Großrazzia der NRW-Polizei
Zermürbungsstrategie im Revier: Klare Botschaft an Clans

Bochum/Essen -

In einigen Gebieten des Ruhrgebiets haben angeblich Clans das Sagen. Das will sich das Land nicht bieten lassen. Und ergreift eine ungewöhnliche Maßnahme: Bei einer der größten Razzien gegen kriminelle Familienclans hat die Polizei im Ruhrgebiet Shisha-Bars, Cafés, Spielhallen, Wettbüros und Diskotheken kontrolliert. 

Sonntag, 13.01.2019, 19:34 Uhr
Polizisten haben die Gäste eines Essener Clubs im Blick. 1300 Polizisten waren bei der Razzia im Einsatz. Sie soll die bundesweit größte jemals durchgeführte Razzia gegen Clankriminalität gewesen sein.
Polizisten haben die Gäste eines Essener Clubs im Blick. 1300 Polizisten waren bei der Razzia im Einsatz. Sie soll die bundesweit größte jemals durchgeführte Razzia gegen Clankriminalität gewesen sein. Foto: Jochen Tack / Innenministerium

Sie haben sich aufwendig schick gemacht, manche nur leicht bekleidet, sind in Ausgehlaune. Einige Hundert junge Frauen und Männer feiern so am frühen Sonntagmorgen in einer Großdiskothek in der Essener Nordstadt, als ihnen plötzlich zig Polizeibeamte in schwerer Montur und mit Helm gegenüberstehen und die Party jäh unterbrechen: „Das ist eine Razzia“, sagt einer der ersten Beamten in Zivil, dessen Einheit Sekunden vorher die Türsteher überrumpelt hat.

Keiner der Gäste und Beschäftigten darf die Disko verlassen, niemand hinein. „Provokant – dekadent – extraordinär“, so wirbt der Club für sich. In dieser Nacht geht es um Nüchternes, sehen sich Zoll und Steuerfahndung den laufenden Betrieb an und prüfen die Kasse, angebotene Ware, Arbeitsverhältnisse.

Für eine junge Bankkauffrau ist dies die zweite Begegnung mit der Polizei in dieser Nacht, berichtet sie. Einige Stunden vorher sei sie in die Razzia in einer Shisha-Bar in der Nähe geraten. Was sie erlebt hat, ist die bundesweit bislang größte Aktion gegen kriminelle Clans, die nicht nur mit Kleinkriminalität die Kontrolle über ganze Straßenzüge zu erhalten suchen.

In der Nacht zu Sonntag, als das Geschäft richtig boomt, haben die sechs Polizeipräsidien in Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Recklinghausen rund 1300 Polizeibeamte zusammengezogen, um seit 21 Uhr am Samstagabend reihenweise Shisha-Bars, Cafés, Teestuben und Wettbüros unter die Lupe zu nehmen. Sie gelten als Geschäftsfelder der kriminellen Clans. 300 Ermittler von Zoll, Steuerfahndung und kommunalen Aufsichtsbehörden fühlen ihnen erneut auf den Zahn.

„Verblüffend viel“ sei es, worauf die Beamten in dieser Nacht gestoßen seien, sagt Innenminister Herbert Reul, der sich in dieser Nacht an drei Orten ein eigenes Bild von den Razzien macht. „In Duisburg haben wir eine Shisha-Bar geschlossen, weil da illegale Glücksspiele stattgefunden haben. Es gibt Drogenhandel. Wir haben Personen festgenommen, die auf der Fahndungsliste standen. Wir sind auf unangemeldete Beschäftigte gestoßen.“ Die Aktionen sollten klar signalisieren, „nicht das Gesetz der Familie, sondern das Gesetz des Staates“ zähle.

Essen gilt als ein Hotspot der Clan-Kriminalität. Den massiven Polizeiauftritt in der Disco und andernorts erklärt Essens Polizeipräsident Frank Richter mit Selbstschutz: „Wir haben es teilweise mit sehr aggressiven Personen zu tun, deshalb ist das notwendig in dieser Art und Weise.“ Jede Woche nehme sich die Polizei die Clan-Strukturen vor.

Wie in Bochum startet die Aktion revierweit am Vorabend. Plötzlich rauschen zig Einsatzwagen in die Feiermeile. Drei gut besuchte Shisha-Bars werden sekundenschnell gesichert. Aus einer tragen die Ermittler kistenweise Wasserpfeifentabak heraus. Geschätzt 50 Kilogramm seien es, meint Dietmar Hampel vom Zoll: „Das ist für einen Auffindort viel und eigentlich ungewöhnlich.“ Der Tabak sei nicht versteuert. Etwa 40 000 Euro Umsatz könne man damit machen.

In Bochum ist es der 18. derartige Einsatz seit August 2017. Damals habe die Stadt erkannt, dass dort die Kneipen reihenweise „wie Dominosteine umkippten“ und sich Shisha-Bars breitmachten, das Klima sich änderte, beschreibt Oberbürgermeister Thomas Eiskirch die Entwicklung. Deshalb hätten die Behörden früh Flagge gezeigt: Zermürbungsstrategie. Die dauert dieses Mal eine ganze Nacht.

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