Hambacher Forst
Triumph und Wut der Kohlegegner - 50.000 bei Anti-Kohle-Protest

Kerpen -

Am Tag nach dem Etappensieg für den Hambacher Forst feiern Tausende. In den Stunden des Triumphs gibt es auch viel Wut über die nordrhein-westfälische Landesregierung.

Samstag, 06.10.2018, 17:17 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 06.10.2018, 17:15 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 06.10.2018, 17:17 Uhr
Hambacher Forst: Triumph und Wut der Kohlegegner - 50.000 bei Anti-Kohle-Protest
Teilnehmer der Demonstration zum Thema «Wald retten! Kohle stoppen!» gegen die Rodungspläne von RWE für den Hambacher Wald stehen auf einem Acker neben dem Wald. Foto: dpa

Die Stunden des Triumphs finden auf einem staubigen Acker anstelle im Rheinischen Tagebaurevier statt. Die Sonne scheint. In der Ferne ist der uralte Hambacher Forst zu sehen. Daneben blitzt der Krater des Braunkohletagebaus Hambach auf. 50.000 Menschen sind am Samstag aus ganz Deutschland zum Protest von Umweltverbänden wie BUND und Greenpeace gekommen. „Das ist der größte Anti-Kohle-Protest, den es bisher gegeben hat“, ruft eine junge Frau von einer Bühne begeistert in die Menge. Und aus dieser brandet stakkatohaft der Ruf auf: „Hambi bliebt, Hambi bleibt, Hambi bleibt!“

Es ist der bunte und fröhliche Abschluss dramatischer Wochen im Hambacher Forst: Am Freitag zuletzt die überraschende Eilentscheidung des Oberverwaltungsgerichts Münster, dass der Energiekonzern RWE in dem uralten Wald vorerst keine weiteren Bäume abholzen darf - bis zu einer Gerichtsentscheidung über eine Klage des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Davor die wochenlange Räumung von Baumhäusern junger Waldbesetzer, mit einem Großaufgebot der Polizei: Beamte mit Helmen und Schutzschilden. Und einem Toten.

Streitpunkt 'Hambacher Forst' - Ein Überblick

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  • Die Polizei beginnt am 13.11.2012 mit der Räumung des Waldbesetzer-Camps im Hambacher Forst am Braunkohletagebau Hambach. Mehrere Hundertschaften sind nach Polizeiangaben auf dem Gelände bei Kerpen-Buir im Einsatz. Ziel sei ein friedliches Ende der illegalen Besetzung des Geländes, teilte die Polizei mit. Die Umweltaktivisten hatten seit April des Jahres ein Waldstück im Hambacher Forst besetzt. Sie wollten damit gegen den «Klimakiller Braunkohle» protestieren.

    Foto: Ralf Roeger/dpa
  • Ein Mann steht am 13.11.2012 im Waldbesetzer-Camp im Hambacher Forst auf einem Seil zwischen Bäumen. Er versucht weiterhin eine friedliche Stimmung zu bewahren.

    Foto: Ralf Roeger/dpa
  • Hilfskräfte stehen am 16.11.2012 im Hambacher Forst vor einem Erdloch, in dem sich ein ungefähr 25 Jahre alter Mann eingegraben hat. Ein Umweltaktivist will trotz Einsturzgefahr weiter sechs Meter tief unter der Erde ausharren. Die Polizei versucht, ihn auszugraben, aber das erweist sich zunehmend als schwierig. 

    Foto: Ralf Roeger/dpa
  • Aktivisten bauen am 19.03.2013 im Hambacher Forst wieder neue Baumhäuser. 

    Foto: Ralf Roeger/dpa
  • 12.03.2015 - Münster: Das Gebäude des nordrhein-westfälischen Oberverwaltungsgerichts und Verfassungsgerichtshofes. Im Streit um die geplanten Rodungen im Hambacher Forst hat der Energiekonzern RWE nach Einschätzung des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Münster die Notwendigkeit für die Versorgungssicherheit nicht belegt.

