Interview mit Schulministerin Yvonne Gebauer
"Kinder brauchen auch Freiräume und kein durchgetaktetes Leben"

Düsseldorf - Lehrer verzweifelt gesucht: Weil das Land derzeit viele neue Lehrerstellen nicht besetzen kann, will Schulministerin Yvonne Gebauer 600 Stellen für Sozialpädagogen schaffen, die in den Klassen die Arbeit der Lehrkräfte unterstützen. Im Interview mit unserem Korrespondenten Hilmar Riemenschneider spricht die FDP-Politikerin über ihre Erwartung an Grundschüler, Bezahlung und Ausbildung von Lehrern - und G9.

Donnerstag, 23.11.2017, 07:11 Uhr

Schulministerin Yvonne Gebauer. Foto: Marcel Kusch/dpa
Die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). (Archiv-Foto) Foto: Marcel Kusch/dpa

Frau Gebauer , Ihr Vater, so konnte man lesen, war Schul-Dezernent in Köln, Sie mussten damit als Schülerin umgehen. Muten Sie ihrem Sohn jetzt mehr zu?

Gebauer: Meine Erfahrungen, als mein Vater Schul-Dezernent in Köln war, waren für mich als Schülerin nicht nur angenehm. Mein Sohn hat die Schule bereits abgeschlossen. Wäre er noch kleiner, hätte ich das aber bei der Entscheidung, ob ich das Amt übernehme berücksichtigt.

Aus der Sicht einer Mutter, deren Sohn die Schule durchlaufen hat: Was fehlt Kindern am Ende der Schulzeit am meisten?

Gebauer: Das ist in der Diskussion um G8 und G9 deutlich geworden. Es fehlt Zeit. Zeit für individuelle Entwicklung oder auch mal „nichts“ zu tun. Weder von der Schule gefordert zu sein, noch von der Familie. Kinder brauchen auch Freiräume und kein durchgetaktetes Leben. Einfach mal eine Stunde ohne Programm, ohne Vorgabe. Statt Fremdsprachen üben oder zum Training gehen, mal eine Stunde Lego spielen, Hörspiele hören und in Träumen versinken. Das kann Schulpolitik nicht festlegen, aber durch richtige Rahmenbedingungen, wie jetzt bei der Umstellung auf G9, unterstützen. Gefragt sind hier aber auch die Eltern.

In der Grundschule gibt es eher Freiräume.

Gebauer: Das stimmt, Kinder brauchen aber auch danach noch die Zeit, sich zu erden. Wichtig ist, dass man den Kindern das Gefühl gibt, dass es richtig ist, auch mal nicht zu lernen, nicht gefordert zu werden. Es wäre schön, wenn das Bewusstsein am Ende eines schulischen Bildungsweges haften bleibt, dass auch das erlaubt ist.

Im neuen Jahr können Sie 2048 zusätzliche Stellen besetzen. Für welchen Bereich planen Sie die meisten Kräfte ein?

Gebauer: Wir wollen die Grundschulen stärken. Hier wird der Grundstein für beste Bildung gelegt. Umso wichtiger ist es, dass wir die Grundschulen und Lehrer mehr unterstützten indem wir die Kapazitäten der sozialpädagogischen Fachkräfte verdoppeln. Derzeit gibt es knapp 600 Stellen. Diese verdoppeln wir und schaffen im nächsten Jahr 600 neue. Dadurch wollen wir die Schuleingangsphase stärken, damit die Kinder von Beginn an qualitätsvollen Unterricht erhalten können. Wir haben als Erbe der Vorgängerregierung einen Lehrermangel übernommen, der von heute auf morgen leider nicht zu beheben ist.  Aber wir möchten durch diese Maßnahme den Lehrerinnen und Lehrern eine größere Unterstützung zukommen lassen, damit sie sich wieder mehr auf den Unterricht konzentrieren können. Diese Maßnahme lag mir sehr am Herzen und dafür habe ich gekämpft.

Sollen die Fachkräfte betreuen oder eher eine Art Assistenz anbieten?

Gebauer: Es geht um beides. Der Plan ist, dass wir die schon nachmittags im offenen Ganztag arbeitenden Fachkräfte – viele arbeiten in Teilzeit - auch vormittags einsetzen. Sie kennen die Kinder, können auf Stärken und Schwächen eingehen. Darüber können sie sich mit den Lehrern austauschen und gezielt unterstützen. Dadurch bekommen alle einen ganzheitlichen Blick auf das Kind.

Werden diese Fachkräfte an Schulen mit erhöhtem Förderbedarf oder eher flächendeckend eingesetzt?

Gebauer: Wir müssen dabei Schwerpunkte setzen, weil der Bedarf unterschiedlich ist. Es gibt  einzelne Grundschulen, die mit genügend Ressourcen ausgestattet sind, da müssen wir nicht noch etwas drauf satteln.

Als eine Erfolgsbedingung für die Schulen werden multiprofessionelle Teams genannt – Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologen.  Zielt Ihr Konzept darauf ab?

Gebauer: Diese Teams arbeiten vorwiegend an den weiterführenden Schulen. Die eben genannten 600 neuen Stellen gehen aber ausschließlich in die Grundschulen, weil wir hier ganz gezielt eine Unterstützung geben wollen. Das wird arbeitsrechtlich nicht ganz einfach zu organisieren sein, die nachmittags von den Kommunen beschäftigten Fachkräfte vormittags für das Land einzusetzen. Da setzte ich auf die Kooperationsbereitschaft der Kommunen.

