Kriminalität
Neuer Missbrauchsfall in NRW: Reul sieht Polizeifehler

Neuer Missbrauchsverdacht neben dem schlimmen Fall von Lügde: In Bad Oeynhausen soll ein Physiotherapeut während der Behandlung Porno-Fotos von Kindern gemacht haben. Wieder soll es bei den Ermittlungen massive Versäumnisse gegeben haben.

Donnerstag, 04.04.2019, 17:54 Uhr aktualisiert: 04.04.2019, 18:02 Uhr
Ein Hinweisschild zum Campingplatz Eichwald in Lüdge.
Ein Hinweisschild zum Campingplatz Eichwald in Lüdge. Foto: Guido Kirchner

Düsseldorf (dpa/lnw) - Nach dem massenhaften Kindesmissbrauch in Lügde erschüttert ein weiterer Fall von Kinderpornografie mit erneuten Versäumnissen der Polizei Nordrhein-Westfalen. Ein Physiotherapeut aus dem ostwestfälischen Bad Oeynhausen soll in seiner Praxis bei Behandlungen pornografische Fotos von Kinder-Patienten gemacht haben. Die Ermittlungen kamen nur mit massiven Verzögerungen voran. Drei Durchsuchungsversuche der Polizei scheiterten. Erst der vierte Versuch Anfang März war erfolgreich - rund 16 Monate nach dem ersten Hinweis auf die Fotos.

Mit Lügde und Bad Oeynhausen gebe es nun «zwei Fälle, in denen die Polizei Fehler gemacht hat», räumte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag in Düsseldorf ein. Die Opposition aus SPD und Grünen zeigte sich fassungslos und forderte Aufklärung. «Es kann nicht sein, dass über ein Jahr versucht wird, eine Durchsuchung durchzuführen», sagte der SPD-Innenpolitiker Hartmut Ganzke.

Im Fall Bad Oeynhausen gebe es eine «mittlere einstellige Zahl von Opfern, sagte Reul im Innenausschuss des Landtages. Weitere Opfer seien aber nicht auszuschließen, «möglicherweise sogar viele». Im Fall des jahrelangen massenhaften Missbrauchs von Kindern auf einem Campingplatz stieg die Zahl der Opfer inzwischen laut Reul auf 40, hinzu kommen zwölf Verdachtsfälle. Auch die Zahl der Beschuldigten habe sich von sieben auf acht erhöht. Die drei Hauptverdächtigen von Lügde sitzen in Untersuchungshaft.

Die Halbjahresfrist für die Anklageerhebung läuft Ende Mai ab. Reul räumte ein, dass die Ermittlungen aber noch länger dauern könnten. Ein halbes Jahr nach Ausstellung des Haftbefehl muss in der Regel die Anklage vorliegen. Danach überprüfen die Gerichte den Fall und können den Haftbefehl aufheben. Eine Aufhebung erfolgt aber nicht automatisch - es gibt auch begründete Fälle, in denen die Untersuchungshaft fortbesteht.

Im Fall Bad Oeynhausen sitzt der 60-jährige Krankengymnast und Heilpraktiker seit vergangener Woche in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern und des Besitzes von Kinderpornografie.

In den Ermittlungen hat es laut Reul in puncto Ermittlungstempo einen «klaren Fehler» der Polizei gegeben. Der Fall hätte «höher priorisiert» werden müssen, da der Verdächtige als Kinder- und Jugendtherapeut «freien Zugang zu Kindern und Jugendlichen» gehabt habe. Polizeilich sei er zuvor nicht in Erscheinung getreten.

Der Fall lag laut Reul bereits seit November 2017 bei der Kripo Minden-Lübbecke. Erst am 8. März diesen Jahres sei es zu einer ersten Durchsuchung gekommen, eine zweite folgte am 14. März, und erst seit dem 29. März sitze der Mann in Untersuchungshaft. Der SPD-Politiker Ganzke bezeichnete die Verzögerungen als «ein verheerendes Signal an die staatstreuen Bürger in NRW».

Die verdächtigen kinderpornografischen Fotodateien waren laut Bericht Reuls einem Servicetechniker bei der Wartung des Computers des Physiotherapeuten aufgefallen. Drei erfolglose Versuche habe die Polizei unternommen, die Wohnung des Beschuldigten zu durchsuchen, doch man habe ihn nie zuhause angetroffen. Das taktische Vorgehen der Ermittler sei nach Einschätzung der Fachaufsicht im Landeskriminalamt «grundsätzlich durchaus nachvollziehbar», so Reul weiter.

Bei den Durchsuchungen wurden laut Reul Mobiltelefone, Computer und andere Datenträger sichergestellt. Eine Auswertung habe ergeben, dass es sich bei vielen Bildern um kinderpornografisches Material handele. Außerdem gebe es Hinweise darauf, dass der Tatverdächtige solches Material «auch selbst angefertigt haben könnte». Ob der Beschuldigte seine Tätigkeit als Therapeut zu weiteren strafbaren Handlungen ausgenutzt habe, werde derzeit ermittelt.

Wegen «Umfang und Bedeutung» habe die Polizei Dortmund die Ermittlungen am 29. März übernommen, inzwischen seien mit dem Fall etwa 80 Ermittler befasst. Um mögliche weitere Opfer ausfindig zu machen, richtete die Polizei mobile Anlaufstellen in Bad Oeynhausen und im benachbarten Minden ein.

Mit Blick auf die beiden Missbrauchsfälle in Ostwestfalen sagte Reul: «Wir sollten sowohl der Polizei als auch der Staatsanwaltschaft die Chance geben, das Vertrauen wieder zurückzugewinnen.» Reul erklärte die Aufklärung der Fälle zu seinem «persönlichem Projekt». Es gehe um die Frage, ob Regierung, Polizei und Staatsanwaltschaft es schafften, «so weit wie möglich aufzuklären.»

Der Fall Lügde hatte sich wegen Versäumnisse bei den Ermittlern und des Verschwindens von Beweismaterial zu einem Polizeiskandal entwickelt. Zudem sollen Jugendämter frühe Hinweise auf den sexuellen Missbrauch falsch eingeschätzt haben.

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