Weihnachtsbäume aus Milte
Das große Sägen beginnt

Milte -

„Oh, Tannenbaum, oh Tannenbaum“ – das ist sehr flapsig formuliert. Was da in deutschen Wohnzimmern steht, kann eine Tanne sein. Muss aber nicht. Vielleicht ist es auch eine Fichte, eine Douglasie oder eine Kiefer.

Sonntag, 26.11.2017, 12:11 Uhr

Zwischen Tannen und Fichten: Bernhard Cord-Kruse kann seinen Kunden auf gut drei Hektar Fläche die meisten gängigen Weihnachtsbaumsorten präsentieren.
Zwischen Tannen und Fichten: Bernhard Cord-Kruse kann seinen Kunden auf gut drei Hektar Fläche die meisten gängigen Weihnachtsbaumsorten präsentieren. Foto: Wilfried Gerharz

Als Weihnachtsbaum dienen die beliebten Nordmann-Tannen, die polarisierenden Koreatannen, aber auch Rot- und Blaufichten, Omorika-Fichten und Silbertannen, Schwarz-, Sand- und Seidenkiefern. Hauptsache Nadeln, Hauptsache grün im tiefsten Winter.

Bernhard Cord-Kruse in Milte hat sie alle. Auf 3,5 Hektar leisten sich der Landwirt und seine Familie das Vergnügen, einen Weihnachtswald zu hegen und zu pflegen. Neben der großen Schweinezucht und -mast ist das fast schon ein Hobby. Deshalb sieht es in dem Dorf unweit der Landesgrenze zu Niedersachsen anders aus als in den Weihnachtsbaumplantagen im Sauerland, in Skandinavien oder im Baltikum.

Familie Cord-Kruse pflanzt ihre Setzlinge gerne bunt gemischt. Da stehen unterschiedliche Arten unterschiedlichen Alters auf einer Fläche. Nie wird ein Feld komplett geerntet, der Besucher kann zwischen den Bäumen flanieren wie auf einem romantischen Waldspaziergang. Sogar einen „Weihnachtswalderlebnispfad“ hat die Familie eingerichtet, erzählt Bernhard Cord-Kruses Tochter Anja Große Vogelsang. An rund 70 Stationen weisen kleine Nummerntafeln auf Pflanzen und Tiere hin, die hier heimisch sind. Da geht es um Eichhörnchen und Baummarder, um diverse Vogelarten und einen riesigen Dachsbau.

Kulturen im Sauerland

So idyllisch geht es in den großen Kulturen im Sauerland selten zu. Dort liegt die Hochburg der deutschen Weihnachtsbaumproduktion. Da streiten Produzenten und Naturschützer um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und große Monokulturen – in Milte kommt bestenfalls etwas Dünger auf die Bäume, beteuert Cord-Kruse.

Wegweiser zum Baum

Besuch: Durch den Weihnachtswald (Beverstrang 11, Warendorf-Milte) führen zwei Erlebnispfade. Für den kürzeren Weg sollte die Familie eine halbe Stunde einplanen. Der Wald ist frei zugänglich.

Advent: Am zweiten und dritten Adventswochenende läuft der Weihnachtsbaumverkauf jeweils samstags und sonntags; auch der Hofladen ist geöffnet: www.cord-kruse.de

Weitere Höfe mit Direktverkauf listet der Landservice (Suchwort Weihnachtsbäume) unter www.landservice.de

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Im Sauerland wachsen auf rund 12.500 Hektar Tannen und Fichten nur fürs Fest. Insgesamt sind es in Deutschland um die 40.000 Hektar. Seit Sturm Kyrill 2007 viel Wald im Sauerland flachlegte, ist die Anbaufläche noch gewachsen. Schlicht eine wirtschaftliche Frage für die Waldbauern: Weihnachtsbäume werden nach acht oder zehn Jahren geerntet und vermarktet; bei anderen Baumarten kommt frühestens nach 40 oder 50 Jahren wieder Geld rein. Jetzt kommt der erste große Schwung an Weihnachtbäumen auf den Markt, die gewachsen sind, wo Kyrill die Flächen freigeblasen hat.

"Baumharz in Opas Adern"

An Familie Cord-Kruse geht diese Geschichte nahezu unbemerkt vorbei. Sie wetteifert nicht mit den großen Produzenten, beliefert keine Baumärkte und Markthändler. Wer einen Baum aus Milte will, muss ihn dort kaufen.

