Wissenschaftler nehmen in Münster die Sprache der Politiker unter die Lupe
„Manches wirkt nur noch lieb“

Münster -

Wenn es im Wahlkampf zur Sache geht, hört nicht nur der Wähler interessiert hin. Auch Sprachwissenschaftler spitzen die Ohren, studieren den Inhalt der Wahlprogramme und schauen auf die Plakate. Im Germanistischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster findet am 3. und 4. September sogar eine Tagung zur „Wahlkampfsprache 2013“ statt – veranstaltet von der Arbeitsgemeinschaft Sprache in der Politik. Unser Redaktionsmitglied Wolfgang Kleideiter sprach mit den beiden Organisatorinnen Dr. Constanze Spieß und Dr. Dagmar Hüpper.

Freitag, 30.08.2013, 07:08 Uhr

Wissenschaftler nehmen in Münster die Sprache der Politiker unter die Lupe : „Manches wirkt nur noch lieb“
Für Dr. Constanze Spieß (llinks) und Dr. Dagmar Hüpper vom Germanistischen Institut der WWU ist der Wahlkampf eine Fundgrube. Foto: Jürgen Peperhowe

Reden Politiker in der Wahlkampfzeit anders als sonst?

Dr. Constanze Spieß: Ja und nein. Die Wahlkampf-Sprache unterscheidet sich von der Sprache, die zum Beispiel bei einem internen Expertengespräch verwendet wird, deutlich. Die Sprache in einer Bundestagsdebatte, in der ein Redner sich auch an das Volk wendet, kann der Wahlkampf-Sprache wiederum durchaus ähnlich sein, insofern mit Wörtern Kämpfe ausgefochten werden. Deutlich wird das zum Beispiel an dem Ausdruckspaar „ Mindestlohn “ und „Branchenmindestlohn“. Hier wird mit Worten um politische Konzepte gestritten. Das ist ein typisches Kennzeichen für Sprache im Handlungsfeld der Meinungs- und Willensbildung.

Dr. Dagmar Hüpper : Wir kennen zum Beispiel einen internen Leitfaden der CDU für gute Sprache im Wahlkampf . Die Empfehlungen dort lauten z.B. „Seien Sie persönlich!“ –  „Liefern Sie Information plus  Emotion!“ –  „Benutzen Sie nicht die Schlagwörter der politischen Konkurrenz  – auch nicht in der Verneinung“, denn damit werde man nur zum ‚Handlanger der Opposition.  Das weist darauf hin, dass im Wahlkampf die Wörter bewusst unter „strategischen“ Prämissen gesetzt werden.  Dies muss sich auf die  direkte politische Auseinandersetzung auswirken und darum erscheinen manche Aussagen nur noch „lieb“ und wenig differenziert.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) treffen am Sonntag (1. September) beim Fernsehduell aufeinander.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) treffen am Sonntag (1. September) beim Fernsehduell aufeinander.

Wie drückt sich das konkret aus?

Spieß: Frau Merkel ist eher Konsens- als Dissens orientiert. Das macht sich auch in ihrem Sprachgebrauch bemerkbar. Sie nutzt Adjektive und Attribute, die positive Emotionen ansprechen wie „herzlich“, „gemeinsam“, „stark“ oder sie intensiviert ihre Aussagen innerhalb von Reden mit Partikeln  wie „äußerst“ oder „höchst“. Durch positiv besetzte Ausdrücke kann sie damit eine große Wählerschaft ansprechen und durchaus überzeugen. Und sie spricht aus einer komfortablen und starken Situation heraus. Sie kann positiv besetzte Worte wie Gemeinsamkeit, Stärke und Zusammenhalt betonen. 

Und wie agiert die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Steinbrück?

Hüpper: Die SPD ist eher inhaltlich orientiert und setzt diesen Worten Begriffe wie „Mindestlohn“, „Mietpreis-Bremse“, „Kinderbetreuung“ oder „Steuererhöhung“ entgegen. Herr Steinbrück arbeitet im Vergleich zu Frau Merkel nach unserer Beobachtung deutlich mehr mit Substantiven, weniger mit emotionsbezeichnenden Adjektiven. Damit klammert er den Bereich der inszenierten „Herzlichkeit“ wiederholt aus; er scheint sich als Person zurückzunehmen und wirkt damit in der Vermittlung der politischen Inhalte seiner Partei  distanzierter.

Wird polarisiert und diffamiert?

Hüpper: Bezogen auf die Sprache deutlich weniger als früher. Wir beobachten mehr einen verstärkten Einsatz von positiv besetzten Hochwert-Wörtern wie „Entwicklung“ oder „Verantwortung“, die von allen Parteien benutzt werden, deren Bedeutung aber variabel ist. Für diese Auffälligkeiten sind Begriffe wie „Null-Sprech“ oder „Legosprache“ geprägt worden. Man versteht diese Worte nur im jeweiligen Kontext.

Spieß: Wenn man auf die Plakate schaut, stellt man allerdings Unterschiede fest. Die Grünen greifen zum Beispiel in einer Plakatserie die jetzige Regierung direkt und deutlich an, indem sie deren Politik durch Text und Bild abwerten. Das kann als Polarisierung  und als Diffamierungsstrategie aufgefasst werden.

Hüpper: Und sie agieren zurzeit sprachlich recht witzig wie zum Beispiel mit „Hello Kita“. Vielen Familien fällt hier gleich „Hello Kitty“ ein.

Sind kurze knappe Botschaften auf Plakaten ein Muss?

Hüpper: Wichtig ist, dass sie schnell die Aufmerksamkeit wecken. Kaum jemand wird für ein Wahlplakat anhalten, um es zu lesen. Plakate tragen vor allem zur Mobilisierung bei.

Erkennen Sie bei den Parteien unterschiedliche sprachliche Strategien?

Spieß: Die CDU, die auf den Plakaten vor allem mit Frau Merkel wirbt, betont die positiven Errungenschaften der Eigengruppe. Bei der SPD dominiert das kollektive „Wir“, das den Bürger mit einbeziehen soll. Die Linke zum Beispiel arbeitet wiederum bei den Themenplakaten mit Schlüsselbegriffen wie „Sozialgerechtigkeit“ oder fragen provokant „Revolution?“, um diese Frage dann selbst zu beantworten.

Verpassen die Parteien eine Chance, ihre Kommunikation mit dem Wähler zu verbessern?

Hüpper: Mit Blick auf die Wahlprogramme ja. Die Inhalte sind – abgesehen von Einleitungen und Schlusspassagen – oft nicht zu verstehen. Sie sind zum Teil geprägt durch Fachjargon und gespickt mit Expertenausdrücken. Das steht im Kontrast zur Schlichtheit der Wahlplakate. Das ist schade, denn die Programme werden in Auszügen gelesen.

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