Im Kampf gegen Lichtverschmutzung
Kölner Astronom ist „Defender of the Dark Sky“

Vogelsang - Zum Schutz des natürlichen Nachthimmels schlägt sich Harald Bardenhagen viele Nächte um die Ohren. Künstliches Licht überstrahlt nicht nur zunehmend die Sterne, die der Astronom beobachten will. Sie stört auch den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus von Mensch und Tier und hat noch weitgehend unerforschte Auswirkungen. Für seinen Einsatz hat der frühere IT-Systemberater den Titel „Defender of the Dark Sky“ erhalten.

Donnerstag, 01.01.2015, 14:00 Uhr
Im Kampf gegen Lichtverschmutzung: Kölner Astronom ist „Defender of the Dark Sky“
Für seine Verdienste um den Schutz der natürlichen Nacht hat Astronom Harald Bardenhagen den Titel „Defender of the Dark Sky“ von der International Dark-Sky Association mit Sitz in Arizona verliehen bekommen. Foto: Wilfried Gerharz

Im Nationalpark Eifel bei Vogelsang fällt Regen. Harald Bardenhagen zieht sein zwei Meter hohes Teleskop an einer Deichsel von der Wiese über Metallrampen zurück in einen Container. Das teure Großteleskop darf nicht nass werden. Es ist die wichtigste Investition des Kölner Astronomen. Auch seine in den grauen Himmel gerichtete Fischaugenkamera, die automatisch Nachtaufnahmen macht, während der 57-Jährige mit Gästen Sterne gucken geht, trägt er zum Auto und stellt sie unter der geöffneten Heckklappe seines VW-Busses ab.

Im Kofferraum liegen weitere Kameras, Stative, Messinstrumente und Zusatzakkus in silbernen Koffern aufgereiht auf drei Regalbrettern – die Ausrüstung eines „Defender of the Dark Sky“ (Verteidiger des sternenreichen Himmels). Diesen Titel hat ihm die International Dark-Sky Association mit Sitz in Arizona für seine Verdienste um den Schutz der natürlichen Nacht verliehen.

Mit der Sky-Quality-Camera dokumentiert Harald Bardenhagen die Entwicklung des Nachthimmels über dem Nationalpark Eifel in Vogelsang.

Mit der Sky-Quality-Camera dokumentiert Harald Bardenhagen die Entwicklung des Nachthimmels über dem Nationalpark Eifel in Vogelsang. Foto: Wilfried Gerharz

Sterne gucken im Münsterland

Wer im Münsterland Sterne beobachten will, muss aus seinem Ort raus in die freie Landschaft fahren. „Freie Sicht ohne Bäume ist günstig. Zudem sollte man Flüsse und Seen meiden, da sich dort im Winter häufig Nebel bildet“, sagt Günther Strauch von der Sternenwarte Borken. Auch der Mond sollte nicht zu stark scheinen und der Himmel wolkenfrei sein. Wem das zu kompliziert ist, der besucht donnerstags die Sternwarte in Borken ab 20.30 Uhr oder die Sternwarte auf dem Oldendorfer Berg bei Melle-Oldendorf samstags ab 20 Uhr – aber nur bei klarem Wetter. In Münster bieten die Sternfreunde am 23. Januar um 20.30 Uhr eine Führung unterm Winterhimmel an. Initiativen weltweit wie Globe at Night und Sky­glow binden auch Nicht-Wissenschaftler aktiv in die Erhebung von Daten zur Himmelshelligkeit ein. Infos unter  www.globeatnight.org  oder  https://www.sciencestarter.de/skyglowberlin .

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Als Sechsjähriger in den Sechziger Jahren musste Bardenhagen nur aus dem Licht der Lampe am Eingang seines Elternhauses im Alten Land treten und konnte die Milchstraße sehen. Fasziniert von dem Naturspektakel, insbesondere vom Mond, lieh sich der Junge das Fernglas seines Onkels und montierte es auf den Ständer des Haartrockners seiner Mutter, um die Himmelskörper näher betrachten zu können. Heute sehen die meisten Mitteleuropäer nur noch eine orangefarbene Glocke aus Licht über sich. Schon 2002 hatten einer Emnid-Umfrage zufolge 33 Prozent aller Deutschen und 44 Prozent der unter 30-Jährigen noch nie die Milchstraße gesehen. Und jährlich nimmt die Lichtverschmutzung um fünf bis acht Prozent zu.

