Der Wolf ist ein schwieriger Nachbar
Alarm auf der Schafweide

Münsterland -

Der Wolf ist in NRW angekommen. Wirklich angekommen, nicht nur auf der Durchreise. Und das sorgt für einen neuen Hype. Kaum eine Woche vergeht, in der er nicht irgendwo gesehen, erahnt oder zumindest befürchtet wird.

Samstag, 19.01.2019, 17:00 Uhr aktualisiert: 19.01.2019, 17:20 Uhr
Der Wolf ist ein schwieriger Nachbar: Alarm auf der Schafweide
Eigentlich hat Schäfer Achim Koop nichts gegen den Wolf – nur seine Schafe soll er gefälligst in Ruhe lassen. Foto: Gunnar A. Pier

In Herbern bei Ascheberg wurde 1835 der letzte Abschuss in NRW dokumentiert. Seitdem galt das Land als wolfsfrei. Bis vor zehn Jahren, da kam das Tier zurück – und nicht nur Rotkäppchens Albtraum. Der Wolf löst Urängste aus. Womöglich liegt es daran, dass seine Rückkehr nicht gleichmütig gesehen werden kann.

Was vielleicht vernünftig wäre. Sagt einer, der von Berufswegen eigentlich eher aufseiten der Wolf-Gegner stehen müsste. Achim Koop , 61, sieht aus, wie man sich einen Schäfer vorstellt. Langer Bart, freundliche Augen, dicke Wolljacke, breitkrempiger Hut. 600 Mutterschafe besitzt er, „hinzu kommen 750 bis 800 Lämmer pro Jahr“. Koop hat seinen Hof in Bedburg-Hau, einige Weiden in Rhede – „und teilweise auch im Wolfsgebiet bei Schermbeck“.

Die Rückkehr der Wölfe

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  • Die Wolfssichtungen im Münsterland häufen sich. Am 23. April wurde dieser Jungwolf in Ibbenbüren gesichtet , der offenbar als Einzelgänger durchs Land streift.

    Foto: Jens Brinkmann
  • Dieses Tier wurde bei Haltern-Lavesum fotografiert. Der Fotograf Sven Bieckhofe glaubt, dass der Wolf nicht auf natürlichem Wege dort hingekommen ist .

    Foto: Sven Bieckhofe
  • Der Wolf polarisiert wie kein anderes freilebendes Tier in Deutschland. Die einen fasziniert er und steht für einen Triumph im Kampf gegen das Artensterben...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...die anderen macht er nervös, weil er Kosten verursacht und Ängste schürt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Schafzüchter fürchten um ihre Tiere.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • So hat Georg Kossen-Voges seine Schafe früher einfach im Garten laufen lassen...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...jetzt muss er sie zusätzlich einzäunen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Jeden Tag nach der Schule geht Hobbyzüchter Sebastian Ostmann zu seinen Schafen in den Stall.

    Foto: Wilfried Gerharz
  •  Ende März hat er sie auf die Weide gebracht und etwas Angst, dass ein Wolf sie angreift

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz

2016 reißt ein Wolf drei von Koops Ziegen

Der Wind weht kalt, im Viehanhänger poltert ein Schaf. Koop erzählt. 2016 habe ein Wolf einige seiner Ziegen ge­rissen, die er zusammen mit 200 Schafen hielt. Der Räuber kam bei Nacht, drei Tiere waren tot, vier verletzt. Der wirtschaftliche Schaden war überschaubar. „Das Schlimmste war, dass die übrige Herde traumatisiert war. Angst vor Hunden, schwierig zu führen: „Ein halbes Jahr ging das so“, erzählt der Schäfer. Das hat ihn geprägt.

Und nun das. Eine Wölfin hat sich ausgerechnet dort niedergelassen, wo seine Schafe weiden. Koexistenz ist leicht gesagt, jedenfalls leichter, als sie sich manchmal leben lässt. Selbst dann, wenn Menschen wie Koop glauben, dass Wölfe, Schafe und Menschen irgendwie zusammenleben können müssen, bereitet ihm der neue Nachbar Stress. Für den Schäfer ist klar: „Der Wolf muss Wolf bleiben.“ Das bedeutet „scheu sein und Menschen meiden. Punkt.“ Darum plant auch er, in zusätzliche Schutzmaßnahmen zu investieren. In elektrische Zäune und Herdenschutzhunde. „Das Risiko ist einfach da.“