    Foto: Bernd Thissen/dpa
  • Berittene Polizisten stehen am 11.04.2016 vor dem Lager von Umweltaktivisten im Hambacher Forst. Im Konflikt um den Braunkohletagebau Hambach ist die Polizei mit einer Razzia gegen Umweltaktivisten vorgegangen. Die Beamten durchsuchten das Camp der Aktivisten und feste Räumlichkeiten der Tagebaugegner in Düren-Gürzenich im Rheinischen Revier, wie die Polizei mitteilte. 

    Foto: Ralf Roeger/dpa
  • Ein Beil und eine Maske, die bei Umweltaktivisten sichergestellt wurden, liegen am 02.08.2016 in Aachen im Polizeipräsidium auf dem Tisch. Umweltaktivisten im Hambacher Forst gehen nach Angaben der Polizei mit steigender Kriminalität gegen den Braunkohle-Tagebau vor.

    Foto: Oliver Berg/dpa
  • Polizeibeamte stehen am 28.11.2016 im Hambacher Forst. Unter massiver Polizeipräsenz beginnen nun die umstrittenen Rodungsarbeiten, die Tagebaubetreiber RWE auf ein Gebiet südlich der ehemaligen Trasse der Autobahn 4 ausgeweitet hat.

    Foto: Henning Kaiser/dpa
  • Ein Fahrzeug des Energiekonzerns RWE liegt am 30.11.2016 im Hambacher Forst (Nordrhein-Westfalen). Nach einem folgenschweren Angriff auf ein RWE-Fahrzeug im Braunkohlegebiet am Hambacher Forst hat die Polizei mehrere Verdächtige vorläufig festgenommen. Unbekannte hatten nach Polizeiangaben am Mittwochmorgen das vorbeifahrende Fahrzeug des Energiekonzerns auf einer Landstraße mit Steinen beworfen. Der Fahrer verlor die Kontrolle und das Fahrzeug überschlug sich mehrmals. Vier Insassen wurden leicht verletzt. 

    Foto: dpa
  • Ein Aktivist im Hambacher Forst klettert am 15.10.2017 bei Morschenich (Nordrhein-Westfalen) während der 42. Waldführung zu einem Baumhaus. Am darauffolgenden Freitag soll in Köln vor dem Verwaltungsgericht das Urteil im Rechtsstreit um die Zukunft des Braunkohletagebaus Hambach verkündet werden.

    Foto: Roland Weihrauch/dpa
  • Polizisten und Demonstranten stehen sich am 27.11.2017 im Hambacher Forst gegenüber.Dort haben die umstrittenen Rodungsarbeiten begonnen. Rund 200 Demonstranten aus der Waldbesetzer-Szene versuchen diese zu verhindern. 

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Gefällte Bäume liegen am 29.11.2017 im Hambacher Forst, während im Hintergrund eine Braunkohlebagger im Tagebau zu sehen ist. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat die umstrittenen Rodungen im Hambacher Wald vorerst gestoppt.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • 29.11.2017, Nordrhein-Westfalen, Hambach: Umweltschützer des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) halten im Hambacher Forst ein Transparent mit der Aufschrift «Klima schützen! Wald retten! Kohle stoppen!». Der Energiekonzern RWE hält geplante Rodungen im Hambacher Forst hingegen für «zwingend erforderlich».

    Foto: Marius Becker/dpa
  • 21.03.2018, Hambacher Forst: Unter Polizeischutz beseitigen Mitarbeiter von RWE die Barrikaden auf Waldwegen, die von Umweltaktivisten errichtet wurden.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • 19.06.2018, Berlin: Hubert Weiger, Vorsitzender vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), und Mitglied der Kohlekommission, spricht bei einer Pressekonferenz. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat einen vorläufigen Rodungsstopp im Hambacher Forst verfügt. Die Richter entsprachen damit am Freitag in einem Eilverfahren dem Antrag des Umweltverbandes BUND.