Straßenlaternen, Leuchtreklame, Verkehrszeichen, angestrahlte Gebäude und Bäumen sowie private Beleuchtung erzeugen Lichtsmog und bedrohen den Nachthimmel so sehr, dass man ihn in Sternenparks wie dem Nationalpark Eifel schützen muss. Allerdings ist selbst hier die natürliche Nacht gefährdet, denn das Licht umliegender Städte wie Köln und Aachen strahlt bis 300 Kilometer weit in den Himmel.  

Aber hier in Vogelsang können Besucher die Galaxie, in der wir leben, die Milchstraße, noch mit bloßem Auge sehen – vorausgesetzt es ist unbewölkt. Über Harald Bardenhagen ziehen an diesem Abend aber tiefe, graue Wolken hinweg. Der Mann mit den schwarzen Locken zückt sein Handy aus seiner Polarjacke und verschickt eine Absage an die sechs angemeldeten Teilnehmer einer Sternenwanderung. Wie immer hat er sie schon vorbereitet – niemand soll umsonst den weiten Weg auf das ehemalige Militärgelände machen, wo sich die hohen Fichten im kalten Dezemberwind wiegen und Schneeregen ins Gesicht klatscht.

Europa bei Nacht im Vergleich

Europa bei Nacht im Vergleich Foto: NGDC/DMSP/ESA

Auf der Jagd nach Lichtverschmutzern

Harald Bardenhagen allerdings, der zwei Mal pro Woche von Köln 70 Kilometer zu seiner Sternenwarte rausfährt, beeindruckt das alles nicht. Fällt eine seiner Sternenwanderungen aus, ist Zeit für andere Dinge. Dann geht der Astronom auf die Jagd nach Lichtverschmutzern.

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Bardenhagen verstaut seine Kamera, schmeißt die Heckklappe des VW-Busses zu und setzt sich hinters Steuer. In ein Navigationsgerät links vom Lenkrad gibt er die Adresse eines Sportplatzes in 20 Kilometern Entfernung ein. Dann klappt er rechts von sich einen Laptop auf und startet ein Programm. Damit will er auf dem Weg zum Sportplatz, der mit seinem Flutlicht Kraniche stören soll, wie ihm eine Umweltaktivistin kürzlich am Telefon berichtet hat, die Nachthimmelqualität aufzeichnen. Der Sky Quality Meter sitzt, in grauen Abflussrohren verbaut, auf dem Dach des Wagens und ist mit einem GPS-Gerät verbunden. Über ein Kabel durch das Autodach an den Computer angeschlossen, zeichnet die Software auf, wo es wann wie hell am Himmel ist, während der Tüftler die Orte rund um den Sternenpark abfährt.

Die Qualität des Nachthimmels messen Experten mit einem Sky Quality Meter.

Die Qualität des Nachthimmels messen Experten mit einem Sky Quality Meter. Foto: Wilfried Gerharz

Diese Erhebungen dienen dazu, Kommunen in und um den Nationalpark über die Problematik der Lichtverschmutzung aufmerksam zu machen.  Denn der Titel „Sternenpark“, im Februar dieses Jahres verliehen von der International Dark-Sky Association, gilt vorläufig für drei Jahre. Binnen dieser Zeit kann die endgültige Anerkennung erfolgen, vorausgesetzt die Gemeinden, die sich im Nationalparkgebiet befinden, erklären sich bereit, belastungsarme und umsichtige Außenbe­leuch­tung zu installieren und so etwas gegen die zunehmende Himmelsaufhellung zu tun.

Die Milchstraße können Mitteleuropäer nur noch sehr selten so wie hier im Nationalpark Eifel sehen.

