NRW-Innenminister Reul gerät im Fall Lügde unter Druck
„Diese verdammte Pflicht“

Düsseldorf/Bielefeld -

Der Polizeiskandal um verschwundene Beweisstücke zum Kindesmissbrauch in Lügde wird zum Belastungstest für Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU). In 18 Monaten schwarz-gelber Landesregierung hatte sich der 66-Jährige mit harter Hand gegen Kriminelle und öffentlichkeitswirksamen Aktionen als „Paradepferd“ im Kabinett von Armin Laschet (CDU) erwiesen – trotz seiner lockeren Zunge. Nach den schrecklichen Missbrauchsfällen von Lügde und ständig neuen Enthüllungen über weitere Opfer, Täter und Behördenversagen steht Reul nun aber unter Druck, sich als Chefaufklärer zu beweisen.

Samstag, 23.02.2019, 12:30 Uhr aktualisiert: 23.02.2019, 13:08 Uhr
Innenminister Herbert Reul (links) spricht gestern im Landtag mit seinem Staatssekretär Jürgen Mathies.
Innenminister Herbert Reul (links) spricht gestern im Landtag mit seinem Staatssekretär Jürgen Mathies. Foto: dpa

Noch agiert die Opposition mit angezogener Handbremse. Rücktrittsforderungen erhebt sie bislang nicht. Alle fünf Fraktionen haben sich vorgenommen, das Thema Kindesmissbrauch nicht parteipolitisch auszuschlachten.

In einer Landtagsdebatte über Kindesmissbrauch platzierten die Oppositionsfraktionen aber zahlreiche kritische Fragen. Sie verlangen vor allem Aufklärung, wie 155 Datenträger aus Polizeiräumen über Wochen unbemerkt verschwinden konnten. Der Innenausschuss des Landtags soll nächste Woche in einer Sondersitzung mit der Aufarbeitung beginnen.

Seit 2008 waren den bisherigen Erkenntnissen zufolge auf einem Campingplatz im lippischen Lügde mindestens 31 Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren in mehr als 1000 Fällen Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. „Es ist für mich unfassbar, was Menschen Kindern antun können“, sagte Reul . Er sei aber ebenso fassungslos, dass Datenträger aus einem Raum für Beweismittel bei der Kreispolizeibehörde Lippe verschwinden konnten.

„Das ist mein Projekt. Das wird aufgeklärt, soweit es geht. Hundert Prozent“, versprach er. Diese „verdammte Pflicht“ verspüre er nicht nur als Minister, sondern auch als Vater dreier Töchter.

Mit dieser Zusage wirft der 66-Jährige sein ganzes Gewicht als Minister in die Waagschale. In den vergangenen Monaten profilierte sich der ehemalige Lehrer – sehr zum Ärger der Opposition – als unbeugsamer Sheriff gegen Übeltäter. Zuletzt sorgte er mit einer großen Razzia gegen Clankriminalität im Ruhrgebiet bundesweit für Schlagzeilen und ist seitdem gern gesehener Experte in Talkshows.

Anlass für einige deutliche Nadelstiche der SPD . Ihr Abgeordneter Hartmut Ganzke hinterfragte mit Verweis auf über 1000 Polizisten bei der Clan-Razzia, ob das Personal richtig eingesetzt werde: „Ist der Schutz unserer Kinder nicht das Wichtigste?“ Zudem warf er die Frage auf, wieso Reul als Behördenchef laut eigener Aussage erst am Montag erfahren habe, dass schon seit dem 20. Dezember Beweismaterial fehle.

Aufgefallen war das erst am 30. Januar. Die Landesregierung habe doch versprochen, den Fall mit Hochdruck aufzuklären, hakte Ganzke nach. Nun stelle sich aber heraus: „Die Ermittlungsbehörden wollten die 155 Dateien über sechs Wochen nicht einmal anfassen.“

Für den Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) gibt es dafür eine klare Ursache: Personalmangel. „Seit mehreren Jahren weisen meine Kollegen in Lippe darauf hin, dass sie am Limit arbeiten“, sagte Sebastian Fiedler, Bundes- und NRW-Vorsitzender.

Der Leiter der Kriminalpolizei  im Kreis Lippe, Wolfgang Pader (61), ist am Freitag vom Dienst suspendiert worden. Landrat Axel Lehmann (SPD) begründete den Schritt mit Polizeipannen im Fall des Kindesmissbrauchs auf dem Campingplatz in Lügde. Zum einen sei bei der Kripo ein unerfahrener Polizeischüler mit der Auswertung von Datenträgern auf Kinderpornographie hin beauftragt worden. Zum anderen habe der Kripochef den Behördenleiter lange Zeit nicht darüber informiert, dass bei der Polizei  155 CDs und DVDs des Hauptbeschuldigten Andreas V. verschwunden seien.

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