Ein weiteres Personalproblem in Grundschulen sind unbesetzte Leitungs- und Stellvertreterstellen. Wo sehen Sie die Gründe, dass diese Positionen unattraktiv geworden sind?

Gebauer: Diese Funktion ist mit zusätzlichen Aufgaben verbunden, die zusätzliche Bezahlung war aber lange wenig attraktiv. Deshalb wollen wir die Attraktivität für Leitungspositionen steigern und werden zum kommenden Jahr die Bezahlung für Konrektoren deutlich anheben.

Wenn aber alle Grundschullehrer, mindestens die mit Master-Abschluss, auf A13 hochgestuft   werden, schmilzt der Vorteil wieder. Steuern Sie dann nochmal nach?

Gebauer: Wir müssen uns auf alle Fälle mit den besoldungsrechtlichen Konsequenzen aus der Reform der Lehrerausbildung aus dem Jahr 2009 beschäftigen. Dazu gibt es schon Gespräche mit dem Finanzminister. Das muss man aber als Gesamtpaket betrachten, welche Entscheidung welche Folgen bedingt.

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Sie haben angekündigt, dass Sie die Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ eingrenzen wollen. Was haben Sie konkret vor?

Gebauer: Die Methode wird gar nicht so oft in Reinkultur angewandt, oft nur abgewandelt. Deshalb macht es auch keinen Sinn, die Methode einfach nur zu verbieten. Es geht vielmehr darum, die Rechtschreibkompetenzen unserer Kinder deutlich zu verbessern. Nach den schlechten Ergebnissen der letzten Studie haben wir beschlossen, dass eine Expertengruppe eine Handreichung erstellt, wie Lehrer noch intensiver diese Kompetenz vermitteln können. Kinder mit dieser Methode fürs Schreiben zu begeistern, ist nachvollziehbar, aber Ziel muss sein, dass sie möglichst schnell richtig schreiben lernen. Daher wollen wir diese Methode auf das erste Schuljahrbegrenzen. Dazu kommt dann ein verbindlicher Grundwortschatz für jedes Schuljahr.

Und was planen Sie bei Mathe?

Gebauer: In Mathe sind die Ergebnisse leider auch nicht gut. Wir werden alle Ansätze kritisch betrachten. Andere europäische Länder dürfen uns nicht überholen. Das können wir uns als Land der Dichter und Denker ohne andere Rohstoffe nicht leisten. Wir müssen auch Land der Rechner werden. Die Digitalisierung als neue Kulturtechnik birgt dafür durchaus Gefahren. Wir dürfen nicht andere Kulturtechniken vernachlässigen, nur um digitaler zu werden. Es reicht eben nicht, übers Tablet zu wischen und Suchmaschinen zu fragen, wer was zu einem Thema sagt. Ich muss meine Gedanken, meine Lösungen eigenständig für eine Aufgabe erarbeiten können.

Digitalisierung wird ebenfalls als entscheidender Erfolgsfaktor für die Schule der Zukunft genannt.  Sind die Lehrkräfte in der Lage, diese Lernwelt zu vermitteln?

Gebauer: Das ist unser Ziel. Es stimmt, dass in manchen Bereichen die Lehrer derzeit die Schüler der Schüler sind. Deshalb müssen wir die Lehrkräfte noch besser aus- und fortbilden. Dafür bringen wir die Zentren für Lehrerausbildung technisch auf den neuesten Stand. Die Mittel stehen mit dem Haushalt 2018 bereit. Zugleich erhöhen wir die Zahl der Medienkoordinatoren, die die Schulen beraten.

Wird Didaktik heute schon anders gelehrt?

Gebauer: In diesem Zusammenhang ist mit dem Wissenschaftsministerium eine Arbeitsgruppe eingerichtet worden. Bei deren Arbeit geht es auch um die Mahnung der Professoren, die Fachlichkeit nicht zu vernachlässigen. Richtig ist jedenfalls: Uns läuft die Zeit davon. Deshalb erhoffe ich mir zeitnahe Ergebnisse, wie das Lehramtsstudium besser auf die Schule der Zukunft vorbereiten kann.

Das Turbo-Abi schaffen Sie nicht ganz ab, ermöglichen den Schulträgern sogar den Weg zurück zu G8. Warum?

Gebauer: Schulen können sich für den Verbleib bei G8 entscheiden. Das ist so im Koalitionsvertrag festgelegt. Die Koalitionspartner CDU und FDP wollen ein lebendes System. Es gibt Platz für beides in NRW: Die Leitentscheidung G9 und wo das alle Beteiligten wollen auch die Möglichkeit für G8. Sollen in Zukunft G8 Gymnasien neu entstehen, entscheiden darüber die Schulträger, und das müssen sie wie bei jedem Schulformwechsel gegenüber der Schulaufsicht begründen.

Mit Überzeugung tun Sie das nicht?

Gebauer: Es gab viele Wege, die man hätte beschreiten können. Ich trete mit voller Überzeugung für beste Bildung ein und setze als Schulministerin das Vereinbarte um.

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