Landtag beschließt Rückkehr zum G9-Abitur
NRW geht neue, alte Wege

Düsseldorf -

Nach monatelangen intensiven Diskussionen ist das eine Überraschung: Die Rückkehr zum Abitur nach neun Gymnasialjahren (G9) am Ende der Klasse 13 hat der Landtag ohne Gegenstimmen beschlossen. Ihre Kritik an einzelnen Aspekten erneuerten Redner von SPD, Grünen und AfD zwar auch am Mittwoch – aber die von CDU und FDP eingeleitete Rückkehr zu G9 finden alle Fraktionen richtig, die Opposition enthielt sich deshalb.

Mittwoch, 11.07.2018, 19:00 Uhr aktualisiert: 11.07.2018, 19:53 Uhr
Die Schülerinnen und Schüler werden ab dem Schuljahr 2019 wieder mehr Zeit bis zum Abitur erhalten.
Die Schülerinnen und Schüler werden ab dem Schuljahr 2019 wieder mehr Zeit bis zum Abitur erhalten. Foto: dpa

Ab dem Schuljahr 2019/20 sollen die Gymnasiasten im Regelfall wieder ein Jahr mehr Zeit bis zum Abitur haben. Für die notwendigen Investitionen in neue Klassenräume will das Land den Kommunen 518 Millionen Euro erstatten, ebenso werden jährliche Kosten erstattet. „Damit haben die Schulen ein weites Stück Planungssicherheit“, sagt Ministerin Yvonne Gebauer ( FDP ).

► Die Leitentscheidung: Die Rückkehr zu G9 gilt automatisch für alle Gymnasien, es sei denn, die Schulkonferenz entscheidet sich zu Beginn des kommenden Schuljahres bewusst für den Verbleib bei G8. Sie habe damit erfolgreich arbeitende Gymnasien nicht zum Wechsel zwingen wollen, verteidigte sich Gebauer gegen die Kritik der Opposition, die einen ständigen Unruheherd und Erschwernisse bei einem Umzug befürchtet. Für G8-Gymnasien soll es eine Förderung geben.

► Die Umsetzung: Als erster Jahrgang sollen die in diesem Jahr an den Gymnasien beginnenden Fünftklässler 2027 das Abitur nach neuem Muster ablegen. Sie durchlaufen wieder eine bis zur Klasse 10 dauernde Mittelstufe mit insgesamt 180 Pflichtwochenstunden, damit könnte G9 auch ohne Unterricht am Nachmittag umgesetzt werden. Unter G8 mussten in der Mittelstufe bis Ende der neunten Klasse 163 Wochenstunden gegeben werden. Die zweite Fremdsprache startet in der siebten Klasse. Am Ende von Klasse 10 müssen alle G9-Gymnasiasten die Zentrale Prüfung ablegen und erwerben damit – anders als bisher – die Mittlere Reife.

► Die Kosten: Für den zusätzlichen Raumbedarf durch die längere Schulzeit müssen die Kommunen nach Schätzung zweier Gutachter insgesamt 518 Millionen Euro investieren, die das Land erstattet. Die Summe soll von 2022 bis 2026 in jährlichen Abschlägen überwiesen werden. Zudem muss der Finanzminister einen Ausgleich für jährliche Kosten einplanen – von 2024 bis 2026 je rund vier Millionen Euro, danach je 21,6 Millionen. Ab dem ersten 13er-Jahrgang im Schuljahr 2026/27 werden 2200 neue Lehrer benötigt, das bedeutet Mehrkosten von jährlich 115 Millionen Euro.

► Die nächsten Schritte: Nach den Ferien will Schulministerin Gebauer einen Entwurf für die künftigen Lehrpläne vorlegen. Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik erhalten mehr Gewicht.

Kommentar: Gescheiterter Milliardenversuch

Mit der Rückkehr zu G9 zieht der Landtag den Schlussstrich unter eine quälend lange Auseinandersetzung über das Turbo-Abitur. Dessen überhasteter Start, begleitet von vielen Problemen im Schulalltag und nicht zuletzt der von Schülern und Eltern sehr negativ empfundene Zeitdruck haben die Akzeptanz schnell schwinden lassen. In der Bilanz steht das flächendeckende G8-Abi als gescheiterter milliardenschwerer Schulversuch. Nicht nur in NRW.

Bleibt zu hoffen, dass die Entscheidung für oder gegen einen G8-Sonderweg nicht zu zusätzlicher Unruhe an den Gymnasien führt. Denn mit sieben Übergangsjahren und vielen notwendigen Änderungen müssen die schon jetzt buchstäblich genügend Baustellen bewältigen. Für neue politische Volten bleibt da keine Luft mehr. Das müssen alle Schulpolitiker beherzigen. Hilmar Riemenschneider

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