    Foto: Britta Pedersen/dpa
  • 29.06.2018, Düsseldorf: Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, während einer Pressekonferenz. NRW-Innenminister Reul hat die umstrittene Räumung der Baumhäuser von Umweltschützern und Braunkohlegegnern im Hambacher Forst verteidigt. «Jetzt sind da Menschen, die haben auf fremden Gelände schwarz gebaut, beachten keine Bauvorschrift, keine Brandvorschrift, wehren sich auch noch, sind kriminell, greifen noch Polizisten an, also werden straffällig, und da soll ich nicht eingreifen?», sagte Reul am Freitag im Deutschlandfunk. 

    Foto: Roland Weihrauch/dpa
  • 29.08.2018, Berlin: Beschäftigte im Braunkohlerevier Hambacher Forst nehmen vor dem Bundeswirtachftsministerium an einer Demonstration «Schnauze voll von Gewalt» gegen radikale Umwelt-Aktivisten zu Beginn der Sitzung der Kommission zur Vorbereitung des Kohleausstiegs teil. Die Kommission «Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung» soll im Herbst Vorschläge für den Strukturwandel in den Kohleregionen vorlegen und bis Ende des Jahres einen Ausstiegspfad inklusive Enddatum vorlegen. 

    Foto: Wolfgang Kumm/dpa
  • 29.08.2018, Morschenich: Eine mit einer Drohne erstellte Luftaufnahme zeigt den Braunkohletagebau Hambach (links) und den Hambacher Forst (rechts).

    Foto: Henning Kaiser/dpa
  • 05.09.2018, Kerpen: Mitarbeiter von RWE räumen ein Camp von Umweltaktivisten. Die Polizei und der Energiekonzern RWE haben begonnen den Hambacher Forst zu räumen. 

    Foto: Jana Bauch
  • 05.09.2018, Kerpen: Kletterer der Polizei versuchen einen Umweltaktivisten, der an einem Holzpfahl im Hambacher Forst hängt, festzunehmen. Wenige Wochen vor einer möglichen Rodung im Hambacher Forst hat der Energiekonzern RWE unterstützt von einem großen Polizei-Aufgebot Barrikaden in dem Wald weggeräumt.

    Foto: Henning Kaiser/dpa
  • 06.09.2018, Kerpen: Mitarbeiter des Energiekonzerns RWE schützen sich im Hambacher Forst mit Schildern und einem Regenschirm vor den Umweltaktivisten, die mit Fäkalien und Anderem werfen. Die Polizei und der Energiekonzern RWE führen die Räumungsarbeiten im Hambacher Forst fort. 

    Foto: Christophe Gateau/dpa
  • 06.09.2018, Kerpen: Zwei Räumungspanzer der Polizei stehen auf einer Straße im Hambacher Forst.

    Foto: Christophe Gateau/dpa
  • 07.09.2018, Kerpen: Der Aktivist Jan Pütz von der "Aktion Unterholz" nimmt an einer Demonstration für den Erhalt des Hambacher Forstes teil . Nach den Räumaktionen des Energiekonzerns RWE im Hambacher Forst haben die Aktivisten massive Proteste angekündigt.

    Foto: Henning Kaiser/dpa
  • 08.09.2018, Kerpen: Aktivisten haben im Hambacher Forst Baumhäuser gebaut, die durch Brücken miteinander verbunden sind. 

    Foto: Christophe Gateau/dpa
  • 08.09.2018: Nordrhein-Westfalen, Kerpen: In einer Lehmhütte im Aktivistencamp im Hambacher Forst wurde von der Polizei ein Keller mit Beton zugeschüttet. 

    Foto: Christophe Gateau/dpa
  • 09.09.2018, Kerpen: Michael Zobel (rechts), Umweltschützer und Naturführer, führt die Besucher im Hambacher Forst durch die Aktivistencamps. Auch am zweiten Tag des von Klimaaktivisten angekündigten "Wochenende des Widerstands" im Hambacher Forst ist die Situation zunächst friedlich geblieben. 

