Abschied vom Bergbau
Die Zechen gehen, die Werte bleiben

Düsseldorf -

Der lange Abschied von den Zechen steht kurz vor dem Ende. „Kein Bergmann fällt ins Bergfreie.“ Genau 50 Jahre alt ist dieser Satz, der längst zum politischen Allgemeingut geworden ist. Er gilt noch heute.

Donnerstag, 13.09.2018, 10:06 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 13.09.2018, 10:06 Uhr
Der Ruhrkohle-Chor singt während der Festveranstaltung im nordrhein-westfälischen Landtag. Redner würdigten nachher die Rolle des Bergbaus für das ganze Land.
Der Ruhrkohle-Chor singt während der Festveranstaltung im nordrhein-westfälischen Landtag. Redner würdigten nachher die Rolle des Bergbaus für das ganze Land. Foto: dpa

Gesagt hat ihn der damalige Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie ( IGBE ), Adolf Schmidt, als 1968 die Ruhrkohle AG gegründet wurde und ein empfindlicher Personalabbau in den Zechen bevorstand. Am Mittwoch erinnert dessen Nachfolger, IGBCE-Chef Michael Vassiliadis , voller Stolz an diesen Satz: Er gilt noch 50 Jahre später bis zu dem Jahr, in dem der Steinkohlebergbau in NRW endgültig ausläuft. Mit einem Festakt würdigt der Landtag diesen Einschnitt – „Zäsur“ nennt ihn Vassiliadis.

Wie er erinnern auch die anderen Redner, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet , Saar-Ministerpräsident Tobias Hans und Landtagspräsident André Kuper, daran, wie sehr die Steinkohle Land, Wirtschaft und Gesellschaft geprägt hat. Die Bergleute hätten ebenso Werte und Traditionen geschaffen, die es gerade in der aktuellen Debatte über Migration zu erhalten gelte, mahnt Vassiliadis: Bis heute habe der Gewerkschaftsslogan „Mach meinen Kumpel nicht an“ seine Relevanz behalten.

Die Zechen gehen – die Werte bleiben. Dieses Erbe bekräftigt Ministerpräsident Laschet, selbst Sohn eines Bergmanns: Die Frage nach dem religiösen Bekenntnis habe unter Tage nicht gezählt. „Keiner hat gefragt: Gehört der Islam zu Deutschland? Sondern kann ich mich auf dich verlassen?“ Sein saarländischer Kollege Tobias Hans schlägt den gleichen Bogen in die Diskussion über Migration und Flüchtlinge: „Der aufrechte Bergmann war niemand, der national gedacht hat. Das war ein Bergmann der integriert hat.“ Bergleute hätten unter Tage zusammengestanden, egal ob jemand aus dem Nachbarort oder einem fernen Land stammte. Eine Tugend, die auch außerhalb der Zeche gegolten habe.

Es sind diese Passagen, in denen die AfD-Abgeordneten nicht klatschen, alle anderen Zuhörer – auch die 120 Bergleute auf der Besuchertribüne – nehmen sie dankbar auf. Im Plenarsaal sitzen unter den Abgeordneten drei ehemalige Ministerpräsidenten – Jürgen Rüttgers, Wolfgang Clement und Hannelore Kraft. Peer Steinbrück fehlt. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck ist gekommen, neben ihm die Präses der Evangelischen Kirchen Westfalen und Rheinland, Annette Kurschus und Manfred Rekowski.

Sie alle erleben, wie der mit Grubenlampen einziehende Ruhrkohle-Chor begleitet vom Salonorchester Münster mit „Glückauf dem Bergmannsstand“, dem Fußball-Hit „You‘ll Never Walk Alone“ und natürlich dem „Steiger-Lied“ Melancholie in fröhliche Zuversicht münden lässt. Denn es gibt auch den nachdenklichen Blick zurück: Laschet und Hans beschreiben, wie die Steinkohle NRW und das Saarland geprägt hat. Und wie die Saar-Bergleute 2012 in Ibbenbüren Fuß fassen mussten, wofür Hans den Ibbenbürenern ausdrücklich dankt. „Mit der Geschichte der Steinkohle wird auch eine europäische Geschichte erzählt“, lenkt Kuper den Blick auf die europäische Dimension. Die hebt auch Laschet hervor: „Dieses europäische Erfolgs- und Friedensprojekt dürfen wir uns in diesen Tagen nicht kaputt machen lassen.“

Das Vertrauen der Bergleute in das Gelingen des Strukturwandels verbindet Vassiliadis mit Stolz. „Wir können eine ganze Menge, wir machen aber nicht alles.“

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