Unterwegs mit Brennstoffhändler Seidelmann
Für einen Haufen Kohle

Essen -

Die Wohnung mit Kohle heizen - das klingt nach Schimanski oder Heimatmuseum. Doch im Ruhrgebiet schippen noch viele Menschen Kohlen in den Ofen, um die Hucke warm zu kriegen Täglich fährt Thomas Seidelmann durch den Pott und bringt das schwarze Gold - wir sind mal mitgefahren.

Sonntag, 04.02.2018, 12:02 Uhr

Unterwegs mit Brennstoffhändler Seidelmann: Für einen Haufen Kohle
Eine Tonne Kohle rauscht in die Einfahrt: Eine Lieferung für Martin Kutsche in Waltrop. Er heizt lieber mit Kohle, obwohl er auch eine Gastherme im Haus hat. Foto: Gunnar A. Pier

Martin Kutsche steht im T-Shirt in der Haustür, draußen rauscht eine Tonne Kohle aus dem blau-weißen Laster auf das Pflaster seiner Einfahrt. Gleich muss er schippen, aber das ist es ihm wert: „Das ist eine ganz andere Wärme!“ Kutsche heizt mit Kohle, als ehemaliger Bergmechaniker bekommt er sie zum Spottpreis. Das Deputat endet in diesem Jahr – doch so lange noch kommt alle paar Wochen der Kohle-Kuli und liefert.

Stunden zuvor: 6.56 Uhr ist nicht die richtige Zeit für große Worte. „Wir fahren jetzt erstmal laden“, sagt Thomas Seidelmann und klettert hinters Steuer. Morgenstund’ hat schwarzes Gold im Mund, doch an diesem Montagmorgen in Essen ist erstmal Schweigen Gold.

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Schwarze Nacht über schwarzer Kohle: In Gelsenkirchen lädt Seidelmann morgens um 7 Uhr Ware. Foto: Gunnar A. Pier

Sechs Kilometer weiter stoppt der Laster in Gelsenkirchen auf dem Lagerplatz des Brennstoffhandels W. Seidelmann. Schwarze Haufen in der schwarzen Nacht, ein Radlader schüttet Kohle aufs Förderband, das die Stücke in die Ladekammern schaufelt. So beginnt der Tag für den Kohlehändler.

Seit 31 Jahren ist Thomas Seidelmann im Job. In vierter Generation führt er den Brennstoffhandel in Essen zusammen mit Schwester, Bruder und seiner Mutter. „Manche Kunden kenne ich schon seit 20 Jahren“, schätzt er. Entsprechend vertraut ist der Umgang. Seidelmann fährt vor, schüttet die Kohle in die Einfahrt oder direkt in den Kohlenkeller, nach ein paar Minuten fährt er weiter.

Unterwegs mit dem Kohle-Lieferanten im Ruhrgebiet

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  • Mit Schwung rauscht die Kohle in den Keller.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Moderner Lastwagen vor alter Kulisse: Anlieferung bei Karl-Heinz Marschke in Waltrop.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Schwarze Nacht über schwarzer Kohle: In Gelsenkirchen lädt Seidelmann morgens um 7 Uhr Ware.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Thomas Seidelmann fährt seit 31 Jahren Kohle aus. Der Betrieb ist in vierter Generation in Familienhand.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Morgenstund’ hat schwarzes Gold im Mund? Um kurz nach 7 Uhr lädt Seidelmann tonnenweise Kohle in seinen Lastwagen. Danach beginnt die Auslieferung an Privatkunden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Morgenstund’ hat schwarzes Gold im Mund? Um kurz nach 7 Uhr lädt Seidelmann tonnenweise Kohle in seinen Lastwagen. Danach beginnt die Auslieferung an Privatkunden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In Herne-Crange wird weitere Kohle zugeladen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mit Schwung rauscht die Kohle in den Keller.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Thomas Seidelmann fährt seit 31 Jahren Kohle aus. Der Betrieb ist in vierter Generation in Familienhand.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Wilfried Hantke im Heizungskeller: Zweimal am Tag müssen jeweils zwei Eimer Kohle nachgefüllt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • »Das ist eine ganz andere Wärme!«: Martin Kutsche (links) heizt lieber mit Kohle, obwohl er auch eine Gastherme hat.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Eine Tonne Kohle rauscht in die Einfahrt: Eine Lieferung für Martin Kutsche in Waltrop. Er heizt lieber mit Kohle, obwohl er auch eine Gastherme im Haus hat.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Eine Tonne Kohle rauscht in die Einfahrt: Eine Lieferung für Martin Kutsche in Waltrop. Er heizt lieber mit Kohle, obwohl er auch eine Gastherme im Haus hat.

    Foto: Gunnar A. Pier

Das Herz schlägt fürs Grubengold

Das Ruhrgebiet. Pulsschlag aus Stahl, das Herz schlägt fürs Grubengold. „Wir sind auf eine Art mit der Kohle verbunden“, sagt Karl-Heinz Marschke. Bis 1997 war er Schlosser unter Tage, sein Haus in Waltrop heizt er bis heute mit Deputatkohle. Die ist gewissermaßen Teil des Gehalts und der Rente. Sieben Tonnen pro Jahr darf er bestellen und zahlt kaum mehr als die Anlieferung. „70 Prozent der Nachbarn heizen mit Kohle“, schätzt er und verwundert damit den, der glaubt, Kohleheizungen gebe es nur bei Alfred Tetzlaff und im Heimatmuseum .