    Foto: Christophe Gateau/dpa
  • 12.09.2018, Kerpen: Umweltaktivisten haben im Hambacher Forst erneut Barrikaden gebaut. 

    Foto: Christophe Gateau/dpa
  • 13.09.2018, Kerpen: Mit einem massiven Polizeiaufgebot haben die Behörden im Braunkohlerevier Hambacher Forst damit begonnen, die Baumhäuser der Umweltaktivisten zu räumen. Hier seilen Polizisten einen der Aktivisten aus einem Baumhaus ab. Der Demonstrant hatte sich mit einer Vorrichtung in dem Haus befestigt. 

    Foto: Henning Kaiser/dpa
  • 13.09.2018, Kerpen: Polizisten stehen im Hambacher Forst an einer von den Aktivisten errichteten Barrikade.

    Foto: Oliver Berg/dpa
  • 14.09.2018, Kerpen: Ein Polizist steht im Hambacher Forst vor einem von Aktivisten gebauten Haus. Eine Nebelgranate ist vorher von Aktivisten geschmissen worden. Die Räumung im Hambacher Forst wird fortgesetzt. 

    Foto: Marcel Kusch/dpa
  • 15.09.2018, Kerpen: Ein Polizist auf einem Pferd reitet auf die demonstrierenden Menschen am Hambacher Forst zu. Polizisten verhindern das Eindringen von Demonstranten in das «Gefahrengebiet Hambacher Forst», in dem die Räumung von Baumhäusern der Braunkohlegegner fortgesetzt wird. Jana Bauch/dpa

    Foto: Jana Bauch/dpa
  • 16.09.2018, Kerpen: Teilnehmer einer Demonstration am Hambacher Forst tragen Baumsetzlinge die sie auf dem gerodeten Teil des Forstes anpflanzen wollen. Die Demonstranten konnten nur über Äcker und Wege am Rande des Waldes laufen. 

    Foto: Henning Kaiser/dpa
  • 19.09.2018, Kerpen: Polizisten und Notärzte bringen einen Journalisten zu einem Krankenwagen, der von einem Baumhaus im Hambacher Forst gefallen ist. Während der großen Räumungsaktion im rheinischen Braunkohlerevier Hambacher Forst ist ein Journalist abgestürzt und hat tödliche Verletzungen erlitten. Der Mann war durch eine Hängebrücke gebrochen und etwa 15 Meter in die Tiefe gestürzt.

    Foto: Christophe Gateau/dpa
  • 20.09.2018, Kerpen: Aktivisten trauern an der Unfallstelle im Hambacher Forst. Während der großen Räumungsaktion im rheinischen Braunkohlerevier Hambacher Forst ist ein Journalist aus einem Baumhaus abgestürzt und hat tödliche Verletzungen erlitten. 

    Foto: Oliver Berg/dpa
  • 26.09.2018, Kerpen: Aktivisten, die mit einer Sitzblockade protestieren, werden mit Essen versorgt. Polizisten stehen im Hintergrund. Im westdeutschen Braunkohlegebiet Hambacher Forst haben die Behörden die Räumung des Waldes fortgesetzt. Am Mittwoch, dem 26.09.2018, begann die Polizei mit der Räumung des nächsten Baumhausdorfes.

    Foto: David Young/dpa
  • 26.09.2018, Kerpen: "Moop Mama" gibt spontan Konzert im Lorien Kamp. Die 10 Köpfige Brassband aus München trat vor ca. 200 Personen auf. Im westdeutschen Braunkohlegebiet Hambacher Forst haben die Behörden die Räumung des Waldes fortgesetzt. 

    Foto: David Young/dpa
  • 28.09.2018, Kerpen: Polizisten führen im Hambacher Forst eine der letzten verbliebenen Aktivisten ab. Umweltschützer protestieren im Hambacher Forst dagegen, dass der Energiekonzern RWE weite Teile des Waldes roden und die Braunkohleförderung fortsetzen will. 