Seit Mitte der 1980er Jahre macht sich die Familie den Spaß – „weil Baumharz in Opas Adern fließt“, wie Anja Große Vogelsang über ihren Vater spottet. Der rückt die Geschichte schnell gerade: „Ja, da liegt mir dran“, räumt er ein, „aber unsere Weihnachtsbaumkulturen müssen das Geld wieder hereinbringen.“

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Rundweg durch den Weihnachtswald. Foto: WilfriedGerharz

Das gelingt, erzählt er – aber auch, weil die ganze Familie mit anpackt: Bernhard und seine Frau Anni ebenso wie die Söhne Martin und Christian und Tochter Anja samt ihren Partnern. Und Freunde und Bekannte. „Da helfen viele mit – und deshalb gibt’s nach Weihnachten noch ein ordentliches Fest.“ Nur die neun Enkel im Alter zwischen vier Wochen und acht Jahren kommen bestenfalls zum Spielen und noch nicht zum Arbeiten in den Wald.

Westfälischer Advent

Von der Arbeit sehen die Kunden nur wenig. Die ganz Bequemen kommen gar nicht bis zu den Schonungen. Sie nehmen sich ihr Stämmchen – fertig geschnitten und eingenetzt – gleich am Hofladen mit. Andere sägen unter Mühen selbst, manche stehen aber auch im Wald und zeigen nur auf ihr ausgesuchtes Bäumchen: „Können Sie mir den sägen?“ Dazu gibt es Bratwürstchen und Glühwein – westfälischer Advent. 30 Prozent der Weihnachtsbäume werden direkt bei landwirtschaftlichen Betrieben gekauft, hat die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald errechnet.

Tipps rund um den Weihnachtsbaum

Auswahl: Wer einen frischen Baum möchte, sollte bei Tageslicht kaufen. Die Schnittfläche sollte noch gelb und hell sein. Auch dürfen die Nadeln noch nicht struppig wirken. Der ultimative Test am (nicht eingenetzten) Baum: einmal kräftig aufstoßen. Dann sollte kein Nadelregen zu Boden fallen.

Nach dem Kauf: Jeden Temperaturschock vermeiden. Den Baum zu Hause vom Netz befreien und in der Garage, auf der Terrasse oder dem Balkon in Wasser stellen, zwischenlagern und zu sich kommen lassen.

In der Wohnung: Die Fußbodenheizung ist der Feind des Weihnachtsbaums. Wer kann, platziert seinen Baum anderswo oder schaltet die Heizung hinunter. Vor dem Aufstellen wird der Baum noch mal angeschnitten. Am besten steht er in einem Ständer mit viel Wasser – und das muss auch regelmäßig nachgefüllt werden. „Sie wundern sich, wie viel Wasser der zieht“, sagt Anja Große Vogelsang. Wer einen Baum mit Wurzel hat, sollte ihn schon nach zwei, drei Tagen wieder aus der warmen Wohnung stellen.

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Von den Dramen, die sich dabei im Wald abspielen, berichtet die Schutzgemeinschaft nichts. Paare, die zu keiner einhelligen Auswahl kommen, bilden eher die Regel als die Ausnahme. Väter und Töchter, die ohne Mediatoren in den Wald gehen, sind eine ganz heikle Zusammenstellung, weiß Bernhard Cord-Kruse, führt das aber nicht weiter aus.

Manche haben aus den Tücken einen Kult gemacht. Seit Jahren empfängt Cord-Kruse im Advent einen Freundeskreis zum Weihnachtsbaumkauf. Erst kommen die Männer, suchen aus und sägen ein paar Bäume. Dann kommen die Frauen und korrigieren die Auswahl. Mittlerweile halten sich die Männer nicht mehr lange mit der Auswahl auf. Sie warten einfach beim Glühwein auf Anweisungen.

Betrieb in Milte

In Milte beginnt der Betrieb im Weihnachtsbaumwald gerade; anderenorts wird schon seit Oktober gesägt. Doch die Zeit reicht nicht jedem. Bernhard Cord-Kruse hat für einen verzweifelten Späteinkäufer auch an Heiligabend um 16 Uhr noch mal zur Säge gegriffen. Und damit vermutlich eine Ehe gerettet.

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Familie Cord-Kruse pflanzt ihre Setzlinge bunt gemischt. Foto: Wilfried Gerharz

Nach Weihnachten wird noch aufgeräumt – was da zusammenkommt, reicht für ein großes Osterfeuer. Und dann ist erst mal Ruhe im Weihnachtswald.

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