Der Morgen graut

Der Radlader rückt ab, der blau-weiße Laster mit dem Kennzeichen „E-WS 1904“ im Nummernschildhalter mit Schalke-Schriftzug rollt vom Hof. Als um 7.54 Uhr über dem Stau auf der A 42 der Morgen graut, nimmt Thomas Seidelmann die Ausfahrt Herne-Crange, um weiteres Material zu laden. Es gibt Kohle in verschiedenen Güteklassen und Korngrößen.

Wer ein Deputat bekommt, erhält Kohle aus dem Bergwerk, das die RAG in Ibbenbüren betreibt. Wer selbst den vollen Preis zahlen muss, bestellt meistens lieber die billigere Importware aus China oder gar Sibirien.

Wilfried Hantke im Heizungskeller: Zweimal am Tag müssen jeweils zwei Eimer Kohle nachgefüllt werden.

Wilfried Hantke im Heizungskeller: Zweimal am Tag müssen jeweils zwei Eimer Kohle nachgefüllt werden. Foto: Gunnar A. Pier

„Wir können hier ballern, wie wir wollen“

Der erste Kunde an diesem Montagmorgen ist Wilfried Hantke. Der ehemalige Bergmechaniker lebt in einem beigefarbenen Acht-Parteien-Haus in Waltrop. Auch die anderen sieben Familien haben ein Anrecht auf subventionierten Brennstoff. „Wir können hier ballern, wie wir wollen“, sagt er augenzwinkernd.

Vier Tonnen Kohle rauschen heute über eine Rutsche in den Kohlenkeller, wo auch die Zentralheizung steht. Wochenweise sind die Bewohner mit dem Heizen dran. Dann müssen sie zweimal am Tag jeweils zwei Eimer Kohle auffüllen, sonst bleibt die Hucke kalt.

Kohle aus Ibbenbüren

98 Euro pro Tonne zahlt Hantke, 2,5 Tonnen bestellt jede Familie pro Jahr. Der Betrag setzt sich zusammen aus einem symbolischen Grundpreis, der Liefergebühr und einer Pauschale fürs Einkellern – also dafür, dass Seidelmann die schwarzen Brocken in den Keller schafft und nicht vors Haus schüttet. Müsste er regulär zahlen, würde jede Tonne der Ibbenbürener Kohle gut 380 Euro kosten – z

Moderner Lastwagen vor alter Kulisse: Anlieferung bei Karl-Heinz Marschke in Waltrop.

Moderner Lastwagen vor alter Kulisse: Anlieferung bei Karl-Heinz Marschke in Waltrop. Foto: Gunnar A. Pier

uzüglich Lieferung und Einkellern. Günstiger gibt es importierten Brennstoff: Rund 310 Euro kostet eine Tonne Material aus England, 280 Euro der Import aus Sibirien.

70 Prozent der Kunden bekommen Deputat

Noch liefert die Firma Seidelmann hauptsächlich Ibbenbürener Ware aus. „Ich schätze, dass 70 Prozent unserer Kunden Deputat bekommen“, sagt Thomas Seidelmann. Doch Ende 2018 endet das: Weil die RAG, Nachfolgerin der einstigen Ruhrkohle, die Förderung einstellt, gibt’s auch keine Lieferungen mehr für die Kumpel. Statt Kohle gibt‘s dann „Kohle“, also Geld als Abfindung.

Damit können die Kunden wiederum Kohle kaufen – oder sie rüsten um auf Gasheizungen, was auf Dauer günstiger sein könnte. „70 Prozent unserer Kunden wollen weiter mit Kohle heizen“, hofft Seidelmann. „Aber wenn die dann wirklich mal ein Jahr lang selbst bezahlt haben – wie sieht es dann aus?“ Für ihn ist klar, dass sich sein Geschäft ändern wird. Schon jetzt hat er auch Holzpellets im Angebot.

Eine Tonne Kohle rauscht in die Einfahrt: Eine Lieferung für Martin Kutsche in Waltrop. Er heizt lieber mit Kohle, obwohl er auch eine Gastherme im Haus hat.

Eine Tonne Kohle rauscht in die Einfahrt: Eine Lieferung für Martin Kutsche in Waltrop. Er heizt lieber mit Kohle, obwohl er auch eine Gastherme im Haus hat. Foto: Gunnar A. Pier

Optimismus

Das äußere Erscheinungsbild gibt jedenfalls keinen Hinweis auf drohenden Niedergang. Statt mit einem mit Kohlenstaub verdreckten Oldtimer fährt Seidelmann im modernen Lastwagen vor. „Unsere Fahrzeuge werden jede Woche von Hand gewaschen!“ Acht Laster hat die Firma, darunter drei „Kulis“ für die Auslieferung an Kunden und Sattelzüge, mit denen die Kohle aus Ibbenbüren geholt wird. „Wir werden Abstriche machen müssen“, ist Seidelmann sicher. Doch der Blick nach vorn ist noch etwas ungenau: Viele, die heute noch mit Kohle heizen, haben sich noch nicht überlegt, wie es im nächsten Jahr weitergehen soll.

Thomas Seidelmann

Thomas Seidelmann Foto: Gunnar A. Pier

Zu warm? Fenster auf!

Martin Kutsche, den Mann mit dem Haufen Kohle vor der Haustür, trifft es nicht so hart. „Wir haben schon eine Gasheizung“, gesteht er. Trotzdem heizt er viel lieber mit Kohle. „Wir haben fast immer den Ofen an.“ Warum das schöner ist? Er kann durchheizen, es kostet ja nicht viel. „Und wenn es zu warm ist, machen wir einfach die Fenster auf.“

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