    Foto: David Young
  • 30.09.2018, Kerpen-Manheim: Teilnehmer bauen beim Protestspaziergang gegen die Rodung des Hambacher Forsts im Wald Neue Barrikaden aus Holz. Seit Monaten steigt die Zahl der Teilnehmer an dem Protest, an dem auch Familien mit Kindern teilnehmen.

    Foto: Caroline Seidel/dpa
  • 01.10.2018, Köln: Andreas Büttgen, Sprecher der Initiative "Buirer für Buir", Dirk Jansen, Geschäftsführer des BUND Nordrhein-Westfalen, Sweelin Heuss, Geschäftsführerin von Greenpeace, Christoph Bautz, Geschäftsführender Vorstand von Campact, und Uwe Hiksch, Bundesvorstand der NaturFreunde Deutschlands, äußern sich auf einer Pressekonferenz zu der am 06.10.2018 geplanten Großdemonstration im Hambacher Forst.

    Foto: Oliver Berg/dpa
  • 05.10.2018, Kerpen: Am Rand des Hambacher Forstes wurde als Abgrenzung ein Graben gegraben und ein Wall aufgeschüttet. Das Oberverwaltungsgericht Münster hat einen vorläufigen Rodungsstopp im Hambacher Forst verfügt. Die Richter entsprachen damit am Freitag in einem Eilverfahren dem Antrag des Umweltverbandes BUND. 

    Foto: Christophe Gateau/dpa
  • 05.10.2018, Kerpen: Ein Loch in einem Baum im Hambacher Forst ist mit einer Plastikfolie zugetackert. Da Loch gilt als mögliche Unterkunft von Fledermäusen und war auf Veranlassung von RWE mit Plastik verschlossen worden. Die Rodung des Waldes wurde vom Oberverwaltungsgericht Münster vorerst gestoppt. Die Richter entsprachen damit dem Antrag des Umweltverbandes BUND. Dieser hatte argumentiert, dass der Wald mit seinem Bechsteinfledermaus-Vorkommen die Qualitäten eines europäischen FFH-Schutzgebietes habe und deshalb geschützt werden müsse. 

    Foto: Christophe Gateau/dpa

Schweigeminute unterbricht Festivalstimmung

Der junge Journalist, der von einer Hängebrücke aus großer Höhe abstürzte, ist nicht vergessen: In einer Schweigeminute am Samstag weicht die Festivalstimmung der Betroffenheit. Und sie weicht noch einmal der Empörung, dass Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) die Aktivisten gleich danach aufforderte, von den Bäumen zu herunter zu kommen.

Empörung und Wut über die nordrhein-westfälische Landesregierung hat an diesem Tag viele Facetten: „Dass Baurecht für die Räumung missbraucht wurde, das war für mich eine Machtdemonstration. Das hat mich wütend gemacht“, sagt die 50-jährige Düsseldorferin Sandra Shebeika. Die Wut hat sie hergetrieben auf diesen Acker. Die Landesregierung hatte die Baumhäuser nicht für die Braunkohle räumen lassen, sondern erklärtermaßen aus Sicherheitsgründen.

„Ich hatte nicht gedacht, dass Politik von Geld so eingenommen werden kann“

„Ich hatte nicht gedacht, dass Politik von Geld so eingenommen werden kann“, kritisiert eine 63-Jährige, ebenfalls aus Düsseldorf, die schwarz-gelbe Landesregierung. Für ihre Enkelkinder sei sie jetzt hier, für sie will sie den Kohleausstieg. Zu dem Zeitpunkt sind noch Tausende Menschen zu Fuß auf dem Weg zu dem Acker - ein Gericht hatte ein Demonstrationsverbot der Polizei erst am Vortag gekippt.

