In Xanten bauen Schiffsbauer römische Bootstypen nach
Koloss mit großer Anmut

Stundenlang hat Kees Sars die Fotos des Reliefs betrachtet und sich dabei wieder einmal wie ein Handwerker gefühlt, der sich auf das Puzzeln spezialisiert hat.

Sonntag, 16.09.2018, 10:00 Uhr
Veröffentlicht: Sonntag, 16.09.2018, 10:00 Uhr
Wie damals in römischen Zeiten:Der Nachbau der „Minerva Tritonia“ gleitet majestätisch über den Fluss.
Wie damals in römischen Zeiten:Der Nachbau der „Minerva Tritonia“ gleitet majestätisch über den Fluss. Foto: LVR/Olaf Ostermann

Auf den Fotos ist ein Boot in der Profilansicht zu sehen – das sieht zwar gut aus, hilft aber einem Schiffsbaumeister nicht weiter, wenn der gerade wissen muss, wie ein römischer Kollege vor rund 1800 Jahren den vorderen Teil des Bugs gestaltet hat. „Sehen Sie“ – Sars wendet sich von der Fotografie ab und dem Schiffsnachbau zu, den er vor einer Weile abgeschlossen hat – „hier war bei dem Wrack, das in der Nähe von Mainz gefunden wurde, ein Loch im Holz, das größer als die anderen war.“

Was mögen sich die Römer gedacht haben?

Wochenlang recherchierte der 56-Jährige und versuchte dabei, die Gedankengänge der römischen Schiffsbauer zu ergründen. Was mochten sie sich dabei gedacht haben, ein besonders großes Loch für die Eisennägel zu bohren? Heute ist er sich nahezu 100-prozentig sicher, dass der Vorsteven und damit der Balken, an dem die Bordwände zusammenlaufen, abnehmbar war. Ganz schön kunstfertig, diese römischen Experten.

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DIe Römer haben ausschließlich Eisennägel verwendet, um ihre Holzschiffe zu bauen. Foto: LVR-Zentrum für Medien und Bildung

Sars ist der handwerkliche Kopf eines Projekts, auf das die Mitarbeiter des Archäo­logischen Parks in Xanten sehr stolz sind. Seit 2014 bauen der Niederländer und sein Team auf dem Museums­gelände Schiffe nach römischer Art. Boote, deren Originale über den Rhein und die Lippe glitten und all das an den Niederrhein brachten, was die Bewohner der Colonia Ulpia Traiana zum Leben brauchten – oder was sie glaubten zu brauchen. Wein beispielsweise, erlesene Gewürze und sonstiger Luxus.

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Seit Jahren ein Team: Archäologin Dr. Gabriele Schmidhuber und Schiffsbaumeister Kees Sars Foto: ash

Die Colonia, benannt nach Kaiser Marcus Ulpius Traianus, gehörte zu den wichtigsten Stützpunkten des Römischen Reichs an der Rheingrenze. 12 000 Soldaten lebten dort seit zirka 100 nach Christus und mit ihnen Handwerker, Kaufleute und Reedereibesitzer, Zivilisten also, denen es auch im kalten Winter an nichts fehlen sollte.

Dr. Gabriele Schmidhuber ist so tief in die Geschichte der Xantener Siedlung eingetaucht, dass sie sich pro­blemlos im Alltag dieser Zeit zurechtfinden könnte. Die Archäologin leitet das Projekt, zu dem neben dem Schiffsbau auch eine Tischlerei gehört, in der Stefan Haupt Möbel aus der Blütezeit des Römischen Reichs nachbaut. Mit dem Tischlermeister zusammen arbeiten Auszubildende und immer wieder auch Prakti­kanten, die aus Einrichtungen für Menschen mit einer Be­hinderung für eine Weile nach Xanten kommen.

