Kriminalität
Therapeut unter Kinderporno-Verdacht - Polizei greift erst nach einem Jahr zu

Düsseldorf -

Während er Kinder behandelte, soll ein Krankengymnast in Ostwestfalen Porno-Fotos von ihnen gemacht haben. Die Ermittlungen zogen sich über ein Jahr hin. Drei Mal kam die Polizei mit Durchsuchungsbeschluss. Da der Verdächtige nicht zu Hause war, gingen die Ermittler wieder.

Freitag, 05.04.2019, 07:30 Uhr aktualisiert: 05.04.2019, 07:45 Uhr
Kriminalität: Therapeut unter Kinderporno-Verdacht - Polizei greift erst nach einem Jahr zu
Ein Polizeifahrzeug als Anlaufstelle für mögliche Opfer eines Missbrauchsfalls steht in der Fußgängerzone von Bady Oeynhausen. Foto: dpa

Im Zuge der polizeiinternen Ermittlungen zum Missbrauchsfall von Lügde hat Innenminister Herbert Reul am Donnerstag von einem weiteren Fall aus Minden-Lübbecke berichtet, in dem es ein Jahr gedauert hat, bis die Polizei gegen einen Tatverdächtigen vorgegangen ist. Dabei ging es zunächst um den Verdacht gegen einen Physiotherapeuten und Heilpraktiker aus Bad Oeynhausen, dem der Besitz kinderpornografischer Bilder und Video vorgeworfen wird. 

Aufgefallen waren die verdächtigen Daten im November 2017 einem IT-Servicetechniker, der die Computer des Therapeuten gewartet hatte. Wie Reul am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags berichtete, hat die Kreispolizei Minden-Lübbecke im Februar/März 2018 einen ersten Durchsuchungsbeschluss gegen den auch auf Kinder und Jugendliche spezialisierten Physiotherapeuten erwirkt. Es habe dann noch bis Mai gedauert, bis die Beamten erstmals in dessen Wohn- und Praxisräumen anrückten. Weil er nicht angetroffen wurde habe man den Einatz abgebrochen, berichtete Reul. Als Grund nannte er die ermittlungstaktische Erwägung, dass Verdächtige in vergleichbaren Fällen oft Daten mit sich auf dem Smartphone herum tragen.

Kinderpornografisches Material bei Phyiotherapeut

Das sei „grundsätzlich nachvollziehbar“, meinte Reul. Allerdings habe es bis Juli gedauert, bis die Polizei eine erneute Durchsuchung versuchte. Das scheiterte an den gleichen Gründen. Im Oktober sei der Durchsuchungsbeschluss erneuert worden, aber erst im Januar 2019 starteten die Beamten den nächsten Versuch. Erst beim vierten Versuch am 8. März trafen die Beamten den Beschuldigten an – und wurden fündig. Weiteres Datenmaterial wurde Reul zufolge sechs Tage später beschlagnahmt.

„Nach einer ersten Auswertung dieser Bilder handelt es sich bei vielen von ihnen um kinderpornografisches Material“, sagte der Innenminister. Es hätten sich zudem deutliche Hinweise darauf ergeben, dass der Beschuldigte selbst kinderpornografische Bilder angefertigt habe. „Ob der Beschuldigte seine Tätigkeit als Therapeut zu weiteren strafbaren Handlungen ausgenutzt hat, wird derzeit ermittelt.“

„Klarer Fehler“ der Beamten

Dass die Beamten in Minden-Lübbecke mehr als ein Jahr verstreichen ließen, bezeichnete Reul als „klaren Fehler“. Der Mann habe ja als Therapeut „freien Zugang zu Kindern und Jugendlichen gehabt“, sagte Reul. „Das ist eine Frage von Aufsicht.“

Bis jetzt gebe es eine mittlere einstellige Zahl von Opfern, die bekannt sind. Um mögliche weitere Opfer zu erreichen, seien derzeit auf Opferschutz spezialisierte Teams der Polizei auf den Marktplätzen und Bahnhöfen in der Region, insbesondere Bad Oeynhausen, und Minden unterwegs. 

Reul betonte, er habe auch die Abläufe bei der Kreispolizei Minden-Lübbecke überprüfen lassen. Dort habe es nicht solche Fehler wie in der Kreispolizei Lippe gegeben, die Aktenführung sei stringent gewesen, und es habe permanente Absprachen mit der Staatsanwaltschaft gegeben.

SPD-Innenexperte Hartmut Ganzke nannte den neuen Fall erschütternd. „Das ist mir nicht begreiflich“, sagte sein FDP-Kollege Marc Lürbke: Es werde zu prüfen sein, ob der Fall eine geringere Priorität gehabt habe, weil die Mindeststrafe für Kindesmissbrauch mit einem halben Jahr zu niedrig eingestuft sei. Das werde der Landtag aufgreifen. AfD-Fraktionschef Markus Wagner kritisierte, den missbrauchten Kindern sei ein Jahr lang nicht geholfen worden. Wie man entschlossener vorgehe, mache etwa die Steuerfahndung vor.

Zahl der Verdächtigen im Fall Lügde auf acht gestiegen

Auch der Missbrauchsfall Lügde selbst hat sich erneut ausgeweitet. Die Zahl der Tatverdächtigen ist auf acht gestiegen. Zudem kennen die Ermittler jetzt 40 Missbrauchsopfer, in zwölf weiteren Fällen laufe die Prüfung, berichtete Reul. Binnen zwei Wochen sei die Zahl der Spuren von etwa 440 auf 717 gestiegen.

Aus Sicht von SPD und Grünen erweisen sich die ersten Vernehmungen von missbrauchten Kindern durch die Kreispolizei Lippe als problematisch: Einige seien erneut von der Polizei Bielefeld vernommen worden, räumte Reul ein. Ob Fehler oder neue Erkenntnisse der Grund waren, wisse er nicht. Die Grünen-Innenpolitikerin Verena Schäffer monierte, dass die ersten Vernehmungen nicht durch fachlich geschulte Beamte durchgeführt worden seien. Zu befürchten sei, dass eine zweite Aussage verändert ausfalle. Für die Zukunft müsse sichergestellt sein, dass solche Fehler vermieden werden. Ihr SPD-Kollege Ganzke unterstrich: „Ich habe immer noch Zweifel daran, dass diese Vernehmungen so abgelaufen sind, dass sie in einem Gerichtsverfahren Bestand haben.“

Beide Politiker lehnten einen von der AfD-Fraktion beantragten Untersuchungsausschuss zu diesem Zeitpunkt ab. „Wir müssen aufpassen, dass wir durch einen Untersuchungsausschuss nicht die Ermittlungen gefährden“, sagte Schäffer. Es gelte, die Ermittlungen und die Anklage abzuwarten. Ähnlich argumentierte Ganzke: „Wir können nicht so tun, als wäre das Parlament eine zweite Staatsanwaltschaft.“ Allerdings plädieren beide Fraktionen für ein Sondergremium, dass den Schutz von Kindern vor Missbrauch über alle betroffenen Ressorts hinweg aufarbeitet. Die AfD argumentiert hingegen, bis ein Ausschuss arbeitsfähig sei, dauere es mehrere Monate, die sonst verloren gingen.

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