Interview mit Garrelt Duin
"Wir müssen schleunigst in die Hufe kommen"

Düsseldorf. Von den Konzernen ist oft die Rede – dabei ist die NRW-Wirtschaft fest in Familienhand. Wirtschaftsminister Garrelt Duin will das zu einem Markenzeichen machen. Was er darunter versteht und wie er in NRW Startup-Unternehmen etablieren will, erklärt er im Gespräch mit Fabian Klask und Hilmar Riemenschneider.

Freitag, 24.01.2014, 17:01 Uhr

Interview mit Garrelt Duin : "Wir müssen schleunigst in die Hufe kommen"
NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin Foto: dpa

Herr Duin , Sie propagieren die Familienbetriebe als Kern der NRW-Wirtschaft – das klingt nach Sonntagsreden. Was ist Ihr politischer Ansatz?

Duin: Die Realität, die ich bei den vielen Touren durchs Land sehe. Ich treffe nur ganz selten bei großen Veranstaltungen ein paar Dax-Vorstände. Aber wenn ich mit der IHK Nordwestfalen oder der Handwerkskammer Köln unterwegs bin, dann sind wir bei Familienunternehmen. 95 Prozent der Firmen in NRW sind in Familienbesitz. Ich könnte tausend Beispiele nennen, die zeigen, dass die etwas Besonderes sind. Deshalb soll „NRW – Heimat der Familienunternehmen“ ein Label werden. Diese Unternehmer haben eine Wertschätzung durch die Politik vermisst – aber nicht als Sonntagsrede.

Es gibt kleine und große Familienbetriebe – wie wollen Sie die unter einen Hut bekommen?

Duin: Die Kultur ist die gleiche, unabhängig von der Größe. Unterschiede entstehen sicher durch Traditionen. Doch die Herausforderungen sind nicht grundlegend anders.

Was hören Sie von den Unternehmern – dass sie sich benachteiligt fühlen, oder dass Sie sich raus halten sollen?

Duin: Die wollen nicht, dass man sich raus hält. Sie wollen mit ihren Alltagssorgen ernst genommen werden. Wenn ich im Land unterwegs bin, kommen die mit konkreten Problemen, etwa dass eine Unterführung zu niedrig für den Lkw ist und 40 Kilometer längere Transportwege erzwingt. Ich kann da nicht zaubern, aber einen Prozess in Gang bringen. Vor der Bundestagswahl war es außerdem die große Angst vor der kalten Hand des Sozialismus, nämlich der Vermögenssteuer. Das war die intensivste Debatte überhaupt. Aber die hat sich ja jetzt erledigt.

Eine vielleicht ähnliche Abwehrreaktion gibt es jetzt, weil der Landesentwicklungsplan den Flächenverbrauch und die Expansion mancher Unternehmer deckelt. Können Sie das entkräften?

Duin: Ich ermutige alle, diese konkreten Fälle zu bringen. Manchmal kann man erkennen, dass es unbegründete Sorgen sind, weil die Ursache etwa in Zurückhaltung der Kommunen liegt. Das hat mit der Landesplanung nichts zu tun. Andere Sorgen nimmt man durchaus ernst, weil Unternehmer die Planungssicherheit verlieren und möglicherweise Mitarbeiter entlassen müssten.

Sie fordern die Unternehmer auf, Ihnen ihre Sorgen vorzutragen?

Duin: Ja, mir und der Staatskanzlei. Die Frist dafür lief ursprünglich bis 28. Februar. Sie wird wohl verlängert, denn wir rechnen noch mit mehreren hundert Stellungnahme. Ich finde, wenn wir gute Gesetzgebung machen wollen, dann müssen wir möglichst viele Stellungnahmen haben.

Sie versprechen Bürokratieabbau, gleichzeitig verschreckt die Landesregierung die Unternehmen mit einem Klimaschutzplan und dem Tariftreuegesetz. Wie passt das zusammen?

Duin: Ich fordere bei jeder Veranstaltung: Sag' mir, was dich nervt. Schreib' es mir ganz konkret auf. Sag' mir, was konkret du für überflüssig hältst. Und wir reden nicht über materielles Recht wie den Kündigungsschutz. Weil, dann sag' ich dir, das hat mit Bürokratie gar nichts zu tun. Das werden wir politisch so weiter beibehalten. Aber wenn es um Berichtspflichten geht, wenn es um einen hohen bürokratischen Aufwand geht, um an Aufträge zu kommen, dann zeig' mir das, schick' es mir direkt. Wir sammeln das, und wir werten aus, was wir tun können. Gerade beim Tariftreue- und Vergabegesetz ergibt sich auch beim Gesetzgeber, im Landtag, eine Debatte darüber, wie man das entschlacken kann. Wir müssen uns fragen, wie lange wollen wir uns das um die Ohren hauen lassen, dass wir ein von allen für richtig erachtetes Ziel doch mit sehr hohem bürokratischen Aufwand befrachtet haben.

Was muss da raus?