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Ausgerechnet dort, wo Achim Koops Schafe weiden, hat sich eine Wölfin niedergelassen. Der Schäfer plant jetzt, in zusätzliche Schutzmaßnahmen zu investieren. Foto: Gunnar A. Pier

Wolf tritt dreimal im Münsterland in Erscheinung

Das wird vielleicht nicht größer, es weitet sich aber aus. Auf der Seite „wolf.nrw.de“ hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (Lanuv) unter anderem jeden Wolfsnachweis in NRW aufgelistet. 51 sind es seit 2009, damals wurde in Höxter das erste Exemplar in NRW gesichtet. Fünf Jahre vergingen, bis der nächste Wolf auf sich aufmerksam machte. Aus Jahren wurden Monate, aus Monaten Wochen: 2014 gab es einen Nachweis, 2018 waren es schon 32. Im Münsterland trat der Wolf bisher übrigens erst dreimal in Erscheinung: in Ibbenbüren, in Oelde und Sendenhorst.

Was nun tun? Fest steht: Der Wolf polarisiert. Darum ist guter Rat doppelt teuer. Aufgrund europarechtlicher Vorgaben genießt das Tier den höchstmöglichen Schutz­status. Nur wenn ein Wolf auffällig wurde, sprich, nicht mehr scheu ist, darf gegen ihn vorgegangen werden. „Dazu gehört zum Schutz der Bevölkerung in letzter Konsequenz auch der Abschuss“, sagt Lanuv-Sprecher Wilhelm Deitermann.

Wir müssen das Zusammenleben von Mensch und Wolf versuchen.

Ortrun Humpert

Die Landesregierung hängt irgendwie zwischen Baum und Borke. Hier der Schutz des Räubers, dort die Interessen von Landwirten, Jägern, Schäfern. Letztere werden bei der Anschaffung von Zäunen und Hunden unterstützt – bisher mit 80, bald zu 100 Prozent. Das Land entschädigt auch Schäfer und Bauern, wenn ein Wolf ihre Tiere reißt, es übernimmt die Tierarztkosten und bezahlt bei Bedarf auch die Tier­körperbeseitigung. Isegrim selber genießt hingegen fast alle Freiheiten.

Schäfer Koop kann damit leben. Andere tun sich schwerer. ist Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Schafzucht-Verbandes – und eigentlich moderat. „Wir müssen das Zusammenleben von Mensch und Wolf versuchen“, sagt sie. Aber dort, wo Wölfe geschützte Herden angriffen, sei Schluss mit lustig. „Diese Tiere müssen weg.“

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Der Wolf löst nach wie vor Urängste aus. Foto: Gunnar A. Pier

Nicht die Frage, ob, sondern wie mit dem Wolf gelebt werden kann

So sieht das auch der NRW-Jagdverband. „Wölfe gehören ins Bundesjagdgesetz“, betont Präsident Ralph Müller-Schallenberg, damit sie überhaupt gejagt werden können. Er selbst habe nichts gegen die Tiere; wichtig sei jedoch das „vertretbare Maß“. Bestands­regulierung lautet hier das Zauberwort. Ähnliches fordern die Landwirte – und seit Kurzem auch Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU).

Für viele Naturschützer sind solche Debatten überflüssig. Es sei nicht die Frage, ob, „sondern wie wir mit dem Wolf leben können“, sagt die Sprecherin des Naturschutzbundes Deutschland in NRW, Birgit Königs. Zudem gelte es, realistisch zu bleiben. „Wir haben in NRW zwei Wolfsgebiete mit zwei Wölfen“, sagt sie. Wie viel mehr es dereinst sein werden, lässt sich nur im Kaffeesatz lesen. Allzu viele würden es wohl kaum, „wenn man bedenkt, dass so ein Revier im Schnitt 240 Quadratkilometer groß ist“, sagt sie.

Koop schließt eine Koexistenz nicht aus

Schäfer Achim Koop kennt die Debatten zur Genüge. Für ihn sind sie mit viel zu vielen Emotionen befrachtet. Für Wölfe, gegen Wölfe: Diese Sicht ist ihm zu schwarz-weiß. „Wie gesagt, ich schließe eine Koexistenz nicht aus“, sagt er und ­blinzelt über seine Brillengläser hinweg. „Wir müssen es einfach ausprobieren.“ Viel anderes bleibt ja auch nicht übrig, solange die Tiere einen derart hohen Schutzstatus genießen.

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