„Das hätte tragisch enden können“
Nach dem ICE-Unfall in Dortmund beginnt das Rätselraten

Dortmund -

Knapp 200 Meter vor Gleis 10 im Dortmunder Hauptbahnhof herrscht am Tag nach dem ICE-Unfall ei­ne vielköpfige Betriebsamkeit. 

Dienstag, 02.05.2017, 18:05 Uhr

Knick im Zug: Am Montagabend war der ICE 945 vor dem Dortmunder Hauptbahnhof entgleist, er wurde mit viel Aufwand geborgen.
Knick im Zug: Am Montagabend war der ICE 945 vor dem Dortmunder Hauptbahnhof entgleist, er wurde mit viel Aufwand geborgen. Foto: dpa

Zwei schwere Kräne sind am Morgen in Position gefahren; Dutzende Bahnmitarbeiter in ihren typisch orangen Monturen versuchen mit ihrer Hilfe, das Zug-Heck wieder aufs Gleis zu setzen. Wie sich im Laufe des Tages herausstellen wird, ist das kein leichtes Unterfangen.

Am Montagabend waren die letzten beiden Wagen des ICE 945 „ Templin “ kurz vor der Einfahrt in den Dortmunder Hauptbahnhof aus den Gleisen gesprungen. Augenzeugen berichteten von einem „ohrenbetäubenden Geräusch“.

Eilends ließ die Bahn die beiden Spezialkräne kommen. Doch allein mit dem Abtransport des Zuges ist es nicht getan.

Unten Hektik, oben Ruhe

Der Hauptbahnhof bietet an diesem Tag ge­gensätzliche Bilder. In der Eingangshalle herrscht hektische Betriebsam. Vor der Auskunft hat sich eine Schlange gebildet. Ein paar Meter weiter recken Dutzende ihre Köpfe Richtung Anzeigetafel. Die Durch­sagen plärren im Sekundentakt. Die Menschen tragen ihr Schicksal mit Fassung.

Unten Hektik, oben hinge­gen gespenstische Ruhe: Auf den ersten zehn Bahnsteigen tut sich nichts. Sie sind abgesperrt – und darum menschenleer.

ICE in Dortmund entgleist

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  • Zwei Schwerlastkräne werden im Hauptbahnhof in Dortmund zur Bergung eines entgleisten ICE eingesetzt.

    Foto: Bernd Thissen
  • Der Unfall des ICE auf dem Dortmunder Hauptbahnhof am 01.05.2017 hat auch am Tag darauf für viele Störungen im Berufsverkehr gesorgt.

    Foto: Bernd Thissen
  • Bei der Einfahrt in den Dortmunder Hauptbahnhof ist am 01.05.2017 ein ICE der Deutschen Bahn entgleist.

    Foto: Bundespolizei NRW/dpa
  • Ein Sprecher des Unternehmens sagte, aus noch unbekannter Ursache seien die letzten beiden Wagen aus dem Gleis gesprungen.

    Foto: Marcel Kusch, dpa
  • Zwei Personen wurden leicht verletzt.

    Foto: Marcel Kusch, dpa
  • Der Dortmunder Hauptbahnhof wurde komplett gesperrt.

    Foto: Marcel Kusch, dpa
  • Am Montagabend wurden einige Gleise dann wieder freigegeben. Es kommt dennoch weiterhin zu vermehrten Zugausfällen.

    Foto: Marcel Kusch, dpa
  • Der ICE 945 war in Düsseldorf gestartet und sollte nach Berlin bis zum Bahnhof Gesundbrunnen fahren.

    Foto: Marcel Kusch, dpa
  • Ermittler des Eisenbahnbundesamtes und der Bundespolizei begeben sich auf Ursachensuche.

    Foto: Marcel Kusch, dpa
  • Der Schaden an dem Zug und an den Gleisen ist erheblich.

    Foto: Marcel Kusch, dpa
  • Das Zugunglück geschah um 18.46 Uhr bei der Einfahrt zum Gleis 10 in Dortmund vor den Augen der Wartenden.

    Foto: Marcel Kusch, dpa
  • Zum Unfallzeitpunkt befanden sich 152 Reisende im Zug.

    Foto: Marcel Kusch, dpa
  • Der verunglückte Zug soll mit Spezialkränen geborgen werden.

    Foto: Marcel Kusch, dpa

Spezialkran "Mammut"

„Mammut“ steht am knallroten Stahlarm. Der Spezialkran ist in der Nacht aus Leipzig herbeordert worden. 75 Tonnen kann der Koloss heben. Das sollte genügen, um die 30 Tonnen schweren, nicht mehr zu trennenden ICE-Wagen 7 und 8 wieder auf die Schiene zu setzen. Aufgleisen nennt der Fachmann das.

Holger Michalke ist der Aufgleisleiter. Sein Titel prangt in dicken Lettern auf dem Rücken seiner Jacke. Das Problem sei nicht aus der Welt, wenn der Zug weggeschafft worden sei, erklärt er. „Durch den Unfall wurden leider auch ei­ne Menge Gleise und Weichen in Mitleidenschaft gezogen.“

Unfallursache unklar

Warum der Zug entgleiste, ist offiziell noch unklar. Vor Ort aber sprechen die Experten bereits von einem technischen Defekt als wahrscheinlichste Ursache. „Ich tippe auf ei­ne kaputte Weiche oder ein defektes Drehgestell“, sagt ein Mann vom Eisenbahnbundesamt , der namenlos bleiben will. Ein Drehgestell ist so etwas wie die Achse ei­nes Triebwagens.

Erzählt wird viel an diesem Tag. So soll ein Zugbegleiter Schlimmeres verhindert haben. Kaum dass das ICE-Heck auffällig geworden seien, habe er die Notbremse gezogen. „Sehr geistesgegenwärtig“ sei das gewesen, sagt ein Bundespolizist. „Der hatte nur Sekundenbruchteile, um zu reagieren und den Zug zu stoppen“, ergänzt sein Kollege.

Ansonsten wäre der Zug womöglich „quer im Stall“ in den Bahnhof gerauscht. „Das hätte tragisch enden können.“

Große Beeinträchtigungen

Die Beeinträchtigungen im Bahnverkehr waren üppig. Dutzende Züge fielen aus, andere hatten happige Verspätungen. Wie lange das Durcheinander anhält, kann derzeit niemand sagen.

„Ein paar Tage wird es schon dauern, bis der Schaden behoben ist“, sagt Bahnsprecher Pohlmann. Wenn alles glatt läuft. Die Bahn hat in Witten ein Weichenwerk. Das ist zwar nah bei, unklar aber ist, ob die benötigten Stücke dort vorrätig sind. „Wenn nicht, müssen sie erst angefertigt werden“, sagt Pohlmann. Und es ist förmlich zu hören, wie ungern er diesen Satz sagt.

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