Duin: Es muss entschlackt werden. Im Baubereich haben wir die Präqualifizierung. Es gibt einmal einen Stempel, und der gilt dann. Wenn man das auf möglichst viele Branchen ausweiten könnte, das wäre zum Beispiel schon ein wichtiger Schritt.

Wie geht  Bürokratieabbau konkret?

Duin: Durch das Mittelstandsgesetz haben wir eine Clearingstelle, die jedes neue Vorhaben prüft. Denkbar ist auch, dass sie zudem existierende Gesetze bewertet. Als eine Art Aufsichtsrat dafür fungiert der Mittelstandsbeirat, in dem die Vertreter der Institutionen sitzen. Dort wollen wir diskutieren, wie wir mit den Kommunen eine bürokratiearme Verwaltung schaffen können. Ziel ist ein Gütezeichen, das für eine Kommune ein positiver Standortfaktor sein kann. In anderen Ländern gibt es zudem die Regel, dass für jedes neue Gesetz ein altes verschwindet. Wir prüfen jetzt, ob es sich umsetzen lässt.

Im Münsterland war der Mittelstand bei der Überwindung der Textilkrise wichtig. Warum haben die Familienunternehmen im Ruhrgebiet so wenig Fuß gefasst?

Duin: Weil man diese Tradition da nicht so hat und auch nicht so brauchte. Steinkohle und die großen Branchen haben alles abgedeckt. Wenn dann etwas weg bricht, kann man das nicht so leicht korrigieren. Dann ist es wichtig, Gründer zu mobilisieren. Das wollen wir jetzt in der Emscher-Lippe-Region erreichen, wo sich durch die angrenzenden Kreisen Borken und Coesfeld durchaus gute Möglichkeiten ergeben.

Ist denn Ihre Partei auch soweit? Immerhin war die Ruhrgebiets-SPD war doch verantwortlich für den verpassten Absprung.

Duin: Die SPD ist heute ganz anders aufgestellt. Leute wie Thomas Eiskirch aus Bochum halten keine sterbenden Strukturen aufrecht. Er überlegt, wie wir mehr Kultur- und Kreativwirtschaft etablieren können. Wie können wir nach dem Weggang von Opel mit der Universität zukunftsfähige Ideen entwickeln. Das kann ich über viele in der SPD sagen. Die Partei ist auf Technologie und Innovation ausgerichtet. Es geht aber eben nicht so schnell, wie viele es sich wünschen.

Was muss man denn tun, um in NRW eine Startup-Kultur zu etablieren?

Duin: Wir müssen genauer wissen, wie diese Kultur tickt. Dort arbeiten viele oft gut vernetzte Einzelkämpfer. Die haben andere Anforderungen an Finanzierung oder Beratung. Beides müssen wir leisten. Bei einem Installateur können wir ein erprobtes Programm ablaufen lassen. Aber wenn ein App-Entwickler kommt, der eine neue Idee für Parkraumbewirtschaftung hat, dann braucht der keine Halle. Aber er kommt trotzdem nicht aus dem Knick, weil ihm 20.000 Euro fehlen. Dafür wollen wir als Ministerium eigene Kompetenz aufbauen.

Beginnt da Ihre Initiative für die Kreativwirtschaft?

Duin: Die Überschrift ist: Wir jagen Berlin. Wir haben hier so viele Möglichkeiten, aber viele Kreative zieht es nach Berlin. Unser Problem: Wir können nicht nur mit Köln werben, obwohl die Stadt der Schwerpunkt sein muss. Dazu sollen sich noch andere Standorte wie Dortmund, Duisburg oder Münster profilieren. Wir haben analysiert, es gibt in Nordrhein-Westfalen privates Geld aus großen Unternehmen und von vermögenden Menschen. Die finanzieren Startups in Berlin. Diesen Trend muss man stoppen und ihnen deutlich machen: Die jungen Leute sind hier. Beide mit einer Kampagne zusammenzubringen, ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit.

Haben Sie da nur die Startups im Blick?

Duin: Die vor allem. Aber es gibt nach der Gründungs- die Wachstumsphase, wo der Personalbedarf steigt und Geräte angeschafft werden müssen. Die Inhaber erzählen dann: Papa will nicht nochmal bürgen.

Ist Papa der Haupt-Risikokapitalgeber?

Duin: Ja. Papa oder Oma sichern meistens Kredite von 20.000 Euro. Diese Gründer fragen mich, ob ich nicht mit der NRW-Bank ein Förderprogramm aufsetzen kann, damit sie Papa nicht noch einmal anrufen müssen. Wir haben da über unsere Bürgschaftsprogramme durchaus Möglichkeiten. Dafür will ich Kapazitäten aufbauen.

Fehlt Risikokapital, weil die Mentalität fehlt?

Duin: Absolut, wir müssen schleunigst in die Hufe kommen, sonst sind die Leute weg. Darum wird sich in Kürze ein echter Profi kümmern, der als mein Internetbeauftragter die Schnittstelle zwischen Start-ups, Finanzwelt und den Universitäten darstellen wird. NRW wird dadurch den Kampf um den besten Standort für Unternehmensgründungen in der IT-Branche richtig aufnehmen.

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