Die Milchstraße können Mitteleuropäer nur noch sehr selten so wie hier im Nationalpark Eifel sehen. Foto: Harald Bardenhagen

Der Sternenpark Eifel soll zur Sternenregion wachsen

Da der Sternenpark Nationalpark Eifel sich in Zukunft sogar als „Sternenregion“ vermarkten will, müssen sich Orte im Umkreis von 15 Kilometern rund um die 100 Hektar große Anlage Vogelsang an nachhaltigen Lichtkonzepten beteiligen – eine Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit, die Harald Bardenhagen ab Januar, wenn auch das Internationale Jahr des Lichts 2015 anbricht, in Angriff nehmen will.  

„Hier im Ort kann man noch einiges optimieren“, stellt der Sternenaktivist vom Auto aus fest. Im Vorbeifahren sieht er helle Scheinwerfer, die eine Gaststätte anstrahlen, weit oben vom Kirchturm leuchtet ein Weihnachtsstern, am Bahnhof stehen Laternen, die  grell-weiß die Gehwege erleuchten. Am Sportplatz angekommen springt der 57-Jährige vom Sitz in den Matsch und stapft mit einer langen Taschenlampe zu einem Flutlicht. Die Lampen sind ausgeschaltet, niemand spielt auf dem Platz. Bardenhagen glaubt zu erkennen, dass diese Lampen weit in den Himmel strahlen, anstatt nur gezielt auf den Rasen. „Mitten in der Stadt wären solche Leuchten nicht möglich.“ Dort würden Anwohner sofort auf die Barrikaden gehen. Doch hier auf dem Land scheint es erstmal niemanden zu stören.

Um den Titel "Sternenpark" auf "Sternenregion" muss der Nationalpark angrenzende Gemeinden für nachhaltige Lichtkonzepte ins Boot holen. Dazu führt Harald Bardenhagen Beleuchtungsmessungen wie an dieser Kirche durch.

Um Gemeinden rund um den Nationalpark Eifel von nachhaltigeren Lichtkonzepten zu überzeugen, führt Harald Bardenhagen Beleuchtungsmessungen wie an dieser Kirche durch. Foto: Wilfried Gerharz

Kunstlicht steht im Verdacht, krank zu machen

Doch ein Übermaß an Kunstlicht hat negative Auswirkungen auf Flora und Fauna. So sterben allein in Großstädten wie Manhattan rund 10.000 desorientierte Vögel jedes Jahr, weil sie gegen die strahlenden Wolkenkratzer prallen. Singvögel ändern in Städten ihr Sing- und Brutverhalten, Insekten werden durch Lampen mit hohen Anteilen ultravioletten und blauen Lichts angezogen, kommen daran um und fehlen in der Nahrungskette, berichtet der Osnabrücker Planetariumsleiter Dr. Andreas Hänel.

Ich weiß, dass diese Art von Aktivität etwas bewegt.

Harald Bardenhagen

Auch der Mensch ist betroffen. So steuere der natürliche Tag-Nacht-Rhythmus 15 Prozent unserer Gene, schreibt der Journalist David K. Randall. Ist dieser durch künstliches Licht beeinflusst, können Gesundheitsstörungen auftreten: „Studien haben einen Zusammenhang zwischen übermäßiger nächtlicher Lichteinstrahlung und Depressionen, kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes, Fettleibigkeit und sogar Krebs festgestellt“, so Randall.

Ein hochkomplexes Thema, das vielen Menschen noch gar nicht bewusst sei und Aufklärungsarbeit benötige, wie Harald Bardenhagen bald nach der Gründung seiner Astronomie-Werkstatt „Sterne ohne Grenzen“ feststellte. Er kündigte nach 17 Jahren seine Stelle als IT-Systemberater im Vertrieb von Microsoft, um sein Hobby zum Beruf zu machen. Für den Schutz des natürlichen Nachthimmels über dem Nationalpark Eifel und damit seiner Geschäftsgrundlage schlägt sich der Defender of the Dark Sky seither viele Nächte um die Ohren. Doch es macht ihm nichts aus: „Ich weiß, dass diese Art von Aktivität etwas bewegt.“ 

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