lesen stand: «ha-ben ha-ben ha-ben ha-ben Rhyth-mus Rhyth-mus ha-ben haben» und so weiter, mit der Betonung auf der Silbe «mus». Das sollte dann vom Publikum gesprochen und geklatscht werden, dann wurde der Saal aufgeteilt in verschiedene Rhythmusgruppen. Doch als zuletzt vier Gruppen gegeneinander klatschen und sprechen sollten, ging das Ganze kläglich unter. Der Saal traf sich einträchtig auf der geklatschten «Eins» wieder, Strawinskys Polyrhythmen sind eben doch etwas für Fortgeschrittene.

Betont aufgeräumt gaben sich sowohl Moderator Yogeshwar als auch Generalmusikdirektor Markus Stenz, das Orchester tat fröhlich mit, und das Publikum hatte seinen Spaß. Ob das Auseinanderklamüsern von Rhythmen, das Demonstrieren von Klangfarben und sich aneinander reibenden Tonarten tatsächlich tieferes Interesse weckt oder nur langweilige Gewissheiten produziert, sei mal dahin gestellt. Zumal ein radikales Wunderwerk wie «Le sacre du printemps» mit purer Sektion nicht annähernd zu erfassen ist. Dazu bedürfte es einer Anleitung, die viel stärker auf die intellektuelle Faszination und emotionale Sprengkraft des Werks abzielt. Und nicht Takte zählt.

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