Hebammen klagen über schlechte Arbeitsbedingungen
„Irgendwie den Notstand wuppen“

Geübte Hände tasten über den riesigen Babybauch, fühlen den Rücken, die Hände und Füße und das Köpfchen unter der Bauchdecke. „Er hat sich nochmal gedreht“, sagt Hebamme Beatrice Tönnemann-Kolatzki und beruhigt gleich wieder, als sie bei der werdenden Mutter auf dem Bett vor ihr Stirnrunzeln bemerkt: „Die meisten Babys kommen über links, er bereitet sich schon mal vor.“

Freitag, 04.05.2018, 11:55 Uhr aktualisiert: 05.05.2018, 11:06 Uhr
Hebamme Beatrice Tönnemann-Kolatzki hört nach den Herztönen des Babys einer Frau, die im Neunten Monat ist. Aufgrund des Hebammen-Mangel gehen immer mehr Schwangere in ein Geburtshaus
Hebamme Beatrice Tönnemann-Kolatzki hört nach den Herztönen des Babys einer Frau, die im Neunten Monat ist. Aufgrund des Hebammen-Mangel gehen immer mehr Schwangere in ein Geburtshaus Foto: dpa

Tönnemann-Kolatzki ist Gründerin des Geburtshauses in Münster und kann sich heute Zeit nehmen für Anna, die in rund drei Wochen dort ihr zweites Kind zur Welt bringen will. „Ich wollte nicht wieder in die Klinik. Dort ist es irgendwie anonym. Und so voll“, erinnert sie sich an ihre erste Geburt. Im Geburtshaus hofft sie nun auf Rundum-Betreuung.

Die persönliche Nähe zu den Hebammen erfährt sie schon jetzt bei der Begleitung durch die Schwangerschaft. „Wir können hier bei einer regelgerechten Geburt anbieten, was die meisten Kolleginnen in den Kliniken überhaupt gar nicht mehr leisten können: Zeit und persönliche Atmosphäre“, sagt Tönnemann-Kolatzki.

Unterbesetzte Schichten, Überlastung und miese Arbeitsbedingungen

Dass zu viele werdende Mütter in den Kreißsälen auf ganz andere Bedingungen stoßen, beklagt der Hebammenverband NRW nicht nur zum Internationalen Tag der Hebammen am heutigen Samstag: In den vergangenen Monaten seit Herbst hätten knapp 30 Kreißsaalteams den Berufsverband um Unterstützung gebeten, schildert Vorsitzende Barbara Blomeier.

Die Gründe seien immer wieder gleich: Unterbesetzte Schichten, Überlastung und miese Arbeitsbedingungen, die Hebammen zwischen Kreißsaal, Wochenbettstation und OP hin und her hetzen ließen. „Sie können Pausen nicht nehmen, werden aus dem Frei gerufen, schieben Überstunden und versuchen, irgendwie den Notstand zu wuppen, bis das System endgültig zusammenbricht“, schildert sie.

Kreißsaalsterben in NRW

Dahinter steckt Fachleuten zufolge das Kreißsaalsterben im Land: Nur noch rund 150 geburtshilfliche Abteilungen in Nordrhein-Westfalen schultern die steigende Geburtenrate, berichtet Nicola Bauer , Hebammenwissenschaftlerin an der Bochumer Hochschule für Gesundheit (HSG). Zwischen 2008 und 2017 wurden laut nordrhein-westfälischem Gesundheitsministerium 42 Geburtshilfen geschlossen.

Die Folge seien überlastete Geburtskliniken, überarbeitete Hebammen, die frustriert den Job an den Nagel hängten. „Muss eine Hebamme drei oder vier Frauen gleichzeitig betreuen, kann sie nur das Nötigste tun“, sagt Bauer. Viele Frauen seien daher bis kurz vor der Geburt auf sich allein gestellt. In Kliniken mit besonderem Ansturm schrieben Hebammen reihenweise Überlastungsanzeigen, weil sie sich nicht immer in der Lage sähen, die Sicherheit von Mutter und Kind zu garantieren. Immer wieder müssten Kliniken Frauen in den Wehen abweisen. „Diese Situation ist weder für die Frauen und Familien noch für die Hebammen hinnehmbar“, sagt Bauer. Zahlreiche Hebammenjobs an den Kliniken seien unbesetzt – und das obwohl bundesweit rund 500 Absolventen des Berufs pro Jahr nachwüchsen.

Hebamme Tönnemann-Kolatzki ist froh, dass Sie in ihrem Geburtshaus einen Weg gefunden hat, ihren Job wieder so zu machen, wie sie ihn sich als Schülerin vorgestellt hat. Rechnen muss jedoch auch sie: Hohe Haftpflichtprämien zwingen die im Geburtshaus tätigen Hebammen zu einer Vollzeitstelle. „Und Überstunden oder die Ausbildung unserer Hebammenschülerinnen zahlt uns keiner“, sagt sie.

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