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Ein Einbaumschiff: Um es nachzubauen, brauchte der Schiffsbaumeister eine 230 Jahre alte Eiche aus Dänemark. Foto: Olaf Ostermann

Sars informiert die Archäologin gerade über den aktuellen Stand des dritten Nachbaus, an dem er für das ­Museum arbeitet. Auch für dieses Schiff steht ein Wrackfund aus der Nähe von Mainz Modell. 24 Ruderer hatten auf dem Boot Platz. Schmidhuber datiert es in die Spätantike und damit in eine Zeit, in der das Leben für die Römer am Rhein längst nicht mehr gemütlich war. Über die Lippe hinweg mussten sie immer wieder mit An- und ­Übergriffen der Germanen rechnen. „Es war kein Kampfschiff“, erklärt die Archäo­login. Die Männer hatten ­Ausschau zu halten und so schnell wie möglich Alarm zu schlagen. „Lusorie“ nannte sich diese Art von Schiffstyp.

Die Boote kommen den Originalen sehr nahe

Sars fährt dabei mit seinen Händen über das Schiffs­skelett und hat wieder einmal Gelegenheit, das handwerk­liche Geschick römischer Schiffsbauer zu bewundern. Das Skelett ruht auf einer Schablone, die jederzeit für ein weiteres Schiff verwendet werden konnte. „Die Römer haben in Serie gebaut“, erzählt Sars. Das ist verbrieft. Bei vielen anderen Details sind der Schiffsbauer und die Archäologin jedoch auf logische Schlussfolgerungen angewiesen. „Wir sagen nie, dass ­unsere Boote exakt so wie die der Römer ausgesehen haben“, erklärt Schmidhuber. Dem Original sehr nah dürften sie aber auf jeden Fall kommen.

Zum Thema: Der Park

Der Archäologische Park in Xanten ist Deutschlands größtes archäologisches Freilichtmuseum. Die Arbeiten in der Werft sind voraussichtlich noch bis Ende November immer montags bis freitags von 11 bis 18 Uhr zu ­sehen. auch am Wochenende kann die Werft besichtigt werden.

Öffnungszeiten des Parks:von März bis Oktober täglich 9 bis 18 Uhr, im November täglich 9 bis 17 Uhr, von Dezember  bis Februar täglich 10 bis 16 Uhr.

Eintritt: Erwachsene 9 Euro, Kinder unter 18 Jahren haben freien Eintritt.

www.apx.lvr.de

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Meister haben diese Boote gebaut

Wenn sich Niederländer mit Gästen des Museums unterhält und ihnen die Schiffstypen erklärt, fällt fast immer diese Frage: „Welches Schiff gefällt ihnen am besten?“ Die Antwort ist stets gleich – die ­„Minerva Tritonia“, „Wenn man sie sieht, dann kann man verstehen, dass es wirklich Meister waren, die diese Boote gebaut haben.“ Es ist nicht nur der abnehmbare Vorsteven, der ihn beeindruckt. Die Kon­struktion des Lastenseglers imponiert ihm insgesamt. Wie eine Wanne fest im Wasser liegend und trotzdem elegant mit einem Segel, das aus 56 Quadratmetern Stoff bestand. Das Museumsteam hat es auf der Lippe getestet. Ein Koloss mit großer Anmut.

Den meisten Mitarbeitern des Museums dürfte ein anderes Boot mehr am Herzen liegen. Ganz in der Nähe von Xanten fanden Bauarbeiter im Jahre 1991 Teile des Originals. „Es war verblüffend gut er­halten“, erzählt die Archäologin. Ein Plattbodenschiff, dessen Jahresringe eine zeitliche Einordnung möglich machten: 100 nach Christus ist es entstanden und verkehrte auf dem Rhein, um den Menschen im Außenposten Lebensmittel zu bringen und Steine, mit denen die öffentlichen Gebäude der Stadt gebaut wurden. Zehn Tonnen Last trug es. Auf dem Rhein dürften viele solcher Plattbodenschiffe verkehrt haben, der geringe Tiefgang machte sie wie geschaffen für die Flussfahrt.

Die Tricks der Römer müssen enträtselt werden

Im Museum ist das Original zu sehen, und in der Werkstatt wird der Nachbau wohl immer einen Ehrenplatz einnehmen. Mit dem robusten Schiff begann schließlich das Projekt Bootsnachbau. Wie lange das Team noch bauen wird, ist ungewiss. Es hat sich vorgenommen, die sechs bekanntesten Bootstypen nachzukonstruieren. Und wie man die Römer kennt, haben sich die Schiffsbauer damals bestimmt einige Tricks einfallen lassen, die im Hier und Jetzt erst einmal enträtselt werden müssen.

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