Uwe Brustmeier läuft mit einem Pappschild um den Hals über das Gelände, mit einer handgeschriebenen Feststellung des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas: „Der Rechtsstaat braucht des Bürgers Misstrauen.“ Brustmeier kennt Menschen, die durch den fortschreibenden Tagebau Hambach vertrieben wurden, ihre Häuser verkaufen und ihre Dörfer verlassen mussten.

Großdemo am Hambacher Forst

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  • Viele Tausend Menschen haben am Samstag den Rodungsstopp für den Hambacher Forst gefeiert und gleichzeitig für den Kohleausstieg demonstriert.

    Foto: Christophe Gateau
  • Die Veranstalter sprachen von 50 000 Teilnehmern, die Polizei - die meist niedriger schätzt - wollte keine Angaben machen.

    Foto: Christophe Gateau
  • „Es ist die mit Abstand größte Demo, die das Rheinische Braunkohlerevier je gesehen hat“, sagte Dirk Jansen, Geschäftsführer des BUND Nordrhein-Westfalen.

    Foto: Christophe Gateau
  • Bei strahlender Sonne herrschte auf den Äckern am Saum des Waldes bei Köln Festivalstimmung mit Reden und Live-Musik.

    Foto: Christophe Gateau
  • Bauern aus dem Rheinischen Tagebaurevier haben am Samstag mit einem Traktoren-Korso gegen die Braunkohle protestiert.

    Foto: Christophe Gateau
  • Bei der Kundgebung wurde aber nicht nur für den Erhalt des 12 000 Jahre alten Waldes demonstriert, sondern auch für einen schnellen Kohleausstieg.

    Foto: Christophe Gateau
  • Das Oberverwaltungsgericht Münster hatte am Freitag einen vorläufigen Rodungsstopp für den Hambacher Forst verfügt. RWE wollte in den kommenden Monaten mehr als die Hälfte des verbliebenen Waldes fällen, um dort Braunkohle abzubauen.

    Foto: Christophe Gateau
  • Die Aktivistengruppe „Ende Gelände“ rief zum Bau neuer Baumhäuser im Hambacher Forst auf.

    Foto: Christophe Gateau
  • Tausende strömten vom Demonstrationsgelände in den Wald, was seit dem Ende der Räumungsarbeiten wieder erlaubt ist. Der Bau neuer Baumhäuser ist dagegen verboten.

    Foto: Tobias Hase
  • Etwa 100 Aktivisten drangen auch in den Tagebau vor. Der Energiekonzern RWE hielt daraufhin zu ihrem Schutz einen der riesigen Bagger an, die dort eingesetzt werden.

    Foto: Christophe Gateau
  • „Wir haben in den letzten Wochen und Monaten einen friedlichen und bürgerlichen Protest gesehen, der immer, immer größer wurde“, sagte Greenpeace-Chef Martin Kaiser.

    Foto: Christophe Gateau

„Wenn man sieht, wie die Menschen ihre Heimat verlieren, fragt man sich, ob das mit dem Rechtsstaat vereinbar ist und das den Kapitalinteressen geschuldet ist“, sagt er. Schon in den 70er Jahren hätte es mit der Kernkraft aus seiner Sicht eine Alternative zur Braunkohle gegeben, mit der Energiewende jetzt erst recht.

Von 50 auf 15.000 Teilnehmer

Es ist der Tag der Kämpfer der ersten Stunde wie Waldführer Michael Zobel und seine Frau Eva. 2014 machte er den ersten Protestspaziergang gegen die drohende Rodung des Waldes - mit 50 Leuten. Zuletzt waren es 15.000. Trotzdem kämpfen sie weiter: „Der Wald ist aus dem Schussfeld, erst einmal. Wir müssen dran bleiben, wir dürfen uns nicht verarschen lassen“, sagt Eva.

Die Polizei hält sich an dem Tag zurück. Selten hat man die Polizisten in den Mannschaftswagen in den letzten Wochen so entspannt gesehen.

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