Bewerbungsverfahren läuft an
Land sucht Landärzte

Düsseldorf -

Arbeiten, bis der Arzt kommt: In 120 der fast 400 Kommunen in NRW ist absehbar die hausärztliche Versorgung gefährdet, wenn die Praxisinhaber keine Nachfolger finden. Weil das auf dem Land immer schwerer wird, führt NRW die Landarztquote ein. Im März beginnt das erste Bewerbungsverfahren.

Dienstag, 19.02.2019, 19:24 Uhr aktualisiert: 19.02.2019, 19:34 Uhr
Bewerbungsverfahren läuft an: Land sucht Landärzte
Bewerbungsverfahren für künftige Landärzte läuft an Foto: Oliver Berg

Wenn Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann den Ärztemangel auf dem Land erklären will, erzählt er gerne aus seiner münsterländischen Heimatgemeinde Riesenbeck. Für die rund 6500 Einwohner gibt es nur noch einen Hausarzt, seine beiden Kollegen haben ihre Praxis vor einigen Jahren geschlossen. Ab dem kommenden Wintersemester sollen deshalb die ersten 145 von insgesamt 170 Studierenden ihre Medizinerausbildung beginnen, die sich für zehn Jahre zur Übernahme einer Hausarztpraxis in einer unterversorgten Region verpflichten.

Die Kernpunkte für die bundesweit erste Landarzt-Quote gab Laumann am Dienstag nach der Kabinettsitzung bekannt. „Es geht darum, dass wir Studienplätze an junge Menschen vergeben, die sich den Beruf als Allgemeinmediziner in ländlichen Regionen vorstellen können“, sagte Laumann. „Es ist absolut notwendig, dass wir das Problem so angehen.“

Wie funktioniert die Landarztquote?

Nach dem vom Landtag bereits beschlossenen Gesetz sollen jeweils 7,6 Prozent der an acht Universitäten im Land verfügbaren Medizinstudienplätze außerhalb der üblichen am Numerus clausus orientierten Verfahren vergeben werden. Dafür müssen sich die Bewerber verpflichten, dass sie nach Abschluss eines Studiums der Allgemeinmedizin für zehn Jahre eine Hausarztpraxis in unterversorgten Regionen übernehmen.

Welche Qualifikation müssen Bewerber mitbringen?

Neben dem Abitur – die Note fließt mit 30 Prozent in die Bewertung ein – sollen Bewerber den Test für Medizinische Studiengänge absolvieren, der ebenfalls mit 30 Prozent gewichtet wird. Eine einschlägige Ausbildung und berufliche Erfahrung in medizinischen oder therapeutischen Berufung wird mit 40 Prozent besonders gewichtet. Laumann rechnet mit vielen Bewerbern: „Ich glaube, dass wie so viele Bewerbungen kriegen, dass die Auswahl sehr schwierig wird.“

Wie läuft das Auswahlverfahren?

Das Zulassungsverfahren für die Landarztquote soll getrennt von dem der Hochschulen vom Landesgesundheitszentrum NRW in Bochum und möglichst transparent betreut werden. Für das Wintersemester läuft das Online-Verfahren für die ersten 145 Plätze vom 31. März bis zum 30. April, für die 25 Plätze im Sommersemester vom 1. bis 30. September. Aus den Bewerbern sollen für eine zweite Stufe doppelt soviel Kandidaten zu einem Auswahlgespräch eingeladen werden, als Plätze verfügbar sind. Die Entscheidung trifft eine Jury nach den Gesprächen. Die Zusagen werden im Juli und im Januar verschickt. Wer über die Landarztquote zugelassen ist, wird aus dem normalen Vergabeverfahren gestrichen.
(www.landarztgesetz.nrw)

Was passiert, wenn jemand nach Studienende seine Verpflichtung nicht einhält?

Studierenden, die über die Landarztquote einen Platz in Medizin erhalten haben, sich daran aber später nicht halten wollen, droht eine Vertragsstrafe von 250.000 Euro. „Das sind die Studienkosten für einen Medizinstudienplatz“, begründete Laumann die Summe.

Wo werden die Studienplätze angeboten?

Studienplätze für angehende Landärzte werden an allen acht Universitäten mit einer medizinischen Fakultät eingerichtet – also an den Unis Aachen, Bochum, Bonn, Siegen (Kooperation mit Bonn), Düsseldorf, Duisburg-Essen, Köln und Münster. Ab 2022 soll die medizinische Fakultät für Ostwestfalen-Lippe in Bielefeld mit weiteren 300 Studienplätzen und dem Schwerpunkt Allgemeinmedizin an den Start gehen. Für die Landarztquote stehen dann voraussichtlich 22 Plätze zur Verfügung.

Warum setzt NRW als erstes Land auf die Landarztquote?

Jedes Jahr gehen 400 Hausärzte in den Ruhestand, aus den Hochschulen rücken aber nur 200 fertige Allgemeinmediziner nach, wie Laumann vorrechnet. Von den rund 11.500 Hausärzten in NRW seien 6400 älter als 55 Jahre. Auf den Dörfern im Land seien zwei Drittel der Hausärzte älter als 60 Jahre. „Wir können nicht alles mit ausländischen Ärzten regeln“, sagte Laumann. Allein im letzten Jahr seien 1500 Mediziner aus dem Ausland in NRW anerkannt worden, während von den Unis 2000 neue Ärzte kamen. Im Ausland zeigten sich bereits Folgen, weil viele Ärzte nach Deutschland kämen, merkte Laumann an. „Ich glaube, dass wir die moralische Verpflichtung haben, genügend Mediziner im eigenen Land auszubilden.“

Wo ist die hausärztliche Versorgung dünn?

Das NRW-Gesundheitsministerium führt eine Liste mit 120 Gemeinden aus allen ländlichen Regionen des Landes, in denen die hausärztliche Versorgung akut oder absehbar gefährdet gefährdet ist. In weiteren 40 Gemeinden drohe diese Situation „auf mittlere Sicht“.

Wann sind die ersten nach der Landarztquote zugelassenen Mediziner fertig?

Ein Medizinstudium und die anschließende Spezialisierung in Allgemeinmedizin dauern zehn Jahre. Die ersten Absolventen können also 2029 eine Landarzt-Praxis übernehmen.

Wie stehen die Ärzte zur Landarztquote?

Bei einer Expertenanhörung im Landtag haben die Kassenärztlichen Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe ihre Unterstützung zugesagt. Allerdings zeigten sich die Ärztekammer Nordrhein und der Hausärzteverband Westfalen-Lippe skeptisch, ob sich genügend junge Leute für 20 Jahre inklusive Studium verpflichten.

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